8335463109.8dd5717.a2f4f714dc694e17a5bd0ba4399b76c2
Reiseblog für Flashpacking, Camping, individuelles Reisen

Peru – auf den Spuren der Inkas

Peru mit seiner kargen Küstenwüste, den gewaltigen Anden und den tropischen Regenwaldgebieten haben wir schon immer für ein wunderbares Ziel gehalten.  Aber erst jetzt, mit der Einladung zu einer Hochzeit in der Hauptstadt Lima, werden unsere Reisepläne konkret. Auf einer dreiwöchigen Rundreise per Auto, Bus und Flugzeug erkunden wir den Südwesten des Landes und Wandern auf alten Inka-Pfaden nach Macchu Picchu.

Route:
Lima – Huacachina – Paracas – Nazca – Arequipa – Colca Canyon – Puno – Cuzco – Inka Trail – Aguas Calientes – Cuzco – Lima

 

Von Essen über Madrid nach Lima (161 m über NN)

Hoch über dem südamerikanischen Kontinent überqueren wir die endlosen Weiten des Regenwaldes und nehmen Kurs auf Perus Hauptstadt Lima. Der erste Eindruck aus dem Flugzeugfenster: es ist ziemlich karg! Wir werden in einem Kleinbus vom Flughafen abgeholt. Es ist inzwischen dunkel, und wir lassen die ersten Eindrücke auf uns wirken. Lima erscheint uns urban, quirlig und riesengroß, aber nicht chaotisch.

In den kommenden drei Wochen werden wir individuell unterwegs sein oder uns für einzelne Aktivitäten kleinen Gruppen anschließen. Wegen der begrenzten Zeit haben wir unsere Reise diesmal vollständig vororganisiert und alle Hotels und Transfers, aber auch einige Touren bereits über einen Spezialveranstalter namens Papaya Tours zusammenstellen lassen.

Der aufgeräumte Stadtteil Miraflores mit seinen gehobenen Wohnvierteln und einem ansprechenden Zentrum bildet für Neuankömmlinge aus der Ferne eine gute Ausgangsbasis. Auch unser Hotel für die erste Nacht, das „Casa Andina Miraflores“ befindet sich hier. Nach deutscher Zeit ist es mitten in der Nacht. Wir kämpfen gegen die Müdigkeit an, möchten aber trotzdem noch die nähere Umgebung erkunden – den gegenüberliegenden Souveniermarkt und den fünf Minuten entfernt gelegen Parque Central mit vielen Restaurants und Geschäften.

Von Lima nach Huacachina – Oase im Dünenmeer

In aller Frühe stehen wir an der Busstation des Transportunternehmens Cruz del Sur. Wir sind beeindruckt von den vielfältigen Sicherheitsvorkehrungen – umzäuntes Gelände, Gepäckaufgabe wie am Flughafen, Kontrolle der Ausweise und des Handgepäcks, Video mit Sicherheitshinweisen im Bus, Fotos der Fahrgäste. Wir fragen uns, ob die Maßnahmen einfach nur dem guten Gefühl der Fahrgäste dienen oder tatsächlich einen berechtigten Grund haben… In Peru gilt dasselbe wie seinerzeit in Chile: je luxuriöser der Bus, umso lauter und brutaler das Filmprogramm. Wir reisen tatsächlich luxuriös mit bequemen Sesseln, Beinablage und Snacks, müssen dafür aber auch einen sehr verstörenden Splatterfilm über eine Horror-Bahnfahrt in einer unglaublichen Lautstärke ertragen.

Unsere Fahrt über die Panamericana nach Ica kann beginnen! Die Landschaft zieht an uns vorbei und hinterlässt viele Fragen. Wir sehen unzählige kleinparzellierte „Neubaugebiete“‘ in endloser trockener vegetationsloser Weite, auf denen einzelne kleine Hütten stehen, viele davon aber offensichtlich unbewohnt…Wer baut dort und warum? Wer kauft so ein Grundstück oder bekommt man so etwas zugeteilt? Wir sehen riesige Massen-Hühnerställe mit Planen eingefasst und darunter mit Käfigen voller Geflügel mitten im Nichts im Sand und Staub. Im Hintergrund brandet der tosende Pazifik auf die karge Küste. Wir sehen viele einfache Behausungen inmitten der unwirtlichen, trockenen, staubigen Landschaft, aber auch mit Zaunanlagen und Toren gesicherte Siedlungen, Observationstürme und Sicherheitspersonal. Warnschilder mit Waffensymbol an einem Weinfeld lassen unschwer erahnen, was passiert, wenn man es als Unbefugter wagen sollte, sich zu bedienen.

In der Wüstenstadt Ica werden wir in Empfang genommen und mit einem Taxi ins ca. zehn Minuten entfernt gelegene Huacachina gebracht. Eine Hotel- und Hosteloase mit See und Dattelpalmen inmitten des Dünenmeers der peruanischen Küstenwüste! Unser Hotel „El Huacachinero“ gefällt uns – ein kleiner Innenhof mit Palmen, Kakteen und Pool und ein rustikal möbliertes Restaurant gehören dazu.

Nach dem Essen wagen wir den Aufstieg auf die rd. 200 m hohe Düne direkt hinter dem Hotel. Der Ausblick über das Dünenmeer, das sich vor uns ausbreitet, ist traumhaft schön! Nach dem anstrengenden, wadenkneifenden und zehenspreizenden Anstieg ist der Abstieg umso einfacher. Langsam erst realisieren wir, dass wir tatsächlich in Peru angekommen sind. Im Bus ist alles noch unwirklich und wie in einem Film an uns vorübergezogen.

Wieder unten in der Oase springen wir umringt von einer deutschen Reisegruppe in den eiskalten Pool. Zum Sonnenuntergang kraxeln wir noch einmal auf die Düne und lassen die sandige Endlosigkeit auf uns wirken. Nachdem die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist und der Wind immer stärker geworden ist, versuchen wir uns an einem Spurt, die 45°-Düne hinunter. Wir rennen hinab, der Sand fliegt zu allen Seiten, und wir sinken tief in den fluffigen Untergrund ein. Ein großer Spaß! Ganz flott sind wir wieder in der Oase. Am Abend starten wir zu einem Rundgang durch das Dorf und kehren ins „Desert Nights“ ein, eine Backpacker-Bar mit viel Andrang, leckerem Cusquena-Bier und Pisco Sour!

Hier lernen wir die ersten kulinarischen Klassiker „Palta a la Reina“ (mit Salat gefüllte Avocado) und „Lomo Saltado“ (Fleisch auf Pommes) kennen und genießen dabei die luftig-lauschigen Klänge von Bob Marley, Manu Chao und The Police. Die Müdigkeit übermannt uns.

Von Huacacchina nach Paracas (7 m über NN) / Von Paracas nach Nazca (590 m über NN)

Am Morgen fahren wir in einem Kleinbus über Ica in den Küstenort Paracas. Es geht wieder vorbei an den Hochsicherheitsweinfeldern. Wieder fragen wir uns, wie die Rebstöcke auf dem sandigen, trockenen Wüstenboden überhaupt gedeihen können, ebenso wie Mais und andere Feldfrüchte. Später erfahren wir, dass der ganze Küstenwüstenstreifen von fruchtbaren, lehmigen Flusstälern durchzogen ist, in denen Landwirtschaft möglich ist.

In Paracas steigen wir mit insgesamt etwa 40 anderen Gästen in ein Motorboot und stechen in See. Wir gleiten vorbei an Fischerbooten, Kormoranen und Pelikanen. In der Ferne zeichnet sich am rotbeige-farbenen Hang eine riesige linienartige Struktur ab, die an einen großen Kerzenleuchter erinnert, die Geoglyphe „Candelabra“. Von Menschenhand in grauer Vorzeit angelegt, sind die Details zu ihrer Entstehung bis heute nicht endgültig geklärt. Nach einer halben Stunde Fahrt erreichen wir die Islas Ballestas, eine felsige Inselgruppe, die von unzähligen Seevögeln und anderem Getier bevölkert wird. Da die Inseln nicht betreten werden dürfen und ein Anlanden wegen der Steilküste auch eh nicht möglich wäre, erkunden wir sie vom Boot aus. Ihre Oberfläche ist bedeckt mit Tonnen von Guano, welcher einen beißenden Gestank verströmt. Zwei Guards leben hier in einer Art Forschungsstation, ansonsten nur Pelikane, Kormorane, Truthahngeier, Möwen, Austernfischer, und zwei Seelöwen (Lobos del Mar). Wir beobachten die Tiere und genießen – solange der Wind richtig steht – die Seebrise und die Nähe zum Wasser. Wir müssen jedoch zugeben , dass wir nach den Beschreibungen in unserer Reiselektüre eine größere Anzahl von Tieren erwartet hatten.

Nach einer flotten Rückfahrt mit frischem Wind erreichen wir wieder den Hafen von Paracas. Im Kleinbus erkunden wir die Reserva Nacional auf der Halbinsel Paracas, eine Landschaft bestehend aus endlosen Dünen, Felswüste und steiler, vegetationsloser Küste. Faszinierend! In uns schreit es nach Bewegung, nach Durchstreifen der Landschaft, nach den Ausblicken auf das Meer, aber wir werden zuerst zu einem eher langatmigen Museumsbesuch aufgefordert. Dann geht es endlich, endlich hinaus zu mehreren Aussichtspunkten, so auch zur so genannten Kathedrale. Im Jahr 2007 gab es in der Region ein starkes Seebeben mit Tsunami. Teile des Ortes Paracas wurden zerstört. Die Fläche, über die die Welle in die Reserva hineinschwappte, ist noch heute zu erkennen und wird großräumig umfahren. Die Kathedrale, ein markanter Felsen mit Bogen, wurde teilweise zerstört. Den Bogen gibt es heute nicht mehr.

In der Abenddämmerung treten wir unsere Busfahrt über die Panamericana nach Nazca an. Irgendwann ist es stockfinster, die Straße ist kurvig. Gut, dass ich im Flugzeug in weiser Voraussicht die Iberia-Notfalltüten eingesammelt habe. Eine davon kommt nun zum Einsatz. Auch die Sitznachbarin schräg vor uns ist von arger Übelkeit geplagt. Um kurz nach neun kommen wir in Nazca an, wo wir bereits erwartet und zu unserer Unterkunft, dem Hotel „Oro Viejo“ gebracht werden. Wie auch die anderen Unterkünfte gefällt es uns dort sehr – peruanisch-rustikal mit lauschigen Lounge-Ecken, die wir jedoch in Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit nicht mehr nutzen, sondern es uns mit zwei Cristal auf dem Zimmer gemütlich machen.

Von Nazca nach Arequipa (2.335 m über NN)

Am Morgen werden wir von unserer heutigen Begleitung Susy und dem Fahrer Marcus zu einem Ausflug in die Umgebung Nazcas abgeholt. Wir verlassen die Stadt hinaus in die wüstenhafte Landschaft, zunächst über die Panamericana und dann auf einer Sandpiste bis zur Necropolis Chauchilla. Auf der Fahrt sehen wir Bergbauareale (heute Kupfer, früher Gold), mehrere Kakteenfelder und mitten im Nichts einen Friedhof, der anscheinend noch „in Betrieb“ und ganz schön vermüllt ist. Die Landschaft, durch die wir fahren, ist irre! Weite Kiesebenen und am Horizont absolut vegetationsfreie Hügel. Am Ort der Necropolis stoßen wir auf freigelegte fast 1.000 Jahre alte Gräber der Nazca-Kultur, in denen Mumien mit langem Haar, eingehüllt in Baumwolle und Leinen, umgeben von Grabbeigaben in Embryonalstellung hocken. Zuerst waren die Grabräuber da, später kamen die Archäologen. Viele Gräber sind durch Erdbebenaktivität in sich zusammengesackt. Mehrere Kuhlen im Boden deuten auf die eingefallenen Grabhohlräume im Boden hin.

Zurück auf der Panamericana steuern wir schon bald das weiteläufige Areal der berühmten Nazca-Linien an. Vor Ort kraxeln wir auf einen Hügel, von wo aus wir einen Teil der bis zu 13 km langen Linien und einen Teil des durch den Bau der Panamericana zerstörten „Salamanders“ bestaunen können. Wir können förmlich spüren, dass wir uns an einem mystischen Ort befinden, denn in dem Hügel, auf dem wir stehen, laufen aus allen Himmelsrichtungen viele der scheinbar endlosen Linien zusammen! Einen halben Kilometer weiter befindet sich ein Mirador, ein ca. 15 m hoher Aussichtsturm mit Blick auf die Figuren des „Baums“ und des „Froschs“ bzw. der „Hände“. Zwar lassen sich die Figuren nicht in ihrer vollen Größe überblicken, man erhält jedoch einen sehr guten Eindruck von der präzisen Darstellung, der enormen Ausdehnung der Linien und der Materialität. Die Wüste ist von Steinen bedeckt, die einseitig rot oxidiert sind. Im Bereich der Linien und Figuren wurden diese Steine entfernt, so dass der darunter befindliche ursprünglich weiß-beige Untergrund sichtbar wird und so die Linien und Bilder deutlich hervortreten lässt.

Im nahe gelegenen Museum Maria Reiche werfen wir einen kurzen Blick auf den Arbeitsraum und verschiedene Skizzen und Ausgrabungsstücke der deutschen Archäologin, die hier ab Ende der 1940er Jahre forschte und seinerzeit auch den Mirador errichten ließ. Unsere Zeit ist begrenzt, und so fahren wir zurück nach Nazca, werden fünf Minuten an einem Töpfereiladen ausgesetzt, wo uns eine Dame in Windeseile etwas vortöpfert. Wir müssen weg. Wir wissen nicht so recht, was wir mit diesem Kurzbesuch anfangen sollen und hätten in all der Eile noch nicht einmal ein Tongefäß kaufen können, selbst wenn wir gewollt hätten! Aber dafür wissen wir jetzt, wie die Altvorderen ihre Gefäße herstellten.

Marcus und Susy lassen uns in einem Hähnchenrestaurant „Rico Pollo“ an der Hauptmeile von Nazca zurück, während sie schon einmal unsere Koffer aus dem Hotel holen, zu Cruz del Sur bringen und aufgeben. Es bleibt nur noch eine Stunde bis zur Abfahrt unseres Busses nach Arequipa. Was für ein Stress! Susy teilt uns mit, der Bus habe eh Verspätung und wir könnten auch später zum Busbahnhof kommen: „Entspannt Euch!“

Kurz vor knapp sammelt sie uns wieder ein und begleitet uns zum nahe gelegenen Terminal de Buses. Die komfortable Ausstattung des Busses beeindruckt uns. Riesige Ledersitze mit bequemen ebenfalls mit Leder bezogenen, umklappbaren Beinablagen und eigenem Bildschirm an der Rückenlehne des Vordersitzes mit Kopfhörereingang. Das bedeutet herrliche Ruhe und keine blutrünstigen Filme in Überlautstärke! Laut Fahrplan stehen uns neun Stunden Fahrt bevor.

Zunächst geht die Fahrt durch endlose Sandlandschaften, die gänzlich surreal anmuten, wenn der Wind den Sand aufwirbelt und die Wolken tief hängen. Mordor lässt grüßen. Später sehen wir, wie sich links von uns die Wüste in die kargen Berge erhebt und rechts von uns als flache Dünenlandschaft in den Pazifik abfällt.

Leuchtendes Gelb trifft auf schimmerndes, blaues Wasser und weiße Gischt.

Über dem Dünenmeer und dem Ozean spannt sich dann auch noch vor dem dunkelgrauen Himmel ein Regenbogen auf! Was für eine Szenerie (…untermalt von mitgebrachter peruanischer Folkloremusik, John Mayer und Led Zeppelins Stairway to Heaven)! Die Dünenlandschaft setzt sich als Felswüste fort. Serpentinen führen in höher gelegene Areale, durch eine gottverlassene Siedlung hindurch. Es beginnt zu regnen, und wir gelangen wieder zurück an die Küste. Die Scheiben sind mittlerweile so besudelt, dass wir leider nichts mehr erkennen können. Zudem setzt langsam die Dämmerung ein.

Ich habe mir vorsichtshalber von der Busbegleiterin drei Kotztütchen für den anstehenden kurvenreichen Streckenabschnitt geben lassen. Sie werden glücklicherweise nicht benötigt, jedoch befinden wir uns auf einem schier endlosen Höllenritt durch die rabenschwarze Nacht mit einer gefühlten Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h. Wir sehen nichts. Dann stehen wir ungefähr eine Stunde lang auf der Stelle und sehen auch jetzt nichts außer gelegentlich aufleuchtender Autoscheinwerfer. Was ist los? Erst vermuten wir eine Panne mit dem Bus. Dann erfahren wir von der Busbegleiterin, dass es sich um problemas irgendwo auf der carretera vor uns handele und sie mehr auch nicht wisse. Dafür werden wir mit einem Bingospiel abgelenkt… Es werden Zettel verteilt und Zahlen ausgerufen! Später erfahren wir dann, dass ein Erdrutsch die Straße versperrt hat. Nach einer gefühlten Ewigkeit geht es endlich weiter. Die Liegesitze sind ein Traum, aber nach insgesamt 13 Stunden Busfahrt sind uns sämtliche Extremitäten eingeschlafen oder schmerzen. Um halb vier Uhr in der Nacht erreichen wir den Busbahnhof von Cruz del Sur in Arequipa. Es ist nicht zu glauben, aber selbst um diese Uhrzeit werden wir noch erwartet und zu unserem Hotel „Casa Andina Classic“ in der Calle Jerusalén gebracht. Wir fühlen uns wie die Zombies und fallen todmüde ins Bett mit einer schmalen, puddingartigen Matratze.

Arequipa (2.335 m über NN) – weiße Stadt in den Bergen

Nach vier Stunden Schlaf stehen wir parat für eine Stadtführung. Wir werden von unserer deutschsprachigen Stadtführerin Angela abgeholt. Gemeinsam erkunden wir die Hauptattraktionen der „weißen Stadt“ – die charakteristischen hellen Tuffsteinbauten, den Mercado San Camillo, die Iglesia de Santo Domingo von außen, die Iglesia La Compania mit Innenhöfen und Alpaca-Läden, die Kathedrale und die Plaza de Armas. In der Markthalle bekommen wir eine Einführung in all die exotischen Leckereien, Früchte, die wir noch nie gesehen haben und insbesondere getrocknete Frösche, die eine spirituelle Bedeutung und potenzfördernde Wirkung haben sollen. Durch eine malerische, ruhige Gasse hinter der Kathedrale hindurch und durch die Straßen der Altstadt gelangen wir zum Kloster Santa Catalina, der „Stadt in der Stadt“. Hier endet unser Rundgang mit Angela, und es beginnt unsere ebenfalls deutschsprachige Privatführung mit einer netten Dame, die für das Kloster arbeitet. Wir wandeln durch pittoreske Gassen und Innenhöfe auf den Spuren der Novizinnen und Nonnen, die hier früher ein von der Außenwelt abgeschlossenes Leben führten. Lediglich ihre Dienerinnen durften das Kloster für Einkäufe etc. verlassen und stellten so die Verbindung nach außen her.

Es gibt ein kleines Café, in dem Leckereien verkauft werden, die von den noch verbliebenen 15 Nonnen hergestellt werden. Nach Verabschiedung unserer Begleitung genießen wir noch einmal alleine den Blick von einer Dachterrasse über die Klosteranlage und die Stadt Arequipa. Am Horizont erheben sich der noch mit etwas Schnee bedeckte 6.075 m hohe Chachani, der 5.822 m hohe Vulkan Misti und der 5.571 m hohe Pichu Pichu.

Wir schlendern durch die Straßen, lassen das Gewusel und die vielen in den Läden und Verkaufshallen angepriesenen Waren, die vielen Taxis und Menschen auf uns wirken. Es gibt eine Tortenstraße und eine Halle, in der ausschließlich Kleidung an kleinen Ständen in einer Größe von ca. 3 m² verkauft wird. Dafür gehen sie in die Höhe. In der Markthalle essen wir zu Mittag, kaufen uns als Nachtisch süße Minibananen und trinken frisch gepressten Maracuja-Erdbeer-Orangensaft – wahrscheinlich ein folgenschwerer Genuss.

In der kleinen Gasse hinter der Kathedrale ruhen wir uns ausgiebig aus, trinken Cappuchino, Orangensaft und Mate de Coca, der riecht und schmeckt wie Heu. Wir lesen in den Reiseführern, schreiben Tagebuch und haben endlich einmal Urlaub!

Beklemmend sind die Beobachtungen kleiner Mädchen in Trachten, die mit Lämmchen auf dem Arm Touristen zum Fotografieren animieren wollen, von Kindern und alten Menschen, die um Geld betteln, und die vielen Menschen, die mit kleinen Bauchläden, Schuheputzen und Schreibarbeiten mühsam ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen.

Ein besonderes Kuriosum sind die älteren Herren, die mit ihren Schreibmaschinen auf den Bänken der Plaza de Armas sitzen und ihre Dienste solchen Menschen anpreisen, die von weit her die örtlichen Behörden aufsuchen und irgendein Formular oder Schriftstück vergessen haben, das es nun nachzureichen gilt.

Der Armut steht eine tipptopp unterhaltene Fußgängerzone entgegen, in der die Bessergestellten ihr Geld ausgeben. All diese Beobachtungen verfestigen unseren Eindruck, dass die Schere zwischen Arm und Reich bzw. Mittelstand in Peru ausgesprochen groß zu sein scheint, dass jedoch hier bereits mehr Menschen an einem gewissen Wohlstand teilhaben können als wir dies z.B. in Nepal erlebt haben. Die Autos in den Straßen sind insgesamt in einem deutlich besseren Zustand, die Vermüllung der Landschaft ist vielerorts zwar da, jedoch nicht so extrem ausgeprägt wie es in Nepal zu beobachten war. Die Gehwege sind zumindest in den Innenstädten vorhanden und gepflastert. Und dennoch erinnern uns besonders in den kleinen und in den Randbereichen der größeren Städte die marode Bausubstanz, der Müll, der Staub und die spartanischen Behausungen vieler Menschen dann wieder arg an das kleine Land am Himalaya.

Für den heutigen Abend haben wir – auf Empfehlung Angelas – den Besuch eines der Rooftop-Restaurants an der Plaza de Armas ins Auge gefasst. Im Angesicht der untergehenden Sonne und der Türme der Kathedrale möchte ich eigentlich Cuy (Meerschweinchen) probieren, aber irgendwie ist mir noch nicht danach. So entscheiden wir uns für eine andere Andenspezialität. Alpaca-Steak mit Quinoa-Püree. Es erinnert geschmacklich an eine Mischung aus Schweineschnitzel und Leber. Durchaus lecker. Dazu gibt es Pisco-Sour und Arequipena-Bier. Im Dunkeln setzen wir uns später auf eine Bank und beobachten das Treiben auf der Plaza de Armas. Wir werfen einen Blick in die Kathedrale und in die Kirche Compania, in der gerade eine Messe abgehalten wird und feierlicher Gesang durch die heilige Halle schallt. Zurück zum Hotel.

Von Arequipa über Chivay nach Coporaque

In einer internationalen Kleingruppe mit Guide nehmen wir für die kommenden zwei Tage an einer Tour in den berühmten Colca Canyon teil. Mit von der Partie: ein Rentnerpaar aus Dänemark, ein Australier namens Wayne, Liliana und Amber aus Utrecht in den Niederlanden, zwei Schweizer Jungs und Anke und Anett aus Magdeburg. Wir fahren hinauf in die Sierra, in die Berge hinein. Die Landschaft ist weit und flachwellig, mit einigen Gipfeln und Vulkankegeln am Horizont – einer davon sogar aktiv, wie an der Rauchfahne zu erkennen ist.

An einem kleinen barackenartigen Restaurant am Ende des Universums auf etwa 4.200 m Höhe machen wir Rast. Wir können einen Blick auf die weiten Ebenen werfen, Schafe beobachten, miteinander plaudern und Mate de Coca – der gut gegen die Höhenkrankheit sein soll – trinken. Von einigen Gruppenmitgliedern hören wir Schauergeschichten über die Kälte auf dem Inka-Trail.

Auf der Weiterfahrt durchqueren wir die Hochebenen der Reserva Nacional Pampa Canahuas, in der wir Lamas und Vicunas frei herumlaufen und grasen sehen können. Unweit der Straße entdecken wir einen mit einer niedrigen Mauer umfassten Pferch, in dem sich viele Lamas und Alpacas mit buntem Ohrschmuck drängen. Kurze Zeit später erreichen wir mit dem Patapampa-Pass auf 4.820 m ü NN den höchsten Punkt der Tour, von wo aus wir einen beeindruckenden Rundumblick auf die Berge und die Pampa haben. Dort sitzen auch einige Damen, die ihre Webtextilien anbieten. Von hier aus geht es nun langsam und stetig wieder bergab. Auf einer moorigen Hochebene sehen wir Anden-Gänse und anderes Wasservogelgetier, dann geht es in Serpentinen hinab nach Chivay auf „nur noch“ 3.630 m ü. NN. An der kleinen, beschaulichen Plaza de Armas legen wir eine kurze Pause ein und werden unmittelbar Zeugen einer kleinen Prozession. Es könnte eine Taufe sein, da ein kleines Mädchen mit weißem Kleid am vorderen Ende der Prozession getragen wird. Dort, wo verkleidete Herren tanzend vorauslaufen und eine Musikkapelle aufspielt. Amber, die sich während der Busfahrt noch übergeben musste, sucht während der Pause mit ihrer Freundin und unserer Begleiterin einen Arzt auf, wodurch sich unsere Weiterfahrt etwas verzögert. Die Höhe vertragen wir schon den ganzen Tag – vielleicht auch dank des häufigen Konsums von Coca-Tee – ziemlich gut. Gleichzeitig brennt die Sonne, wenn sie da ist, ziemlich stark. Sobald sie verschwindet – hinter Wolken oder gegen Abend- wird es empfindlich frisch. Im benachbarten Dorf Coporaque beziehen wir unsere Zimmer im sehr schönen Hotel „La Casa de Mamayacchi“.

Zwischendurch hole ich etwas aus dem Hotelzimmer, und als ich wieder heraus auf den Flur trete, finde ich dort das dicke, hoteleigene Lama Manchas vor! Es versperrt den Weg und trottet träge vor mir her in Richtung Garten. Als ich es ein Bisschen anstupse, um es zu schnellerem Gehen zu bewegen, setzt Manchas zu einem schönen Spucker an, trifft mich aber nicht.

Am Nachmittag unternehmen wir mit einem Teil unserer Mitreisenden einen kleinen Spaziergang zu den etwa zwanzig Minuten entfernt gelegenen Thermalbädern. Wir entspannen im 39° C warmen Wasser, genießen den Sonnenuntergang und den großartigen Blick auf die umliegenden Berge und plauschen mit Wayne.

Den Abend verbringen wir in der Kaminecke des Hotels und plauschen weiter mit Wayne.

Auf unserer Tour lernen wir, die unterschiedlichen Vertreter aus der Familie der Kamele Südamerikas auseinanderzuhalten:

Llama – domestiziert, mit vglw. langem Hals, unbehaartem Gesicht und von oben nach unten gebogenem Schwanz, groß und schlank; kann bis zu 35 kg Gewicht tragen und ist daher nicht als Reittier geeignet

Alpaca – domestiziert, mit kürzerem Hals, insgesamt etwas gedrungener, mit behaartem Gesicht und insgesamt fülligerem Fell, deshalb begehrterer Wolleproduzent; noch weicheres und feineres Fell: Baby-Alpacas!

Vicuna – nicht domestiziert, sondern wildlebend, zarter und feingliedriger, feineres, weicheres Fell

Guanaco – nicht domestiziert, sondern wildlebend, Vorkommen eher weiter im Süden des Kontinents, in Chile

Colca Canyon und Cruz del Condor (3.800 m ü. NN)

Unser heutiges Ziel ist der Cruz del Condor, ein Aussichtspunkt hoch über dem Colca Canyon, an dem die in den Steilhängen lebenden Kondore mit der Thermik aufsteigen und sich aus nächster Nähe beobachten lassen. Carsten hat kaum etwas gegessen, fühlt sich schlapp auf den Beinen und ist von starken Verdauungsproblemen geplagt. Im Bus während der Fahrt vegetiert er nur vor sich hin und kann dem Geschaukel auf der Schotterpiste kaum Widerstand leisten. Wir fahren durch ein weites Tal mit terrassenartig angelegten Feldern. Tief unten schneidet sich der Rio Colca ins Gestein, so tief, dass wir nur gelegentlich einen kurzen Blick auf ihn werfen können. Wir durchqueren die Dörfer Yanque, Achoma, Maca und Pinchollo. In Maca gibt es eine geologische Verwerfung, weshalb das Dorf langsam absinkt. Wegen der gelegentlichen Erdbeben ist die Landschaft ständig in Veränderung. Das zeigt sich an der neuen und alten Straße, die am Ort vorbeiführen. Die alte Straße verläuft etwa acht Meter versetzt nach unten. Auch an einer Grabstätte der Altvorderen zeigt sich der Wandel des Geländes. Heute liegen die Öffnungen der Gräber hoch oben über uns in einer Felswand, noch vor zehn Jahren waren sie zu Fuß zugänglich. Faszinierend sind auch die „Wälder“ der Candelabra-Kakteen an den ansonsten eher kargen Hängen über uns. Übermannshohe Kakteen soweit das Auge reicht.

Nach einer Stunde Fahrt auf der Schotterpiste erreichen wir das Areal rund um den Cruz del Condor. Carsten kann sich nur im Schneckentempo fortbewegen, da er so schwach auf den Beinen ist. Über einen kurzen Aufstieg erreichen wir den ersten größeren und stark bevölkerten Aussichtspunkt – und schon sehen wir die majestätischen Kondore unter uns, über uns und fast neben uns kreisen!

Zu früherer Stunde sind sie weiter unten im Canyon und nutzen dann mit zunehmender Kraft der Sonne die Thermik, um aufzusteigen. Dieses Phänomen stellt sich um diese Jahreszeit offensichtlich immer so gegen neun Uhr morgens ein. Wir sitzen da und staunen, beobachten und versuchen, das beeindruckende Schauspiel in ein paar Fotos festzuhalten – was gar nicht so einfach ist!

Die riesigen, schwebenden Kondore mit einer Flügelspannweite bis zu drei Metern aus solcher Nähe zu beobachten ist ein wirklich faszinierendes Erlebnis!

Trotz der grandiosen Landschaft empfinden wir die Rückfahrt beide als etwas zäh. Es ist warm im Bus, die Ruckelpiste, Carstens Schwäche, und auch ich fühle mich irgendwie unpässlich. An einem Aussichtspunkt koste ich für zwei Soles zwei Tuna-Kaktusfrüchte bei einer netten und geschäftstüchtigen Dame in traditioneller Kleidung. Um die Mittagszeit erreichen wir wieder den Ort Chivay. Wir müssen hier eine Zeit auf unseren Weitertransport warten, denn die Gruppe teilt sich nun auf – in Leute, die nach Arequipa und dann nach Nazca fahren, und solche, die nach Puno weiterfahren. Wir sind die einzigen, die noch eine Nacht länger bleiben. Carsten vegetiert am Esstisch vor sich hin. Ich laufe ein wenig die Straße auf und ab, beobachte Passanten und zahlreich vorbeifahrende Motorradtaxen (häufig getarnt als Batmobil). Ich quatsche eine ältere Passantin auf ihre hübsche Tracht an und erhalte Auskunft, dass es noch viel schönere Kleider gebe und dieses nur zum Arbeiten sei.

Wir verabschieden uns von der Gruppe und werden in einem anderen Touribus mit neuem Guide zurück zur Casa de Mamayacchi gebracht. Carsten ist bereits aufs Zimmer gegangen, um sich ins Bett zu legen. Ich folge ihm, nehme eine Dusche und wasche ein paar Anziehsachen. Dann beschließe ich, alleine einen kleinen Rundgang durch den Ort Coporaque zu unternehmen, um die kleinen, bunten Häuser um die Plaza de Armas zu fotografieren und zu sehen, was es in dem verschlafenen Örtchen sonst noch zu entdecken gibt. Die Plaza de Armas ist fast wie ausgestorben. In den kleinen Häusern gibt es jedoch einige geöffnete Lädchen. Um irgendwie mal in Kontakt zu irgendwem zu kommen, kaufe ich in einem kleinen Schreibwarenladen einen Kugelschreiber und wechsle ein paar Sätze mit der Verkäuferin. Im zweiten Laden funktioniert es beim Wasserkaufen bei einem Herrn nicht so gut. Ich streife noch ein wenig auf der Plaza umher und kehre dann zum Hotel zurück. Ein älterer Herr mit umgehängtem Radio will auch nicht mit mir sprechen. Ich gebe auf.

Zurück in der Casa setze ich mich mit Tagebuch und Reiseführern auf die Terrasse und genieße die Ruhe und den Blick über die Terrassenlandschaft, die Berge mit dem aktiven rauchenden Vulkan am Horizont und mit dem Lama Manchas. Außer Manchas ist zunächst auch niemand anwesend. Dann aber ergibt sich die Gelegenheit zum Plausch mit dem vierjährigen Fabricio, deren Mutter hier im Hotel arbeitet. Wenigstens er spricht mit mir! Und eines der mitgebrachten Spielzeugautos findet einen dankbaren Abnehmer. Die Sonne steht am wolkenlosen Himmel und strahlt so intensiv, dass man Sonnencreme benötigt. Gleichzeitig ist es so frisch, dass selbst ein dickes Fleece und ein Schal nicht zu warm sind!

Von Coporaque nach Puno am Lago Titicaca (3.810 m ü. NN)

Am Morgen schwächelt Carsten noch immer von Magen-Darm-Problemen geplagt. Schnell wird klar, dass auch ich mir irgendetwas eingefangen habe. Starke Bauchkrämpfe machen mir das Leben schwer. Ein geplanter Besuch bei einigen Dorfbewohnern fällt damit ins Wasser. Bis zu unserer heutigen Weiterfahrt mit dem Bus muss ich mich mehrmals übergeben. Als wir mittags den Guide für die heutige Busfahrt treffen, spreche ich ihn direkt an, ob wir die Mittagspause bis zur Abfahrt nutzen können, um einen Arzt aufzusuchen. Der Guide reagiert zunächst etwas missmutig und fragt, ob wir den Arzt nicht schon heute Morgen hätten rufen können. Da der Busfahrer nicht bereit ist, uns zu einer Praxis zu fahren, machen wir uns gemeinsam mit dem Guide zu Fuß auf den Weg zum Medical Center an der Plaza de Armas. Die Apotheke ist zwar besetzt, der englischsprachige Arzt jedoch ausgeflogen. Also suchen wir das Hospital mit dem spanischsprachigen Arzt. An einem wenig Vertrauen erweckenden Gebäude mit windschiefer, zerschlagener Eingangstür wird nach einem Telefonat schnell klar, dass es sich nicht um den aktuellen, sondern den ehemaligen Standort des Krankenhauses handelt und es an das andere Ende des Ortes umgezogen ist. Wir atmen auf, müssen dafür aber noch einmal quer durch den Ort laufen, bis wir das neue, kleine Hospitalgebäude gefunden haben.

Drinnen ist alles einfach, jedoch einigermaßen in Ordnung und auf den ersten Blick in einem hygienisch zumindest akzeptablen Zustand. Einer Herztransplantation, Bluttransfusion oder auch nur Blinddarm-OP möchten wir uns hier trotzdem nicht unterziehen müssen… Erst wird an einem Schalter bezahlt, dann warten wir vor der offenen Tür des Behandlungszimmers, in dem noch ein Junge auf der Liege liegt.

Eine alte Dame drängelt sich vor und setzt sich einfach schon einmal ins Behandlungszimmer. Als diese sich nach der Behandlung den Rock wieder hochzieht, werden wir auch schon hereingebeten. Eine Krankenschwester – die wir zuerst für die Ärztin halten – misst Fieber, Blutdruck und Herztöne. Die dicke Spritze, mit der sie aus dem Nachbarzimmer hereinkommt, ist glücklicherweise nicht für mich bestimmt. Nach einiger Zeit des Vegetierens und Wartens kommt der Arzt. Es folgt ein reger Austausch über die Krankheitssymptome und eventuellen Ursachen auf Spanisch und Englisch. Eventuell haben wir uns an verunreinigtem Wasser oder Essen in Nazca einen Infekt zugezogen. Nach einer weiteren Untersuchung, für die wir ebenfalls erst einmal in Vorkasse treten müssen, steht auch fest, dass wir nicht von irgendwelchen Parasiten befallen sind. Das hört sich doch gut an.

Mit etwa einer Stunde Verspätung verlassen wir das Krankenhaus, holen an der Apotheke auf Rezept ein Antibiotikum und eine Flasche Erdbeer-Elektrolyte und steigen schließlich in den Bus. Fünf qualvolle Stunden Fahrt erwarten uns, unterbrochen von zwei spontanen Kurzstopps, damit ich aus dem Bus springen und mich übergeben kann.

Die Landschaft ist wieder grandios, die grasbewachsenen Hügel und Ebenen, die Lama- und Alpacaherden und ein See mit Flamingos! Leider lässt sich das alles mit einer Magen-Darm-Infektion nur bedingt genießen… Im Dunklen kommen wir schließlich in Puno an. Der arme Busfahrer und der arme Guide müssen von hier jetzt noch die mehrstündige Weiterfahrt nach Arequipa antreten! Das erklärt auch die mäßige Begeisterung im Hinblick auf den Arztbesuch und die damit verbundene Verspätung heute Mittag und auch die verständliche Weigerung des Busfahrers, auf seine Mittagspause zu verzichten, um uns durch die Gegend zu kutschieren.

Im Hotel „Casa Andina Classic“ übernimmt Carsten, der sich wieder ganz gut auf den Beinen halten kann, die Anmeldung, während ich den Tränen der Erleichterung nahe in der Sofaecke Platz nehme und direkt von einem hilfsbereiten Mitarbeiter einen Becher Mate de Coca gereicht und Sauerstoff angeboten bekomme. Ich bin unglaublich dankbar für diese nette Geste, obwohl ja die Höhe gar nicht mein Problem ist. Endlich, endlich können wir ins Bett gehen!

Eigentlich müssten wir morgen schon wieder zu den Schilfinseln der Uros und zu einer Übernachtung bei einer Familie auf der Isla Taquile aufbrechen. In meinem Zustand, aber auch bei Carstens noch immer nicht ganz wieder hergestellter Gesundheit völlig undenkbar! Glücklicherweise kann (und leider muss) unser Reiseplan ein wenig umarangiert werden, so dass wir jetzt erst einmal drei Nächte in Puno bleiben können , um uns zu erholen und übermorgen nur einen Halbtagesausflug zu den Uros zu machen. Hoffentlich werden wir schnell wieder fit.

Puno – an den Ufern des Lago Titicaca

Aufgrund von Carstens Befinden wollen wir versuchen, mein Rezept hier in Puno noch einmal einzureichen und damit auch ein Antibiotikum für Carsten zu bekommen. Zugegebenermaßen eine nicht ganz saubere Aktion, aber Not macht erfinderisch! So macht sich Carsten am Morgen auf die Suche nach einer Apotheke. Problemlos erhält er die gewünschten Pillen – da ist es schon erheblich schwieriger, eine Quittung für die Krankenversicherung zu bekommen. Da mit mir noch immer nichts anzufangen ist, bricht Carsten – zwar noch immer geschwächt, aber einigermaßen wiederhergestellt – alleine zu einer kleinen Stadterkundung auf. So zieht es ihn zunächst über die verkehrsberuhigte Einkaufsstraße zur Plaza de Armas und anschließend in Richtung Lago Titicaca. Am See ist es ganz beschaulich ruhig. Es sind hier nur wenige Menschen unterwegs und Touristen fast gar nicht auszumachen. Viele Ausflugsboote liegen ungenutzt im Hafen. Wieder im Hotel sehen wir uns die zweite Halbzeit des Achtelfinalspiels Belgien – USA und die Verlängerung an. Belgien siegt 2:1. Klinsi ist enttäuscht. Nach dem Fußballspiel werde ich zehn Minuten lang mit Sauerstoff versorgt. Ein Hotelangestellter rollt dafür eine Vorrichtung mit einer riesigen Gasflasche nebst Maske herbei. Die Behandlung zeigt unmittelbare Wirkung. Ich fühle mich wacher, und die Energie kehrt ein wenig zurück.

Carsten versorgt uns mit Pollo und Pommes, die jedoch noch nicht so recht munden wollen. Und so geht ein Tag des Herumvegetierens und Leidens früh zu Ende. Der Wecker wird in zehn Stunden und vierzig Minuten klingeln. Die Glieder schmerzen vom vielen Liegen…

Auf dem Lago Titicaca

Am Morgen geht es uns beiden deutlich besser, wenn wir auch etwas kurzatmig sind. Immerhin befinden wir uns auf 3.810 m über NN. Beim Frühstück bin ich noch etwas aufgewühlt – der schüchterne, freundliche Kellner, die Dame, die direkt vor unserem Hotelzimmer Souveniers verkauft und diese fast verzweifelt im Frühstücksraum vor einer Horde amerikanischer Jugendlicher präsentiert und nicht beachtet wird, und zu allem Überfluss im Hintergrund dann auch noch „Wind of Change“ mit Panflöte – das alles treibt mir die Tränen der Rührung in die Augen!

Bis wir für unsere heutige Tour zu den Islas Flotantes de los Uros abgeholt werden, bleibt noch ein wenig Zeit, und wir schlendern zum nahe gelegenen Parque Pino, wo wir an einer Kirche ankommende Hochzeitsgäste mit prachtvollen Kleidern, schmucken Anzügen und Dandyhüten beobachten können. Mit zwei einheimischen Damen sitzen wir auf einer Bank vor der Kirche, beobachten und wechseln ein paar Worte. Carsten flitzt zurück zum Hotel, um einen Fotoapparat zu holen und verpasst leider die Braut und den Brautvater. Die Braut trägt ein weißes Kleid, also eher nach „europäisch-westlicher“ Tradition, ist jedoch umgeben von den weiblichen Gästen in den traditionellen weiten Röcken, und aus der Kirche ertönt der Hochzeitsmarsch aus dem „Sommernachtstraum“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Im Minibus werden wir in einer internationalen Kleingruppe zum Bootsanleger am Titicacasee gebracht. Wir entern ein Ausflugsboot und tuckern durch die Bucht von Puno in einer Fahrrinne durchs Schilf zu den schwimmenden Inseln der Uros, den Islas Flotantes de los Uros. Auf dem Dach des Bootes sitzen wir in der Sonne und genießen den Blick auf das Wasser, das Schilf und die Inseln. Wir überqueren einen breiten Kanal, der zwischen den circa 80 Inseln verläuft. An einer der Inseln legen wir an und werden bereits von winkenden traditionell gekleideten Einheimischen mit zwei Kleinkindern begrüßt. Das „Programm“ beginnt. Alles erscheint uns wie in einer Art Freilichtmuseum, obgleich die Leute offenbar tatsächlich hier leben, aber als Haupteinnahmequelle die Touristen haben, die mit den Ausflugsbooten mal an dieser, mal an jener Insel anlegen. Wir bekommen eine Einführung in den Inselbau, bekommen selbstgebackenes Quinoabrot angeboten, stellen uns alle gegenseitig mit Applaus vor und werden anschließend zu zweit mit einer Mama in ein Schilfhüttchen entlassen, um selbst die traditionelle Kleidung der Uros anzuziehen. Nächster Programmpunkt: Souveniers kaufen. Nach einer Fahrt mit einem der traditionellen Schilfboote, die mit der Muskelkraft der Uromänner betrieben werden, tuckern wir im Motorboot zurück nach Puno. Während unseres Aufenthalts bei den Uros fühlen wir uns wie in einer Mischung aus Freilichtmuseum und „Zoobesuch“. Trotzdem ist ein Einblick in das ursprüngliche Leben auf den Schilfinseln interessant und lohnenswert.

Gegen Abend erkunden wir erneut die Gegend rund um die Haupteinkaufsstraße und erstehen in einem kleinen Einkaufszentrum eine ausgesprochen kitschige Glückwunschkarte für die anstehende Hochzeit unserer Freunde Christian und Carolina. In einer Seitenstraße entdecken wir eine Rock- und Metalbar. Während ich am Parque Pino warte und dabei einen verstrahlten, rauchenden Jugendlichen von meiner Bank verscheuche, flitzt Carsten erneut zurück zum Hotel, um den weit gereisten Fundus an CDs seiner Band Skyconqueror zu aktivieren. Kurz darauf entern wir die Bar. Der etwas unbeholfene Barkeeper hat keinerlei nichtalkoholische Getränke im Haus – wir können jedoch wegen der Antibiotika keinen Alkohol trinken. Also muss der für die Cocktails vorgesehene Orangensaft herhalten. Wir erfahren, dass sich unter einer Gruppe jugendlicher Gäste auch Heavy Metal-Fans befinden. Ich spreche die Gruppe an und überreiche eine CD mit dem Hinweis, dass mein werter Ehemann in der Band spiele. Nachdem geklärt ist, dass ich die CD nicht verkaufen, sondern verschenken möchte, ist die Begeisterung über den Metal aus Alemania groß! Carsten muss ein Autogramm geben, auf You Tube wird auf der Stelle der Song „Demon“ gesucht und zwei Mal hintereinander gespielt, man verlinkt sich über Facebook und macht diverse Fotos miteinander. Im Gegenzug bekommen wir einen Hit der Quechua-Rockband Uchpa vorgespielt. Was für ein würdiger offizieller Release-Tag für die neue CD!

Von Puno nach Cuzco (3.420 m über NN)

In der Frühe steigen wir auf dem Bushof von turismo mer in der Hafengegend von Puno in einen großen, modernen Reisebus mit dem Ziel Cuzco. Es sind einige Zwischenhaltepunkte vorgesehen, so dass es sich nicht um einen reinen Transfer handelt, sondern auch ein kurzweiliges „Besichtigungsprogramm“ auf dem Plan steht.

Die Straße windet sich in die Berge hinein und eröffnet Aussichten auf die Bucht von Puno und den Titicacasee mit verlandeten Randbereichen. Bereits zu Anfang der Fahrt bemerken wir, dass uns die Reisebegleitung namens Marita einiges abverlangen wird. Sie ergießt sich in endlosen Vorträgen auf Spanisch und Englisch – immer alles doppelt – und labert und labert. Wir durchqueren die Metropole Juliaca, die – sofern sich das aus dem Busfenster heraus beurteilen lässt – einen recht verfallenen, staubigen Eindruck hinterlässt. Durch die bergige Graslandschaft gelangen wir nach Pukara (3.575 m ü. NN). Alle Fahrgäste werden in ein kleines archäologisches Museum bugsiert. Noch mehr Gelaber und unschöne Begleiterscheinungen wie das Schlangestehen der 40-köpfigen Reisegruppe an den Toiletten. Wir lassen Steine, prähistorische Schüsseln und Scherben wo sie sind und laufen lieber ein wenig auf der Plaza de Armas umher.

Es geht weiter durch die archaische Berglandschaft bis zum nächsten Haltepunkt – die Passhöhe von „La Raya“, mit 4.335 m ü. NN der höchste Punkt unserer Fahrt. Der Ausblick ist wunderbar: Der oben mitten in die schroffe Berglandschaft eingebettete Gletscher bildet das Quellgebiet des Urubamba River, der in den Amazonas mündet und auch von Machu Picchu aus zu sehen ist. La Raya bildet zugleich die Wasserscheide und die Grenze zur Region Cuzco. Nach dem Überqueren des Passes ist landschaftlich eine Veränderung erkennbar. Es wird grüner und die Hänge sind mit Eukalyptuswäldern und Agaven bewachsen. Marita labert weiter.

In Sicuani spuckt uns der Bus vor einem Touristenrestaurant aus, welches uns im selben Moment verschluckt. Wir haben die Wahl zwischen Außenplätzen mit Generatorbeschallung und Innenplätzen mit Folklorebeschallung. Wir entscheiden uns für die Folklorebeschallung. Die üppige verfügbare Zeit an diesem nur mäßig spannenden Ort nutzen wir zur Besichtigung ein paar angebundener Lamas, Alpacas und Vicunas. Vor dem Restaurant werden wir von einer geschäftstüchtigen Dame zum Kauf eines Kettenanhängers animiert. Und wie es so kommt, lasse ich mir in den folgenden paar Minuten regelrecht das Geld aus der Tasche ziehen. Die 50 Soles haben so schnell die Besitzerin gewechselt – der Geldschein wird mir regelrecht aus der Hand gegrabscht – dass ich gar nicht dazu komme, überhaupt umzurechnen… Und wieder rein in den Bus…

Der nächste Halt ist eine alte Inkastätte Namens Raqchi von beeindruckenden Ausmaßen auf 3.175 m ü. NN. Marita labert noch immer. Hier seilen wir uns rasch von der Gruppe ab und bestaunen alleine die Ruinen. Ein toller Ort! Die Reste des Inka-Tempels, einer Inka-Gottheit geweiht, ähneln denen eines römischen Viaduktes. Nirgendwo sonst haben die Inkas eine so große Dachkonstruktion gefertigt. Den letzten Zwischenstopp haben wir in Andahuaylillas (3.093 m ü. NN), wo sich die Iglesia San Pedro mit einem beeindruckend prunkvollen Innenleben und eine Plaza de Armas mit dicken alten Bäumen befindet. Auch hier laufen wir für uns ein wenig umher, sparen uns aber das Museum. Um viertel nach fünf erreichen wir mit blutenden Ohren Cuzco!

Unser uriges Hotel „Munai Wasi Inn“ befindet sich circa 10 Gehminuten von der Plaza de Armas entfernt. Am Abend laufen wir durch das schmucke, aufgeräumte Zentrum mit ansprechenden Arkaden und Kopfsteinpflaster. An der Plaza befinden sich auch die riesige Kathedrale, viele Trekking-Läden und Gastronomie. Wir suchen uns ein kleines, einfaches Restaurant und bestellen uns einen kleinen Snack. Unsere Mägen nehmen alles wieder dankend an. Während wir nach langem Warten endlich essen, geht die Tür auf, und ein aufgeregter, etwas heruntergekommen wirkender Jugendlicher stürmt herein und dreht sich hin und her. Instinktiv greife ich nach meiner Tasche auf dem Stuhl neben mir, doch der Junge winkt ab – kein Problem! Er hockt sich innen vor die Eingangstür auf den Boden. Die Kellnerin bittet ihn, das Lokal zu verlassen – in dem Moment geht die Tür erneut auf, zwei Polizisten kommen herein und zerren den Jungen im nächsten Moment auf die Straße. Aus dem Fenster können wir sehen, wie er versucht zu entwischen, vier Polizisten ihn jedoch festhalten und dann sogar mit Gummiknüppeln auf ihn eindreschen! Auf der Ladefläche eines Pickups wird er abtransportiert. Eine extreme, sehr unschöne Angelegenheit… Uns ist das Essen im Halse steckengeblieben und wir fragen uns, ob diese Brutalität wohl gerechtfertigt war…

Cuzco – Hauptstadt der Inkas

Am Morgen hören wir irgendwo in der Nähe des Hotels Schüsse, die Sirene eines Polizeiautos, dann Autos hupen. Unser Kopfkino läuft auf Hochtouren… Wir bereiten unsere Rucksäcke für die ab morgen anstehende Mehrtageswanderung auf dem Inka Trail vor, dann entern wir am späten Vormittag einen Biergarten in einem Innenhof, den wir schon gestern ausfindig gemacht haben. Und wie erhofft wird dort das Fußballspiel Deutschland gegen Frankreich – sogar auf einer Großbildleinwand – gezeigt. Die Stimmung ist hervorragend – Deutsche, Franzosen, Peruaner, Kolumbianer, eine schöne bunte Mischung! Der Grill wird angeworfen. Vor uns sitzen mehrere Peruaner und Fans des deutschen Teams. Einer von ihnen hat definitiv schon einige Cusquenas zu viel getrunken und hängt Carsten die ganze Zeit am Rockzipfel. Die deutsche Mannschaft gewinnt mit 1:0. Im Affenzahn hechten wir zurück zum Hotel, wo wir uns zur Abholung für eine mehrstündige Stadtführung bereithalten sollen. Wir haben das Glück, von einem sehr kompetenten und humorvollen Guide begleitet zu werden, der mit Leidenschaft Quechua ist und sein umfangreiches Wissen sehr unterhaltsam zu vermitteln vermag. In der mächtigen Kathedrale besichtigen wir ein Gemälde, welches das biblische „Letzte Abendmahl“ zeigt, bei dem auch Meerschweinchen serviert wird. Ein weiteres Kuriosum ist ein Gemälde mit hochschwangeren Jungfrauen. Beeindruckend ist auch der ursprüngliche Inkatempel von Coricancha, der von den spanischen Conquistadóres nach einem Erdbeben Ende des 17. Jahrhunderts einfach mit einem Kloster überbaut wurde, aber in ihren Grundfesten erhalten geblieben ist. Am Stadtrand von Cuzco erkunden wir das weitläufige Areal von Sacsayhuamán.

Imposante, präzise aufeinandergeschichtete Felsblöcke bilden hier die Reste einer Inkafestung, die von den europäischen Eroberern als Steinbruch für die Kathedrale von Cuzco ausgebeutet wurde.

Am Abend ist es dann soweit, und wir trauen uns in einem Restaurant in der Nähe des Hotels an unser erstes frittiertes Meerschweinchen – cuy chactado – heran. Unser Exemplar scheint sechs Beine zu haben, und frittierte Öhrchen. Es ist nicht schlecht und ähnelt dem Geschmack von Hühnchen. Trotzdem sind wir uns einig, dass es das erste und einzige Meerschweinchen auf unseren Tellern bleiben soll.

Lest hier unseren Bericht über die Wanderung auf dem Inka Trail bis nach Machu Picchu!

Von Aguas Calientes nach Cuzco

Aguas Calientes liegt an einem Ort, der eigentlich keinerlei Anlass für den Bau einer Siedlung zu geben scheint – eingepfercht zwischen senkrechten Felswänden, am Ufer eines zu bestimmten Jahreszeiten reißenden Flusses, der alles wegspült, was sich ihm in den Weg stellt, inmitten einer endlosen, gebirgigen Waldlandschaft im undurchdringlichen Nichts. Umso kurioser erscheint es, dass Aguas Calientes vor Restaurants, Hospedajes, Hotels und Souvenierläden aus allen Nähten platzt. Hin und wieder erschallt ein lauter, dunkler Pfeifton durch den Ort, der unverkennbar von einer Lokomotive stammt. Die Bahngleise laufen mitten durch das Städtchen, zwischen den Häuserzeilen hindurch, und ab und an rollt ein blauer Zug vorbei. All dies wäre hier wohl nicht anzutreffen, hätte nicht im Jahre 1911 ein US-Amerikaner namens Hicham Bingham mit Hilfe von Hinweisen Einheimischer einen der faszinierendsten menschlichen Siedlungsplätze der Welt entdeckt – Machu Picchu!

Nach einer viertägigen Wanderung auf dem berühmten Inka Trail sind wir gestern in Aguas Calientes eingetroffen und haben uns in dem schönen Hotel „El Santuario“ ein wenig regeneriert. Hier lagern wir am frühen Morgen unsere Rucksäcke in der Gepäckaufbewahrung ein, laufen zur Bushaltestelle im Ortszentrum und nehmen einen Shuttlebus hinauf zur Ruinenstadt.

Wir betreten das Gelände der Weltkulturerbestätte diesmal mit viel, viel Zeit zum Verweilen und Genießen! Nach den Strapazen der letzten Tage könnten uns heute keine zehn Pferde zu freiwilligen Anstrengungen bewegen. Stattdessen schlendern wir durch das weitläufige Gelände und erfreuen uns an dem legendären Ausblick über Machu Picchu mit dem Gipfel von Waynapicchu im Hintergrund. Auch wenn das Areal stark besucht ist und wir immer wieder große Touristengruppen umschiffen müssen, gelangen wir auch oft an Orte, die wir fast für uns alleine haben.

Die alten Mauern inmitten der atemberaubenden Berglandschaft ziehen uns magisch in ihren Bann.

Erst am späten Nachmittag fährt unser Zug zurück nach Cuzco, und so bleibt noch viel Zeit für eine kleine Erkundungstour durch Aguas Calientes. Auf dem Marktplatz baut die Stadtverwaltung Plastikstühle vor einem Fernseher auf – „Public Viewing“ auf Peruanisch. Im Halbfinalspiel gewinnt Argentinien gegen die Niederlande und wird im Endspiel auf die deutsche Nationalmannschaft treffen.

Einige Zeit später im Zug: Wir plauschen mit einem frisch verlobten kanadischen Pärchen aus Manitoba. Vom Nachbarsitz dringen die fortwährenden Würgegeräuschen eines an Übelkeit leidenden Jungen zu uns herüber. Gleichzeitig werden wir aus den Lautsprechern von Synthie-Pop-Panflötenterror beschallt. Zur Unterhaltung der Fahrgäste gibt es eine ebenfalls mit Panflötenmusik untermalte Modenschau und kostümierte Tanzeinlage vom Bordpersonal. Alle dürfen den in Alpaca gehüllten Steward streicheln. Der Zug braust durch die Nacht. Nebenan kotzt der Junge zum dreißigsten Mal in seine Tüte…

Am späten Abend erreichen wir den Bahnhof von Poroy in der Nähe von Cuzco. Die Trekkingsachen werden für den Rest der Reise nicht mehr benötigt.

Von Cuzco nach Lima (161 m über NN)

Wir verbringen den Tag in der Altstadt von Cuzco, statten noch einmal der Kathedrale einen Besuch ab und besuchen das kleine, Arkadenhof gelegene Naturhistorische Museum. Es erwarten uns zwei Räumchen mit Glasvitrinen, die mit allerlei ausgestopftem Getier vollgepfropft sind. Affen, Gürteltiere, ein Puma, diverse Vögel, riesige Spinnen, Kaimane, Insekten, Schmetterlinge, aber auch in Konservierungsmittel eingelegte Tiere mit Fehlbildungen, wie zum Beispiel zusammengewachsene Ziegenköpfe!

Am Nachmittag geht die Reise weiter. Nach einem einstündigen Flug über die endlose Sierra erreichen wir Lima und das uns schon vom Ankunftstag bekannte Hotel „Casa Andina Classic“ im Stadtteil Miraflores. Die Hochzeit unserer Freunde steht kurz bevor. Nach einem Telefonat fahren am Abend Carolina und Christian mit einem Taxi vor, um uns für den heutigen gemeinsamen „Junggesellenabschied“ abzuholen! Schon Wochen und Monate vorher haben wir unsere Reise geplant, Gespräche geführt, Daten und Flugzeiten ausgetauscht… und so kommt es uns jetzt ziemlich surreal vor, nach dieser wunderbaren, aber doch anstrengenden Rundreise den Beiden leibhaftig hier inmitten der peruanischen Hauptstadt gegenüber zu stehen!

Einige Häuserblocks weiter betreten wir den schon von außen respekteinflößend schick aussehenden Club „Sukha“, der mit einer riesigen, goldenen Buddhastatue und stylischen Loungemöbeln eingerichtet ist. Gedanklich ziehen noch die slumartigen Behausungen und die Ufer eines völlig vermüllten Flusses, die wir auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt gesehen haben, an uns vorbei… krasser können Gegensätze nicht sein! Die Welt, in die wir nun eintauchen, prallt regelrecht auf die Welt, die wir während unserer Rundreise gesehen haben.

Im Club sind neben Christians Bruder und seiner Frau auch noch eine Freundin und Cousine Carolinas und deren spanischer Freund mit von der Partie. Wir verbringen gemeinsam einen schönen Abend und freuen uns auf den übermorgen anstehenden großen Tag!

Kleine Abenteuer in Lima

Mit dem Taxi düsen wir am späten Vormittag zur Plaza San Martín in der Altstadt. Auf dem palmengesäumten Platz bewundern wir die Figur der Madre Patria. Aufgrund von Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Planung und Ausführung setzten die Steinmetze der Statue statt einer Flammenkrone (Flamme = llama) ein Lama (ebenfalls = llama) aufs Haupt!

Über den Jirón de la Unión, eine Einkaufsstraße mit unzähligen Schuhgeschäften, gelangen wir zur Iglesia de la Merced mit einem großen, silbernen Kreuz, welches die Gläubigen berühren und davor beten, einer kleinen Figur von Johannes Paul dem II. und viel Prunk.

Weiter geht es zur Plaza de Armas / Plaza Mayor, wo vor dem Palacio de Gobierno eine Veranstaltung mit unzähligen Schulklassen stattfindet, die später die ganze Innenstadt bevölkern. An der Plaza befindet sich auch die Kathedrale mit den sterblichen Überresten Francisco Pizarros, die wir uns aber nur von außen ansehen (die Kathedrale, nicht die Überreste). Da es nun schon Mittagszeit ist, unterbrechen wir unseren Stadtrundgang und laufen geradewegs ins Barrio Chino, um dort zu essen. Rund um den Mercado Central erwartet uns eine bunte Menschenmenge in den Straßen. Scheinbar überwiegend Einheimische, die in und an unzähligen Lädchen, Straßenständen und bei fliegenden Händlern ihre Einkäufe erledigen.

Es gibt so ziemlich alles – Kindergeburtstags- und Feiertagsdeko, Kleidung, Pappbecher, Wachteleier, gebrannte Mandeln, Lastendienste, Styroporplatten, Schuhbänder, Klebeband, Schreibwaren und – unser persönliches Highlight – Plastikkeulen!

In der Markthalle – angeordnet unter einem baufälligen, übel aussehenden Lagerhochhaus – stoßen wir auf eine bunte Auswahl an ungekühlt herumhängendem Fleisch, toten Hühnern, Fisch, Obst, Gemüse, Muffinförmchen aus Papier, Anzügen und sonstiger Kleidung, lebendigen Gänsen und lebendigen Meerschweinchen in Käfigen. Gut, dass wir unseres schon gegessen haben. Spätestens jetzt hätten wir es wohl nicht mehr übers Herz gebracht. Hier lassen wir uns treiben und setzen dann unseren Stadtrundgang an der Plaza Bolívar mit dem Kongress und einem Besuch des Museo de la Inquisición fort. Dort werden Plastikpuppen mit mittelalterlichem schauerlichem Gerät gefoltert. Vor dem Monasterio de San Francisco tummeln sich aberhunderte von Tauben und unzählige Schülergruppen, die die Tiere immer wieder unter großem Gequieke aufschrecken. Die zugehörige Kirche verfügt über üppigsten Prunk.

Es heißt, in Lima möge man Taxen aus Sicherheitsgründen immer telefonisch im Hotel oder Restaurant bestellen und niemals auf der Straße anhalten. Zurück an der Plaza San Martín sind wir ein wenig geschafft von unserem Rundgang und wollen möglichst schnell wieder zu unserer Unterkunft. Wir sind zu zweit, mutig, und Carsten ragt hier eigentlich immer mindestens zwanzig Zentimeter aus Menschenansammlungen heraus. Also wagen wir es doch… nicht ohne uns einen besonders vertrauenserweckenden, älteren und somit tendenziell leicht zu überwältigenden Taxifahrer auszusuchen. Das Sicherheitsbedürfnis scheint – bestimmt nicht ohne Grund – auch auf der anderen Seite groß zu sein. Dieses Taxi ist mit einem Käfig um den Fahrersitz ausgestattet, der offenbar Schutz vor Übergriffen bieten soll… Die Fahrt verläuft aber ohne Zwischenfälle, und wir werden ordnungsgemäß vor unserem Hotel abgesetzt.

Gegenüber besuchen wir die Kunsthandwerksmärkte – Inka Market, Indian Market und Inka Plaza – bis wir vor lauter Webartikeln, Alpacadecken, Souvenirkitsch und Akquiseversuchen nicht mehr können. Nach Rücksprache mit Christian steht schnell fest, dass ein heutiges Treffen wegen der Hochzeitsvorbereitungen nicht möglich ist. Da wir aufgrund des Schlafmangels in der letzten Nacht recht müde sind und dies auch eigentlich unser letzter Abend des Urlaubs in Zweisamkeit ist, sind wir gar nicht so böse, für uns zu bleiben.

Am Parque Central in Miraflores kehren wir in ein kleines Restaurant ein. Als wir nach dem Essen aufbrechen wollen, werden wir von einem peruanischen Pärchen am Nachbartisch angesprochen. Ich unterhalte mich mit Ihm und freue mich über die Konversation auf Spanisch. Sie hat aufgrund ihrer immensen Oberweite und ihres Silberblicks ein sehr auffälliges Äußeres und spricht kein Englisch. Die Kommunikation zwischen Carsten und ihr beschränkt sich daher weitestgehend auf Zeichensprache und Komplimente. Die Dame wackelt provozierend mit ihren pechos und sagt Carsten, was er doch für eine wundervolle Nase, Gesicht, Kopf und was weiß ich nicht noch alles hat. Im Nachhinein fragen wir uns, ob dieses illustre Pärchen noch irgendetwas anderes mit uns vorhatte, als einen harmlosen Plausch… Irgendwie alles nett, aber merkwürdig.

Auf dem Rückweg zum Hotel treffen wir im Parque Central auf ein kleines amphitheaterartiges Rondell gefüllt mit Zuschauern, zwei Guitarreros, einem Kastentrommler mit herrlich schiefen Zähnen, einem gemischten Chor und einem Moderator, der die Menge immer wieder durch Kommentare und Zwischenbemerkungen zum Lachen bringt. Nacheinander treten alle möglichen Leute – alt, jung, Mann, Frau – auf und geben begleitet von den Gitarrenspielern oder auch durch Musik vom Band spanischsprachige, teils auch englische Lieder zum Besten. Viele davon scheinen allen Anwesenden (außer uns!) bekannt zu sein, und die Menge trällert mit. Einige Lieder sind herrlich schnulzig, was der Moderator wiederum durch Zwischenrufe auf die Schippe nimmt. Corazon, esperanza, amor… das volle Programm! Zwischendurch klimpern die Guitarreros, und es bilden sich wiegende Paare auf der Tanzfläche. Ein wunderbares Bild!

Hochzeitsfeierlichkeiten

Über eine breite Avenida gelangen wir durchs Banken- und Geschäftsviertel von Miraflores zum Pazifik. Dort treffen wir auf das in die Steilküste hineingebaute Einkaufszentrum „Larcomar“ mit Nobelboutiquen, westlichen Ketten und Restaurants. An der Uferpromenade leihen wir uns zwei Fahrräder und düsen oberhalb der Steilküste an luxuriösen Apartmenthäusern mit Zaunanlagen und kleinen, gepflegten Grünanlagen entlang bis in den benachbarten Stadtteil Barranco.

Der jahreszeitlich bedingte und für Lima typische neblige Dunst liegt über der Stadt. Er hüllt die ganze Umgebung in zu helles, gleichzeitig aber auch trüb-breiiges Licht. Der Himmel verfließt grau in grau mit dem Meer, die Sonne bleibt verborgen.

Eine irgendwie drückende Atmosphäre.

Am Ende der Radtour und nach den bisher gewonnenen Eindrücken sind wir uns sicher, dass Lima weder zu den städtebaulich ansprechenden noch zu den fahrradfreundlichen Metropolen der Welt gehört. Und trotzdem gibt es in diesem Schmelztiegel immer wieder kleine charmante Inseln und viele interessante Orte.

Am Nachmittag beginnen die Feierlichkeiten zur Hochzeit unserer Freunde in einer kleinen Kapelle in einem Stadtteil mit dem klangvollen Namen Jesús María. Das große Fest findet am Abend im Garten eines Clubs für hochrangige Mitglieder der Ordnungs- bzw. Verteidigungsbehörden statt. Über eine lange Bogenbrücke, die über einen beleuchteten Pool mit Wasserfontänen führt, gelangen wir in das große, pavillonartige weiße Festzelt, das mit rotem Teppich, runden Tischen, üppigem Blumenschmuck, weißen Stuhlhussen und einer beleuchteten Bar ausgestattet ist. Beim Essen nutze ich die Gelegenheit zum Plausch mit dem Geistlichen und groove nach diversen Ansprachen mit dem Onkel der Braut zu rhythmischen, lateinamerikanischen Klängen über die Tanzfläche. Der Abend erreicht seinen Höhepunkt, als die so genannte „hora loca“, die verrückte Stunde, ausgerufen wird. Es werden lange Luftballons, rot-weiß gepunktete Mützen, alberne Hüte, Sonnenbrillen, Luftschlangen und Konfetti verteilt. Ein irres Meerschwein, eine albtraumartige Sambatänzerin und ein Disco-King auf Stelzen animieren die Partygäste zu wildestem Getanze. Und mittendrin ein glückliches Brautpaar! Ein rauschender Abschluss für eine abwechslungsreiche Rundreise!

Von Lima nach Essen (116 m über NN)

Neben dem Parque Central befindet sich das altehrwürdige, seit den 1950er Jahren bestehende Café „Haiti“. Zur Mittagszeit füllt sich der Laden mit vielen älteren Limenos und wenigen Touristen. Alle warten auf das Endspiel der Weltmeisterschaft. Die Einheimischen sind fast alle für Argentinien, so auch der ältere Herr, der mit an unserem Tisch sitzt. Ein waschechter Mirafloreno.

Immer wieder rufen die Besucher durch den Saal: „Vamos Argentina, vamos!!“ oder „Vamos Messi, vamos!!“. Wir antworten mit „Vamos Alemania, vamos!!“.

Nach neunzig Spielminuten steht es 0:0. Verlängerung. Wir müssen jedoch zurück zum Hotel, wo wir von einem Kleinbus erwartet werden, der uns zum Flughafen bringen soll. Während der Fahrt hören wir im Radio weiter die Übertragung des Finalspiels, verstehen jedoch so gut wie gar nichts, bis der Moderator: „Goooooooooaaaaal!“ schreit, dann folgt unmittelbar eine Werbeunterbrechung: „Dieses Tor wurde Ihnen präsentiert von Blablabla! Blablabla erfrischt Sie bei diesem wunderbaren Tor!“…oder so ähnlich. Und wer hat es nun geschossen?! Das hat auch der Taxifahrer nicht mitbekommen… Das Spiel geht weiter… oder ist es schon zu Ende? Große Verwirrung! Dann aber ist es amtlich. Deutschland ist Fußballweltmeister 2014 – und wir können beruhigt den Heimflug antreten.

Nach rund elf Stunden Flug von Lima nach Madrid und nochmals zwei Stunden Flug von Madrid nach Düsseldorf können wir aus dem Fenster üppiges Grün und die Mintarder Brücke sehen! Zu Hause! Am Ausgang erwartet uns eine Überraschung! Unsere Eltern nehmen uns mit Sekt und Blumen in Empfang… und es gibt von Mama gemachte FRIKADELLEN mit KARTOFFELSALAT!!

Wart Ihr schon in Peru oder plant eine Reise dorthin? Wir freuen uns auf Eure Empfehlungen, Anregungen und Kommentare!

 

+++ Hinweis: Sämtliche Namensnennungen und Empfehlungen in unseren Beiträgen basieren auf unserer persönlichen Meinung. Für die Erwähnung von Namen, Marken, Titeln etc. und für das Setzen von Links erhalten wir keine Bezahlung und auch keine anderweitige Gegenleistung. +++

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.