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China – Die schwebenden Felsen von Wulingyuan

In der Provinz Hunan wartet eine bizarre Naturlandschaft aus markanten Sandsteinzinnen auf uns – der Nationalpark Wulingyuan. Die in den Himmel ragenden Türme erinnern an die schwebenden, moosbewachsenen Berge aus dem Kinofilm Avatar. Unzählige Spazier- und Wanderwege erschließen das ansonsten unwegsame Gelände und führen zu spektakulären Aussichtspunkten. Doch auch an diesem Ort gilt: Wir sind nicht allein…

Noch daheim in Deutschland haben wir einige unangenehme Dinge über das Fliegen in China gehört und gelesen. Die Zusammenfassung lautet: die Angelegenheit sei zwar sicher, aber nicht unbedingt schön – was zum Beispiel das Benehmen der Leute an Bord, Gerüche, Verspätungen, verlorenes Gepäck und solche Sachen angehe. Entweder haben wir einfach Glück, oder aber die Geschichten waren Quatsch, maßlos übertrieben. Entgegen allen Erzählungen geht jedenfalls auch unser heutiger Flug von Guilin nach Zhangjiajie (Dayong) völlig reibungslos und komfortabel vonstatten. In der Region Guilin haben wir die vorangehenden Tage verbracht und dort besonders den Ort Yangshuo und die umgebende Karstkegellandschaft kennengelernt. Mehr dazu erfahrt Ihr hier.

Vor dem Terminal suchen wir den Taxistand und werden direkt von einem der dort wartenden Herren geködert. Er fordert 600 Yuan. So langsam wissen wir, ob man uns was vormacht! Ich biete 200 Yuan. Er geht direkt auf 300 Yuan runter. Geht doch! Meine 250 Yuan will er dann aber merkwürdiger Weise nicht annehmen. Der „Deal“ kommt nicht zustande.

Ein weiterer Herr spricht uns an und bietet uns die Fahrt direkt für 200 Yuan an. So hatten wir uns das vorgestellt. Wir werden an den zuständigen Fahrer übergeben, und los geht´s. Unser Ziel ist Wulingyuan – das Tor zum Wulingyuan Scenic Area bzw. Zhangjiajie National Forest Park. Im Auto gibt es einige Verwirrung um die Hoteladresse und den Hotelnamen. Der scheint auf Chinesisch anders zu lauten als auf Englisch. Wir sind der Meinung, das Hotel heißt „Lee´s Boutique Resort“. Der Fahrer ist der Meinung, der Hotelname beinhalte „irgendwas mit Panda“ (so sagt zumindest sein Übersetzungsprogramm). Er telefoniert merkwürdig lange mit dem vermeintlich richtigen Hotel. Wir sind irritiert und harren der Dinge, die da kommen.

Am Zielort übergibt uns unser Fahrer an einer Hauptstraße unweit der Altstadt an einen weiteren Herrn. Er spricht ebenfalls kein Englisch, deutet jedoch an, dass wir ihm folgen sollen. Also trotten wir mit unseren Koffern hinter ihm her bis in ein ca. 100 Meter weiter an der Uferpromenade gelegenes, hübsches Hotel mit Holzschnitzereien an der Fassade und einer opulenten Eingangshalle im traditionell chinesischen Stil. Am Gebäude ist jedoch kein Hinweis auf den Hotelnamen erkennbar. In der Lobby hängt eine rauchende Männergruppe herum, und der Rauch zieht durch sämtliche Gänge.

Uns kommt das alles einigermaßen dubios vor, und so können wir uns auch gar nicht richtig auf den eigentlich netten Empfang einlassen, der uns hier bereitet wird. Emsige, unglaublich freundliche Angestellte eilen mit warmen Handtüchern herbei und bitten uns mit einem warmen Puffreissnack an einen Tisch. Ich bin unentspannt, mir ist das alles zu übertrieben. Und außerdem möchte ich erst einmal sichergehen, dass wir auch wirklich in unserer gebuchten Unterkunft und nicht irgendwo anders gelandet sind. Ich bitte mit Händen und Füßen um eine Visitenkarte des Hotels. Die Karte, die man uns reicht, enthält – was sonst – nur chinesische Schriftzeichen (wahrscheinlich bedeuten sie „irgendwas mit Panda“…). Schließlich zeigt man uns das Hotel auf einer Internetseite, und siehe da – zum ersten Mal erscheint dort der Name, der sich auch auf unserer Reservierungsbestätigung findet – Lee´s Boutique Resort! Wir sind richtig! Jetzt schmeckt auch der Puffreissnack.

Das Hotelzimmer ist in einem üppigen chinesischen Stil eingerichtet, mit Himmelbett, Badewanne, Beamer und Leinwand. Die Krönung: ein beheizter Toilettensitz und eine blau ausgeleuchtete Kloschüssel! Wer zum Teufel braucht so etwas?!

Wir begeben uns auf eine erste Stadterkundung. Auch außerhalb des Hotels scheint keine Verständigung auf Englisch mehr möglich, und wir können fast kein Schild lesen. Lost in translation.

Wulingyuan ist ein vergleichsweise beschauliches Städtchen mit vielen Hotels, Restaurants und Geschäften an einer Hauptmeile, einer kleinen Altstadt und einer gepflegten Promenade am Flussufer. Alles scheint auf die überwiegend chinesischen Besucherströme ausgerichtet zu sein, die von hier in den Nationalpark aufbrechen. Abends – wenn die Ausflügler zurückkommen – erwacht der Ort dann richtig zum Leben.

Wir streunen auf der Suche nach einer einladenden Einkehrmöglichkeit herum. Es ist später Nachmittag, und wir haben seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Glücklicherweise sind die vor den Restaurants ausliegenden Speisekarten bebildert. Aber nichts spricht uns wirklich an. Für den Umstand, dass wir uns an diesem Ort kulinarisch besonders schwertun, gibt es nur eine plausible Erklärung. In der Region Wulingyuan trifft man auf die einzigartige Küche der lokalen Bevölkerung, der Tujia, die offenbar auch für chinesische Touristen etwas Besonderes ist. Ein regionales Spezialitätenrestaurant reiht sich an das andere. Angestellte in Trachten sitzen vor den Eingängen und tickern auf ihren Handys. Wenn sich Gäste nähern, gehen sie in Position und betätigen mächtige Trommeln, um die Aufmerksamkeit der potenziellen Kundschaft auf sich zu ziehen. Das volle Folkloreprogramm passend zur lokalen Küche.

Auch im Restaurant unserer Wahl erfolgt die Konversation mit Händen, Füßen und Übersetzungsprogramm. Selbst „Coca Cola“ – als Allerweltsmarke – wird hier nicht verstanden… aber nur, weil ich es nicht richtig ausspreche! Ich erfahre, dass man nur Cola sagt, und dies mit Betonung auf dem letzten Buchstaben, also „Colaaaaa“. Immerhin gibt es kleingedruckte englische Untertitel unter den Abbildungen der Speisekarte. Das hilft.

Die Auswahl ist teils sehr „exotisch“. Hier steht auch der streng unter Schutz stehende, aber auch in Farmen gezüchtete Riesensalamander auf der Karte. Zwei mittelgroße, etwa 40 Zentimeter lange, lebendige Exemplare warten in einem Bottich auf ihr Verderben. Ausgewachsen erreichen sie eine Länge von etwa 1,50 Metern und sollen für den Menschen absolut harmlos sein. Umgekehrt kann man das nicht behaupten. Darüber hinaus auf der Karte: Schweinefüße, Schweinezunge, gekochter Springfrosch und Fischkopf. Wir bestellen weit weniger exotisches Rindfleisch mit Ingwer, Chili und Koriander und Dumplings mit Hack-Lauch-Füllung.

Unseren Abendspaziergang unternehmen wir durch die Fußgängerzone der Altstadt „Xibu“ mit einer Reihe von Bars am Flussufer des Suoshui, einem Pagodentempel und kleinen, offenen Wasserkanälen, die ein wenig an Freiburg erinnern.

Zurück im Hotel, entpuppt sich die rauchende Männergruppe in der Lobby als Fernsehteam. Die Luft ist zum Zerschneiden mit Zigarettenqualm gesättigt. Der engagierte Herr, der uns empfangen hat, versucht uns nun mit Händen und Füßen zu überreden, an einem Fernsehinterview teilzunehmen, in dem wir erzählen sollen, wie toll Lee´s Boutique Resort ist. Wir antworten auf die gleiche Art und Weise, dass wir uns dazu doch erst einmal ein paar Tage im Hotel aufhalten müssten, sonst könnten wir doch gar keine seriöse Einschätzung abgeben. Dem hat er wenig entgegenzusetzen. Später sehen wir ein weiteres westliches Pärchen (offensichtlich die einzigen anderen Gäste außer uns) mit ihm und dem Fernsehteam am Tisch bei Tee in Aktion. Damit sind wir aus der Nummer raus, was uns durchaus recht ist.

Frühstück. Die Angestellten wirken so übertrieben bemüht, dass wir uns vorkommen wie in der Trueman Show! Ach Du Schreck, wir haben wirklich Gäste im Hotel! Doch langsam gewöhnen wir uns alle aneinander, und nach den anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten spielt sich irgendwie alles ein. So müssen wir jeweils am Vorabend einen Zettel ausfüllen und ankreuzen, was und wieviel davon wir am Morgen essen wollen. Bereitwillig kommen wir jedes Mal wieder unserer Pflicht nach, und jedes Mal serviert man uns entweder zu viel oder etwas anderes. Eigentlich ist es also egal, was wir ankreuzen. Aber alles ist frisch zubereitet und lecker. Mir hat es besonders die würzige Nudelsuppe angetan, die man hervorragend auch schon morgens schlürfen kann.

Da wir es am Vorabend aufgrund der bestehenden Sprachschwierigkeiten nicht geschafft haben, die Frage nach einer Busfahrt zum Nationalpark zu klären, bietet sich unglaublich netter Weise eine Angestellte an, uns zum Busbahnhof zu begleiten. Sie hat ein simultanes Übersetzungsprogramm auf ihrem Handy, mit dem wir sogar ein wenig Konversation betreiben können. Wir sind dankbar, denn auch hier ist für uns kaum ein Schriftzug lesbar. Unsere hilfsbereite Begleitung bleibt, bis wir im richtigen Gefährt sitzen.

Gezahlt wird im Bus. Zehn Yuan (= ca. 1,30 Euro) für eine halbe Stunde Fahrt pro Person. Unser Ziel: der Haupteingang des Nationalparks / Waldparks in der Nähe des Zhangjiajie Village. Und wie kommen wir zurück? Darüber machen wir uns später Gedanken. Jetzt erstmal rein in den Park!

An einem der zahlreichen Ticketschalter erwerben wir eine Eintrittskarte für 4 Tage und zwei Personen zu 450 Yuan (= ca. 58 Euro). Nach fünf Minuten Fußweg gelangen wir an eine großangelegte Haltestelle, an der die Shuttlebusse zu den verschiedenen Ausgangspunkten und zu den Talstationen der Bergbahnen abfahren. Es regnet fast den ganzen Tag ununterbrochen, aber wir ziehen unser selbst auferlegtes Programm durch.

Heute verbringen wir insgesamt siebeneinhalb Stunden im Nationalpark. Mit einrechnen muss man mehrere Shuttlebusfahrten und eine Seilbahnauffahrt, bevor wir das eigentliche Wandergebiet erreichen. Das heißt: vom Eingang Zhangjiajie Village nehmen wir einen Shuttlebus bis zur Talstation Huangshizai. An dieser Stelle könnten wir eine Seilbahn in das hiesige Wanderareal nehmen, steigen aber in einen weiteren Shuttlebus um, der uns zu einem Fußweg bringt. Am Ende des Fußwegs erwartet uns – kaum zu glauben – ein Shuttlebus! Und als wir uns schon fragen, ob wir heute wohl noch etwas anderes sehen als Innenräume von Shuttlebussen, findet unsere Fahrt an der Talstation Yuangjiajie tatsächlich ein Ende. Mit der Seilbahn gelangen wir hinauf in das gleichnamige Wanderareal des Yuangjiajie Scenic Areas.

Die Routen führen über überwiegend komfortable Steinpfade und Treppen. Einige Passagen sind jedoch sehr steil, und zu einzelnen Aussichtspunkten gelangen wir nur über auskragende Stahlleitern.

Die Stationen unserer Wanderung:

  • Natural Great Wall Observatory
  • Tianbo Mansion (Stahlleitern!)
  • One Step to Heaven (Stahlleitern!)
  • Condor in the Cliffs
  • Tiger confronting Dragon

Die Landschaft mit ihren unzähligen nebelumhüllten Sandsteinzinnen und schwindelerregend tiefen Schluchten ist sphärisch, wie aus einer anderen Welt! Würden plötzlich zwischen den Zinnen Flugsaurier auftauchen, wäre man nicht erstaunt! Dieses Areal trägt seit 1992 völlig zu Recht den Titel eines UNESCO-Weltnaturerbes.

Der Besucheransturm hält sich in Grenzen. Ob es an dem bescheidenen Wetter liegt? Die endlosen, heute jedoch kaum gefüllten Wartereihen an den Kassen, den Bus- und Seilbahnstationen lassen auf deutlich mehr Trubel an anderen Tagen schließen. Und auf der Wanderung begegnen wir nur gelegentlich anderen Menschen. Die chinesischen Reisegruppen mit ihren Guides und den lautsprecherverstärkten Mikrofondurchsagen lassen wir glücklicherweise hinter uns, als wir den Hauptpfad verlassen und mit dem Abstieg über unzählige Steintreppen hinab in eine tiefe Schlucht beginnen. Der Weg führt unten an einem Bach entlang, in einem großen Bogen durch ein bewaldetes Tal zur Talstation Yuangjiajie zurück.

Mit dem Shuttle (irgendwie landen wir im richtigen) düsen wir wieder zurück zum Haupteingang. Und wie aus dem Nichts rollen dort genau im Moment unserer Ankunft unzählige Busse an. Wir fragen uns durch und versuchen gleichzeitig zu verstehen, welche Zielorte die Fahrer aus den Fenstern rufen. Und so dauert es gar nicht lange, bis wir auch hier im richtigen Fahrzeug zurück nach Wulingyuan sitzen. Wie schön, dass sich manche Dinge wie von selbst klären!

Am nächsten Morgen ist das Wetter noch immer sehr verregnet. Im Laufe des Vormittags erwartet uns im Nationalpark eine Aneinanderreihung von „Pleiten“ und eine Begegnung mit dem Massentourismus von seiner unangenehmsten Seite. Trotz des bescheidenen Wetters ist es dieses Mal voll. Ewiges Warten auf den Shuttle, lärmende Menschenansammlungen, wuschige Touristen, die auf die ankommenden Fahrzeuge zu rennen, als gäbe es kein Morgen mehr (vermutlich aus Angst, den Anschluss an die entsprechende Gruppe zu verlieren), eine endlose Serpentinenfahrt im Stehen im rappelvollen Bus mit beschlagenen Scheiben.

Unser Ziel ist heute der gläserne, an einer Felsklippe angelegte und insgesamt rund 330 Meter hohe Bailong-Fahrstuhl. Die Auffahrt ist im Eintritt nicht enthalten und extra zu zahlen. Bei schönem Wetter ist das bestimmt eine spektakuläre Angelegenheit – zumindest deuten einige Fotos im Wartebereich darauf hin, dass der Aufzug dramatisch in eine unwirkliche Landschaft eingebettet ist. Aber jetzt im Regen sind auch hier die Glasscheiben beschlagen, die Felsen allesamt in dichten Nebel gehüllt, und die Fahrt ist nach einer halben Minute auch schon wieder vorbei.

Oben angekommen, marschieren wir mit den Menschenmassen einen schnurgeraden Weg entlang, um erneut in einen Shuttlebus zu steigen, der uns an einem Aussichtspunkt wieder auswirft, an dem wir auf eine weiße Wand aus Nebel blicken. Nur ein paar Affen springen herum, die sich Essensreste aus dem zahlreich herumliegenden Müll zusammensuchen. Unsere Stimmung ist gedämpft. Bis hier hin hat diese ganze Nervaktion bestimmt eine Stunde gedauert. Wir geben auf. Weitere Viewpoints abzuwandern macht bei dem Wetter einfach keinen Sinn. Wieder endloses Warten auf die Shuttlebusse. Erst sitzen wir auch noch im falschen Gefährt, während die anderen mit dem richtigen Ziel ohne uns abfahren. Boah!

Aber einen kleinen Plan B, um den Tag zu retten, haben wir noch: eine Wanderung durch das Tal des Goldpeitschenflusses! Von der Bushaltestelle laufen wir zwei Stunden gemütlich, fast ebenerdig am Fluss entlang bis zum Waldpark-Eingang Zhangjiajie. Auf dem Weg: unzählige Ausblicke auf einen wunderschönen, sprudelnden Gebirgsfluss, der sich durch die glatten, steilen gelb-roten Felswände seinen Weg bahnt. Hoch oben thronen die mit einzelnen Baumgrüppchen bewachsenen Zinnen. Hier unten, unterhalb von Wolken und Dunst, haben wir sogar eine einigermaßen gute Sicht! Wir sind mit dem Tag versöhnt.

Zurück am Nationalparkeingang lasse ich mich erschöpft in einen elektrischen Massagesessel in der Eingangshalle plumpsen, um mich außerhalb des Gedränges ein wenig auszuruhen. Leider habe ich die Lautsprecher in den Kopfstützen übersehen. Es dauert keine Minute, bis selbst hier im Entspannungssessel eine Quäkstimme laut „Ni hao!“ ruft und losplappert. Ich… kann… nicht… mehr…

Am nächsten Morgen. Gespitzte Ohren und ein Blick aus dem Fenster verraten uns: es regnet nicht mehr! Die Berge heben sich klar am Horizont ab! Früh (wie wir finden) brechen wir zum Parkeingang auf und stellen dort schockiert fest, dass gefühlt bereits halb China auf den Beinen ist… Die Reisebusse rollen in verdächtiger Anzahl von allen Seiten herbei und die ersten Gruppen versammeln sich schon zum Fotoshooting vor dem Tor. Das verheißt nichts Gutes. Nach einem ersten Riesengedränge hinter der Einlasskontrolle sitzen wir dann jedoch unerwartet schnell im Shuttlebus zur Gondelbahntalstation auf den Tiazishan-Berg.

Kurze Zeit später erleben wir – oh Wunder – ganz für uns allein in einer Gondel (!) die wohl spektakulärste Seilbahnfahrt unseres Lebens durch eine atemberaubend schöne Kulisse aus Sandsteintürmen!

Die Bergstation befindet sich oben auf einem Plateau. Hier müssen wir einen Shuttlebus nehmen, um zu einer Aneinanderreihung an Aussichtspunkten zu gelangen. Die etwas mühsame Anfahrt lohnt sich. Über auskragende Stege und Terrassen, eine Naturbrücke und eine Gitterrost-Stahlkonstruktion arbeiten wir uns zu den einzelnen Viewpoints vor. Allesamt bieten sie phänomenale Ausblicke in eine Wunderwelt aus hohen Türmen und tiefen Schluchten. Heute erleben wir auch das Panorama vom berühmten Avatar-Lookout und der Enchanting Terrace, die gestern Morgen nur den Blick hinein in eine weiße Nebelwand ermöglichte.

Die Kehrseite der Medaille: Lärmende Gruppen, quäkende Lautsprecher, Gebrüll, Herumgefuchtel mit Selfiesticks, Gedränge, Müll. Einige Besucher werfen den anwesenden Affen in Plastik verpackte Snacks zu und finden es zum Schreien komisch, dass die Tiere das Essen aus den Verpackungen pulen. Der Müll landet im besten Fall irgendwo auf dem Weg, im schlechtesten Fall irgendwo im Abgrund. Eine Gruppe Touristen fotografiert erst die Affen in unserer Nähe, und dann mich zusammen mit einem Gruppenmitglied, und ich komme mir vor wie eine Idiotin.

Oben auf dem Tianzishan-Plateau befindet sich eine Filiale einer berühmten Burger-Kette. In unserem digitalen Kartenmaterial hatten wir sie bereits im Vorfeld der Reise entdeckt und waren uns seinerzeit noch sicher, dass wir sie auf keinen Fall aufsuchen würden. Im Nationalpark ins Fast Food Restaurant – welch absurde Vorstellung, dachten wir damals! Aber so langsam gewöhnen wir uns daran, dass auf dieser Reise so Manches absurd ist. Wir haben Lust auf etwas Bekanntes und können nach all den kulinarischen Experimenten der letzten Tage nicht widerstehen. So verspeisen wir um zehn Uhr morgens voller Genuss Burger mit Pommes! Wir nehmen uns vor, dass wir es zu Hause niemanden erzählen.

Am Nachmittag nehmen einen Pfad abseits der Hauptrouten hinab ins Tal. Und siehe da! Herrliche Ruhe, Vogelgezwitscher und Grillenzirpen! Wie wunderbar kann diese Landschaft sein, wenn um einen herum nicht so ein Spektakel herrscht! Innehalten, frische Luft inhalieren, der Stille lauschen und ins Grüne blicken – welch ein Luxus! Das Highlight: das Durchschreiten eines Sandsteinbogens und eine malerische Brücke über einen sprudelnden Bergbach!

An unserem letzten Tag in Wulingyuan lagern wir unser Gepäck nach dem Auschecken im Hotel ein und stürzen uns um halb neun noch einmal in das Gewusel auf dem Tianzishan-Plateau. Wir haben viel Zeit, denn unser Flug nach Beijing geht erst am späten Abend.

So wollen wir es langsam angehen lassen und auf der Terrasse des Schnellrestaurants erst einmal in Ruhe Kaffee trinken und uns mit Muffins für den Tag eindecken. Im Café liegen in der Auslage 3 (in Worten: DREI) Muffins. Walnuss, Schoko, Blaubeer.

Wir halten diese Exemplare für die Musterauslage und bestellen zwei Schoko- und einen Blaubeermuffin. Die Angestellte vermittelt uns auf Chinesisch und in rudimentärem Englisch, dass es tatsächlich nur diese 3 (in Worten: DREI) Muffins gibt.

Wir: Ok, dann nehmen wir einen Schoko- und einen Blaubeermuffin.
Die Angestellte: No.
Wir: No?
Die Angestellte: No.
Wir: Sind die nicht zu verkaufen?
Die Angestellte: Sie sind noch gefroren.
Wir: Egal, wir nehmen sie trotzdem.
Die Angestellte: No.
Wir (mit etwas Nachdruck): Aber wir nehmen sie wirklich gerne! Auch gefroren!
Widerwillig packt die junge Dame die Muffins in eine Tüte. Wir sind glücklich, dass die Verpflegung für heute zumindest einigermaßen gesichert ist.

Während wir draußen auf der Terrasse gemütlich unseren Kaffee schlürfen, sehen wir die Angestellte mit einer durchsichtigen Box aus einem Lagerraum zurückkehren – die Box enthält exakt einen Schoko- und einen Blaubeermuffin!

Als Carsten sich einen zweiten Kaffee holt, kauft er den nun wieder neu in der Auslage stehenden, gefrorenen, EINEN Schokomuffin. Das funktioniert ohne weitere Verweigerung. Dann sehen wir die Dame ein zweites Mal aus dem Lagerraum zurückkommen. Mit exakt EINEM Schokomuffin! Uns juckt es in den Fingern, noch einen weiteren Muffin zu kaufen… aber wir wollen es nicht auf die Spitze treiben.

So sitzen wir leicht erhöht unter unserem Sonnenschirm, und die Menschenmassen wabern an uns vorüber auf ihrem Weg von der Shuttlebusstation zu den Aussichtspunkten. Wir fühlen uns ein wenig wie Zootiere. Viele der Vorbeiziehenden gaffen uns regelrecht an, als kämen wir von einem anderen Planeten, einige machen „heimlich“ (megaauffällig!!) Fotos von uns. Andere fragen immerhin vorher, ob sie uns ablichten dürfen. Zwischendurch werden wir auch einfach angesprochen und in einen kleinen Smalltalk verwickelt.

Die Aussichtspunkte sind bis zum Bersten gefüllt mit Menschen. Nicht nur die Aussicht, sondern auch der Lärmpegel ist phänomenal!

Wir steuern die 10-Mile-Gallery an, einen Wanderweg hinab ins Tal, und hoffen so auf ein wenig Ruhe. Schon bald sind die Touristengruppen verschwunden, und statt Geschrei und Geschnatter hören wir die Vögel zwitschern! Die Panoramaterrassen entlang des Weges bieten mindestens genauso spektakuläre Aussichten wie die überfüllten weiter oben. Eine empfehlenswerte Alternative abseits des Trubels. Über unzählige Stufen gelangen wir treppab zur Bergstation eines Monorails, der die Besucher durch ein malerisches Tal mit unzähligen Schmetterlingen und Vögeln hinab zur Shuttlebusstation befördert. Wir entscheiden uns für die fußläufige Alternative über den parallel zur Schiene verlaufenden Wanderweg, auf dem uns Menschen, Menschen, Menschen entgegenkommen. Eine letzte Fahrt in einem überfüllten Shuttlebus zurück zum Eingangstor – und wir sind draußen!

Unser Fazit:

  • Die Felstürme von Wulingyuan gehören zu den beeindruckendsten Landschaften, die wir jemals besucht haben! Besonders bei Regenwetter, wenn sich die Zinnen durch dichte Nebelschwaden offenbaren, fühlt man sich wie in einer anderen Welt.
  • Aber: An keinem anderen Ort haben wir Natur und Massentourismus so unangenehm aufeinanderprallen sehen! Und an keinem Ort wechselte unsere Stimmungslage so schnell zwischen großer Begeisterung und resignierter Genervtheit!
  • Trotzdem: Wer früh unterwegs ist, sich auf den Trubel der Hauptrouten einstellt und die abseits gelegenen Pfade aufsucht, kann die faszinierenden Seiten des Nationalparks entdecken und die überwältigenden Panoramen in Ruhe auf sich wirken lassen.

Unsere Reise geht weiter – die kulturellen Schätze Beijings warten schon auf uns. Hier erfahrt Ihr mehr!

Habt Ihr Euch schon einmal zwischen Naturerlebnis und Massentourismus wiedergefunden? Und wie seid Ihr damit umgegangen? Wir freuen uns auf Eure Nachrichten, Tipps und Kommentare!

 

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