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Finnland – eine Reise ins Winterwunderland

Bei einer Reise in die tiefverschneiten Wälder von Taivalkoski lernen wir vor allem eines: Das Glück liegt auf dem Hundeschlitten!

 

Mit Finnland haben wir bislang immer nur – ohne jemals dort gewesen zu sein – Mückenplagen im Sommer verbunden. Dass dieses weite, menschenleere Land nun ausgerechnet im Winter unser Reiseziel sein soll, haben wir Carstens verbliebenen Resturlaubstagen und dem schon lange währenden Wunsch zu verdanken, einmal Nordlichter zu sehen! In Erwartung einer bilderbuchartigen Märchenlandschaft mit meterdickem Schnee, vereisten Seen und eingezuckerten Wäldern fliegen wir im Januar 2018 von Düsseldorf über Helsinki nach Oulu, eine knapp 200.000 Einwohner umfassende Stadt am bottnischen Meerbusen. Von hier geht es in einem Kleinbus weiter, der uns nach Taivalkoski bringt. Die 4000-Seelen-Gemeinde befindet sich in den südlichen Ausläufern Lapplands, mitten im Nirgendwo, ca. 30 km von der russischen Grenze entfernt.

Wir verbringen eine Woche in der idyllisch an einem See namens Jokijärvi gelegenen Saija-Lodge. In der ersten Wochenhälfte ist es für diese Jahreszeit untypisch mild – 6 Grad unter Null. Doch dann folgt in der zweiten Wochenhälfte ein Kälteeinbruch, der uns knackige minus 27 Grad beschert! Unser Domizil ist ein gemütliches, schneebedecktes Holzreihenhäuschen mit eigener kleiner Sauna. Zu den Mahlzeiten wird viel Landestypisches in einem einladenden Speiseraum serviert. Hier treffen wir drei Mal am Tag auch die anderen Gäste.

Wir sind umgeben von wunderbarer Stille, die nur gelegentlich durch das ferne Gebell der Huskies unterbrochen wird, und weiß eingezuckerten, endlosen Wäldern!

Wenn es den Weihnachtsmann tatsächlich gibt, dann muss er hier ganz in der Nähe mit seinem Rentierschlitten unterwegs sein! Und bestimmt treiben sich hier irgendwo auch die Mumins, die aus Kindheitstagen bekannten Trollwesen, herum!

Die Woche vergeht wie im Fluge mit vielen Aktivitäten, die für uns völlig neu sind. So sind wir auch noch nie zuvor mit einem Skibob gefahren. In moderater Geschwindigkeit geht es zunächst über die große vereiste Seefläche und dann am anderen Ufer in den Wald hinein. Ich hänge mich zunächst als Beifahrerin hinter Carsten auf den Sitz. Mir ist alles zu wackelig und zu schnell. Als wir einen umgekippten Baum auf dem Weg über eine kleine Anhöhe umfahren müssen, verlieren wir im Tiefschnee den Halt und stürzen zu zweit mitsamt dem Motorschlitten zwei, drei Meter bergab zurück auf den Weg. Wir liegen bewegungsunfähig da, während unsere Beine vom Schlitten eingeklemmt werden. Ohne die Hilfe unserer Mitfahrer ist es uns nicht möglich, das Gefährt wieder aufzurichten. Immerhin sind wir unverletzt, und auch der Motorschlitten ist unbeschädigt. In einer kleinen Hütte wärmen wir uns mittags an einem Lagerfeuer wieder auf. Anschließend wage ich mich ans Steuer des Skibobs. Mir ist die Angelegenheit auch jetzt nicht geheuer, denn die bereits eingefahrene Gruppe legt eine Geschwindigkeit vor, mit der ich definitiv nicht mithalten kann und will. Der Schlitten droht ständig nach links oder rechts auszubrechen, und meine Arme schmerzen, da ich kaum Kraft zum Gegenlenken habe. Entspanntes Fahren sieht anders aus. Nach einer Viertelstunde gebe ich mich geschlagen und verziehe mich wieder auf den Beifahrersitz. Carsten hat definitiv mehr Freude am Fahren und genießt es, auf der freien, vereisten Seefläche mal richtig Gas zu geben!

Es ist eine echte Herausforderung, aber auch ein unglaublicher Spaß, bei diesen Temperaturen mehrere Stunden lang auf einem Hundeschlitten unterwegs zu sein! Das Glück hat einen Namen – Hundeschlitten fahren!!

Wir sind hin und weg…und begeistert von den weißen, grauen und braunen Energiebündeln mit leuchtend blauen Augen, die es scheinbar kaum erwarten können, vor den Schlitten gespannt zu werden und loszulaufen!

So in etwa verlaufen meine ersten Versuche als Hundeschlittenfahrerin: Wir bugsieren jeden der wuseligen, erwartungsfrohen Huskys vorsichtig in ein Geschirr. Manche Tiere helfen brav mit und heben im richtigen Moment die richtige Pfote hoch, andere sind kaum zu bändigen. Als alle Tiere eingespannt sind, stehen alle fünf Fahrer mit ihren Hunden und Schlitten hintereinander aufgereiht und warten auf das Signal zur Abfahrt. Ich konzentriere mich gerade noch darauf, dass Handschuhe und Mütze sitzen und die Brille nicht verrutscht ist. Gleichzeitig versuche ich, genug Halt mit einem Fuß auf der Schlittenkufe zu bekommen, mein Gewicht mit dem anderen Fuß und aller Kraft auf die Bremse zu verlagern und darauf zu achten, dass keiner der springenden, wirbelnden, bellenden, wuselnden Hunde sich schon vor Fahrtantritt in den Zugseilen verheddert hat…. da löst jemand ganz plötzlich und unerwartet das Halteseil des Schlittens vom Pflock, und ehe ich einen klaren Gedanken fassen kann, preschen die Huskys los, dass mir Hören und Sehen vergehen!! Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, schön festhalten und rechtzeitig vor der ersten Kurve abbremsen, um es zumindest schon einmal unfallfrei bis auf den vereisten See zu schaffen! Ist man dort erst einmal angelangt, kann man den Fuß von der Bremse nehmen, den Hunden freien Lauf lassen – und genießen!! Nicht zu schnell und nicht zu langsam.

Die gut gelauten Vierbeiner vor mir, der eiskalte Fahrtwind in meinem Gesicht, das Knarzen des Schlittens, die unglaubliche Landschaft, die belebende Geschwindigkeit und die Stille – es ist einfach ein wunderbares Erlebnis!

Nach einer ersten Eingewöhnung auf dem Schlitten ist auf der weiten Ebene des Sees auch Zeit für ein paar kleine Experimente. Wie reagieren die Tiere, wenn man ohne ersichtlichen Grund auf die Bremse tritt? Herzallerliebst! Der Schlitten stoppt, und schon blicken mich fünf irritierte Hundeaugenpaare an, die mich zu fragen scheinen, was denn diese völlig überflüssige und unangebrachte Unterbrechung zu bedeuten hat!

Wir sind bis knapp zur Bewegungsunfähigkeit in einen dicken Schneeoverall, mehrere Lagen Oberteile und lange Unterhosen eingepackt, tragen dicke Schneestiefel mit Lammfell- Einlegesohlen, gefütterte Mützen mit Ohren über ungefütterten normalen Mützen und dicke Fäustlinge. Als Brillenträgerin beschäftigt mich unterwegs unter anderem eines – nur nicht stehenbleiben! Denn durch die ausstrahlende Körperwärme bilden sich auf den Brillengläsern sofort Eisblumen, und die Aussicht in das Winterwunderland ist passé! In Bewegung und im leichten Fahrtwind bleibt hingegen alles schön eisfrei. Auch in Haaren (der Damen und Herren) und Bärten (der Herren) bilden sich kleine Eisfäden und Zapfen, die aber zumindest die Sicht nicht behindern. Die mehrlagige, dicke Kleidung stellt uns vor allem zur Mittagszeit vor eine Herausforderung, als mitten im Wald ein Herzhäuschen mit einem halben Quadratmeter Grundfläche aufzusuchen ist. Das Wichtigste ist dabei, das Ganze möglichst zügig hinter sich zu bringen, um sich dann wieder auf die Rentierfelle zum Auftauen ans wohlig-wärmende Lagerfeuer zu setzen. Dort köchelt ein schmackhaftes Süppchen vor sich hin, und auf dem Grillrost werden knusprige Sandwiches bereitet. In der Nähe der Flammen tauen dann auch die am Vormittag auf dem Schlitten bis zur vollständigen Taubheit eingefrorenen Zehen wieder auf! Mit dem letzten Tageslicht und der einsetzenden Dämmerung kehren wir am späten Nachmittag zur Lodge zurück, ganz schön geschafft, zufrieden und glücklich.

An anderen Tagen erkunden wir die tief verschneite Landschaft in gemächlicherem Tempo zusammen mit unseren Nachbarn Andrea und Hakan auf geliehenen Fatbikes oder nur zu zweit auf Schneeschuhwanderungen im Gelände. Abends entspannen wir am Kaminfeuer und beim Yoga.

An einem knackig-kalten Abend mit sternenklarem Himmel steigt Carsten voller Tatendrang in seinen Schneeoverall und begibt sich bewaffnet mit Kamera und schwerem Objektiv auf die offene Eisfläche des Jokijärvis, um von dort nach Nordlichtern Ausschau zu halten. Ich bleibe in der Hütte unter meiner wolligen Rentierdecke und bitte um Benachrichtigung, falls sich am Himmel etwas tut. Einige Zeit später erhalte ich eine aufgeregte SMS – Nordlichtalarm!! Schnell ziehe auch ich die dicke Winterkleidung an, schlüpfe in meine Schneestiefel und eile nach draußen, um an benachbarte Türen zu klopfen und den anderen Gästen Bescheid zu geben. Wenig später stapfen wir alle zum See – und sehen nichts als einen nordlichtfreien Himmel. Aber Carsten zückt das Beweisfoto – auf dem Display der Kamera ist – dank 25-Sekunden-Belichtung – tatsächlich ein feiner, grüner Schleier am Firmament zu sehen. Wir hingegen starren mit bloßen Auge weiterhin vergeblich in die Dunkelheit. Irgendwann kehren wir ein wenig enttäuscht in unsere Hütten zurück, und es bleibt auch das einzige vermeintliche Nordlichterlebnis in dieser Woche. Die kärgliche fotografische Ausbeute dieses Abends (mit vor lauter Aufregung falsch vorgenommener Kameraeinstellung) könnt Ihr der Bildergalerie entnehmen.

Drei Damen – Lindsey aus England, Adeline aus Singapur und ich aus Deutschland – machen sich leicht bekleidet, mit Handtüchern unter dem Arm auf den Weg zu einer am Waldrand in der Nähe des Seeufers gelegenen Holzhütte. Im Inneren herrscht große Hitze und ein unverkennbarer intensiver, brenzliger Geruch. So muss eine richtige Rauchsauna duften! Einen ganzen Tag lang hat in dieser Hütte ein offenes Feuer gebrannt, um für die nötige Temperatur zu sorgen, und der Rauch ist inzwischen durch kleine Öffnungen weitgehend entwichen. Wir nehmen auf rußgeschwärzten Holzbänken Platz und lassen die Hitze auf uns einwirken. Zwischen den Saunagängen schlüpfen wir in bereitstehende Badeschuhe und stapfen – nur mit einem Handtuch umwickelt – durch den Schnee hinunter auf den zugefrorenen See. In Ufernähe befindet sich ein vielleicht zwei Quadratmeter großes Loch mit einer kleinen Trittleiter in der Eisfläche.

Eine nach der anderen steigen wir ins Eiswasser, und für ein paar Sekunden bohren sich gefühlt tausend kleine Nadeln in unsere Haut!

Adeline hält das Eisbad ganze 10 Sekunden aus. Ich – die Warmduscherin – schaffe es immerhin einmal ganz kurz einzutauchen. Nach drei Durchgängen kehre ich zu unserer Hütte zurück. Die finnische Rauchsauna an diesem Nachmittag ist ein unvergessliches und vor allem noch lange nachwirkendes Erlebnis! Haut und Haare duften auch zwei Tage und mehrere Duschen später noch nach Rauch…

Nach einer tief verschneiten Woche treten wir glücklich die Heimreise an. Der Himmel ist unerleuchtet geblieben, aber wir haben unvergessliche Tage mit netten Menschen, außergewöhnlichen Erlebnissen und leckerem Essen in einer wundervoll verzauberten Landschaft verbracht! Irgendwann werden wir das wiederholen – vielleicht ja dann mit Nordlichtern …

Wart Ihr schon in Finnland, und was habt Ihr dort erlebt? Wir freuen uns auf Eure Empfehlungen, Anregungen und Kommentare!

 

+++ Hinweis: Sämtliche Namensnennungen und Empfehlungen in unseren Beiträgen basieren auf unserer persönlichen Meinung. Für die Erwähnung von Namen, Marken, Titeln etc. und für das Setzen von Links erhalten wir keine Bezahlung und auch keine anderweitige Gegenleistung. +++

 

Comments (2):

  1. Björn

    25. September 2018 at 12:49

    Die Huskys sind total Klasse

    Antworten
    • Nadine

      25. September 2018 at 19:35

      Wir freuen uns, dass sie Dir gefallen 🙂

      Antworten

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