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China – In den Karstbergen von Yangshuo

Raus aufs Land – In der Provinz Guangxi im Südosten Chinas ist im Laufe der Jahrtausende eine bizarre Karstkegellandschaft mit idyllischen Flusstälern entstanden. Heute gilt die Region als Anlaufpunkt für viele chinesische und auch westliche Besucher, die die Gegend per Fahrrad, Motorroller und Floß erkunden. Nach Einbruch der Dunkelheit erstrahlen die Karstberge Yangshuos im Licht der beeindruckenden „Sanjie Liu“ Impression Light Show.

Nach ersten überwältigenden Tagen in der Millionenmetropole Shanghai landen wir am späten Abend auf dem Flughafen Guilin – rund 70 Kilometer von unserem Zielort Yangshuo entfernt. Yangshuo gilt als „ländlich“ gelegener Anlaufpunkt für westliche Touristen in der Region. Mehr als 100.000 Einwohner sollen hier leben – das klingt erst einmal nicht nach grünem Idyll….

Wenig später im Taxi: Stolz auf unsere supergute Reisevorbereitung zücken wir einen ausgedruckten Reiseplan und halten ihn dem Fahrer unter die Nase. Vorbildlich haben wir zu Hause die Adressen unserer vorreservierten Unterkünfte in Google Maps recherchiert und die dort dargestellten chinesischen Schriftzeichen in unsere Tabelle übernommen. Zusätzlich hat Carsten Kartenmaterial auf sein Handy geladen und die Standorte der Unterkünfte vorher gekennzeichnet. Der Fahrer reagiert allerdings nicht so, wie erhofft. Er kann offenbar mit unseren Schriftzeichen nichts anfangen. Was wir da genau in unsere Tabelle kopiert haben, werden wir wohl nie erfahren. Aber immerhin stimmt die Telefonnummer. Wir rufen in der Lodge an und übergeben an den Fahrer, der sich so den Weg erklären lassen kann. Carsten verfolgt die Anfahrt über die Karte seines Handys und ist noch nicht so recht überzeugt, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Er bietet daher Unterstützung an und gibt per Übersetzungsprogramm Hinweise zum Weg. Der Fahrer verkündet wiederum über sein Übersetzungsprogramm, dass er den Weg kennt und wir „sicher sein können, dass er uns zum Ziel bringt“. Was er eigentlich sagen will, ist vermutlich:

„Geht mir nicht auf die Nerven und lasst mich meinen Job machen!“

Also halten wir einfach den Mund, lehnen uns zurück und begeben uns vertrauensvoll in unbekannte Hände, bis wir in der Dunkelheit schließlich wohlbehalten auf den Parkplatz unserer Unterkunft rollen. Die Mountain Retreat Lodge befindet sich einige Kilometer außerhalb von Yangshuo. Am nächsten Morgen zeigt sich erst, in welch wunderbarer Umgebung wir hier gelandet sind! Durch das geöffnete Fenster und den leichten Vorhang fällt das erste Licht des Tages ins Zimmer. Umhüllt von Nebelschwaden zeichnen sich auf der gegenüberliegenden Seite des Yulong Rivers unzählige Karstberge ab.

Hinter dem Haupthaus ragen bei der Uferstraße die Felswände auf, und um uns herum nichts als üppig grüne Vegetation, bewässerte Felder und Bambushaine…

Während wir im paradiesischen Garten der Lodge in einer lauschigen Sitzecke direkt am Ufer ein auf unseren „europäischen“ Geschmack ausgerichtetes Frühstück genießen, treiben auf dem Yulong River die ersten Ausflugsfloße vorbei. Sie sind hier im Gegensatz zu den Booten auf dem berühmteren Li-Fluss unmotorisiert und dementsprechend geräuschlos im Einsatz. Was wir zunächst für eine kleine Gruppe Ausflügler auf dem Wasser halten, entpuppt sich im Laufe des Tages als nicht enden wollender Strom an Floßen, auf denen jeweils ein Steuermann die Fahrgäste stromabwärts transportiert. Erst am frühen Abend zieht das letzte Floß vorbei, und auf dem Wasser kehrt Ruhe ein.

Floßfahrt auf dem Yulong River

Über einen gepflegten Fußweg spazieren wir von der Lodge aus flussaufwärts bis zum nächstgelegenen Startpunkt, um selbst an dem Vergnügen auf dem Wasser teilzunehmen! Ein Ticket für zwei Personen kostet für eine halbstündige Floßfahrt 160 Yuan (umgerechnet rund 20 Euro). Wir reihen uns in die fast ausschließlich aus chinesischen Touristen bestehende Warteschlange ein. Die ebenso lange Wartezeit vertreiben wir uns damit, das Gewusel um uns herum zu beobachten und die Verbotsschilder mit der Aufschrift „Spucken verboten!“ zu bestaunen.

In der ruhigen Strömung treiben wir bald flussabwärts, freuen uns über andere Floßausflügler, die sich über uns freuen und lassen die wunderschöne Landschaft geruhsam an uns vorüberziehen. Als wir an einer Staustufe „spektakulär“ die Füße anheben müssen, um nicht nass zu werden, werden wir fotografiert und können das Bild am Ende der Fahrt erwerben. Das hat was von Wildwasserbahnfahren im Phantasialand…

Oberhalb des Floßanlegers treffen wir auf eine Brücke, über die wir auf die andere Flussseite und zurück zur Lodge gelangen wollen. Hier verläuft die Hauptverbindungsstraße zwischen Yangshuo und Lipu – ein Verkehrschaos mit Hunderten vorbeifahrender Motorrikschas, Autos, Fahrräder und Elektroroller, auf denen mitunter vierköpfige Familien sitzen! Dazwischen bahnen sich uralte und hoch mit Floßen beladene, laut hupende LKW ihren Weg. Die Steuermänner werden in Elektrominibussen wieder zum Ausgangspunkt gebracht. Alle wollen über die Brücke – und wir baden in der Menge mit.

Radtour durch das Tal des Yulong Rivers zum historischen Dorf Jiu Xian

Die Mountain Retreat Lodge bietet ihren Gästen kostenlose Leihfahrräder an. Auf dem befestigten Uferweg radeln wir durch bewässerte Felder flussaufwärts, immer den Blick auf die faszinierende Bergkulisse um uns herum gerichtet. Wir umschiffen spazierende Urlauber und Ausflügler und werden selbst von unzähligen E-Rollern überholt. Von weitem erblicken wir einen Rodelhang mit Kunstrasenbahnen, während sich im Vordergrund in einer Wildwiese ein Brautpaar unter einem riesigen Schleier für den Fotografen in Szene setzt. Was wir am Wegesrand sehen, ist interessant und kurios – mit naturnahem Landschaftserleben hat unsere Tour hier jedoch nur wenig zu tun. Dazu sind einfach zu viele Menschen unterwegs. An einer Baustelle in einem kleinen Dorf geraten wir in einen Verkehrsstau – nicht alle Touristen sind autofrei unterwegs, sondern fahren ihre Lieben in imposanten SUVs durch die Gegend. Autos aus allen Richtungen verbinden sich mit Baufahrzeugen, Rollern, Fahrrädern zu einer chaotischen Gemengelage. Gehupe, Gedränge, Abgase… Irgendwo dazwischen versuchen wir den Überblick zu behalten und bahnen uns unseren Weg in die richtige Richtung. Wenig später hat sich der Trubel wieder aufgelöst.

Unser Ziel ist das historische Dorf Jiu Xian, in dem sich in den engen Gassen mit ihren recht maroden, teils aber auch sanierten Gebäuden zwei Boutique-Hotels und ein paar Bars und kleinere Restaurants befinden. In dem kleinen Ort können wir prima eine Radelpause einlegen und ein wenig umherstreifen, bevor wir auf demselben Weg wieder flussabwärts zurück zur Unterkunft fahren.

Dinner mit „ganzem Tier“

Nach den Aktivitäten des Tages entspannen wir im Garten der Lodge in Liegestühlen mit einem gekühlten Bier in der Hand und sehen den vorbeiziehenden Floßen zu. Zum Abendessen sitzen wir wieder am Ufer. Carsten freut sich auf knusprig-panierte Entenbrust, die in der Speisekarte wohlgemerkt extra nicht mit dem Hinweis „ganzes Tier“ versehen und als „bei westlichen Touristen beliebtes“ Gericht gekennzeichnet ist. Überraschung! Er bekommt einen vollständigen, tiefbraun angebrannten, wild zerhackten Flattermann samt Kopf mit Schnabel serviert! So erfährt man mal, welche Teile einer Ente daheim üblicherweise alle NICHT auf dem Teller landen! Ich habe Glück mit meiner Bestellung. Das Gong Bao Hähnchen wird in optisch ansprechenden Stückchen serviert. Wiedererkennbare Körperteile sind keine dabei, dafür aber Möhren, Gurken, Ingwer, Erdnüsse und Chili. Wir hätten hier in der Lodge auch aus einer „westlichen“ Karte Burger, Pasta und Pizza bestellen können – nach knapp einer Woche in China wollen wir uns kulinarisch aber noch nicht so einfach geschlagen geben (der Tag wird noch kommen, da bin ich sicher). Ab unters Mückennetz.

Entlang der Hauptstraße – Moon Hill, Banyan Baum und Dragon Cave

Wir stehen früh auf und genießen die morgendliche Ruhe am Flussufer, während schon bald wieder die ersten Floße vorbeitreiben.

Die Karstberge sind in mystischen Dunst gehüllt. Fernab des tagsüber allgegenwärtigen Trubels ist der Morgen die schönste Zeit des Tages.

Wir schwingen uns auf zwei Fahrräder und fahren bis zur Hauptverbindungsmeile nach Yangshuo. Entlang der Straße reihen sich wie an einer Perlenschnur mehrere Attraktionen aneinander, die wir uns heute aus der Nähe ansehen wollen.

Wir beginnen mit dem Aufstieg auf den Moon Hill, der deshalb so berühmt ist, weil sich unterhalb des 380 Meter hohen Gipfels ein markanter natürlicher Felsbogen befindet. Von der unterhalb des Bogens gelegenen Aussichtsplattform hat man eine wunderschöne, ganz andere Perspektive auf die Berge als unten im Tal. Um diese Uhrzeit sind wir beim Aufstieg noch fast allein. Oben ist außer uns nur eine chinesische Familie. Der Familienvater ist nicht nur ein recht passabler Sänger (sein Lied passt perfekt in die schöne Berglandschaft), sondern verfügt über ziemlich gute Englischkenntnisse, die er für einen Plausch mit uns nutzt. Die Familie ist über sechs Stunden lang mit der Bahn für einen Tagesausflug aus dem rund 1.200 Kilometer entfernten Sichuan angereist! Schnell noch ein Erinnerungsfoto mit Tochter Lola und uns beiden, und schon machen sie sich bereit für den Abstieg. Kurz darauf finden sich zwei weibliche Expats ein, die mit den Worten: „Thank God, no Chinese!“ die Plattform betreten. Da scheint jemand die erholungssüchtigen Menschenmassen leid zu sein… Mit ihrem eindeutigen Akzent ist ziemlich schnell klar, dass die beiden aus Deutschland kommen. Sie arbeiten für zwei große deutsche Unternehmen für eineinhalb Jahre in Nanjing. Nach diesen kurzen, aber interessanten Begegnungen treten wir den Abstieg an. Auf dem Weg nach unten kommen uns dann schon zahlreiche weitere Ausflügler entgegen, und es ist vorbei mit der Ruhe.

Im unten an der Straße gelegenen Gartenrestaurant machen wir eine Pause für ein kühles Getränk. Die Tische sind mit Plastikfolien statt Tischdecken abgedeckt. Jedes einzelne Paar Stäbchen und jedes Schalen- und Tellerset ist separat in Plastikfolie eingeschweißt. Den Preis für Nachhaltigkeit gewinnen sie hier wohl nicht. Dafür räuchern auf einem offenen Feuer einige mit Reis und Gemüse gefüllte appetitliche Bambusstangen vor sich hin – eine lokale, gefühlt an jeder Straßenecke angepriesene Speise. Wir nehmen uns vor, zum Lunch zurückzukehren. Mit unseren Fahrrädern bahnen wir uns unseren Weg durch hupende E-Roller, Fahrräder und Autos zur nächsten Darbietung.

Der Große Banyan Baum ist ein Jahrhunderte alter Baum, der sich selbst mit ausgebildeten Nebenstämmen stützt und eine Fläche von rund 1.000 Quadratmetern mit seiner Krone überdacht. Auch hier herrscht ein immenser Familienausflugstrubel mit Fotosessions vor Baum, auf Pferd, mit Wasserbüffel und Landwirt, in Tracht, beim Bogenschießen und so weiter. Nach einem kleinen Rundgang über das weitläufige Gelände geht es wieder ins Gewühl auf die Hauptstraße.

Wir steuern die so genannte Dragon Cave an. Sie ist eine von mehreren Höhlen, die man auf diesem Straßenabschnitt besuchen kann. Dass sie auf großformatigen Schildern als Top-Attraktion angepriesen wird, hätte uns eigentlich skeptisch werden lassen müssen. Aber wir gehen trotzdem hinein und sind… entsetzt!! Wir werden erschlagen von unglaublichem Kitsch, Beleuchtungen in den aufdringlichsten Farben und von erschreckendem Kommerz! Die Höhle selbst ist zwar groß und recht beeindruckend. Aber leider haben die Betreiber diesen mit unglaublichen vier A´s als touristisch sehr sehr sehr bedeutsam eingestuften Ort so erschlossen, dass nicht viel Schönes übrigbleibt. An den mit leuchtenden Hirschen und Phantasieblumen dekorierten Tropfsteinformationen kann man sich mit gutem Willen irgendwie noch erfreuen. Kräftezehrend ist hingegen die permanent quäkende Lautsprecherstimme des weiblichen Guides. An insgesamt 3 (in Worten: drei!) Stellen können die Besucher Fotos von sich vor Tropfsteinen machen lassen und die Bilder dann käuflich erwerben. Im Slalom laufen wir um Touristengruppen herum, die so darauf fixiert sind, sich selbst zu fotografieren, dass sie sich die Tropfsteine überhaupt nicht ansehen. Aber der geschmacklose Höhepunkt ist ein großer Souveniershop inmitten der Höhle, in dem gleich zwei Damen mit Lautsprecherquäkstimmen durcheinanderplappern und die Waren anpreisen! Nach einer halben Stunde, die kein Ende nimmt und uns vorkommt wie eine Dauer-Werbeverkaufsveranstaltung, sind wieder an der frischen Luft. Tief durchatmen. Zum Abschluss wird Carsten von einzelnen Chinesen wie ein Promi (man könnte auch sagen: wie ein Maskottchen) belagert und um Fotos gebeten. Er lässt es gelassen über sich ergehen.

Sanjie Liu – Eine Lightshow der Superlative

Am frühen Abend warten wir in der Rezeption auf unseren schon zu Hause im Internet gebuchten und angezahlten Fahrdienst inklusive Kartenservice für die so genannte Impression Lightshow (Sanjie Liu), eine der Attraktionen, für die Yangshuo nicht nur bei chinesischen Besuchern bekannt ist. So wird allabendlich am Ufer des Li Rivers unter freiem Himmel inmitten einer Szenerie aus beleuchteten Karstkegeln ein Showprogramm mit Lichtinstallationen, Nebeleffekten und traditioneller Musik auf dem Wasser inszeniert. Über 600 Darsteller wirken mit – viele von ihnen sind Anwohner aus den umliegenden Dörfern und gehen tagsüber ihren normalen Jobs nach. Komponiert wurde die Show vom Regisseur der Eröffnungszeremonie der Olympiade in Peking im Jahr 2008. Wir sind gespannt!

Pünktlich auf die Minute erscheint ein ausschließlich chinesisch sprachiger Fahrer, der uns in sein Auto komplimentiert und los geht’s. Ungefähr eine halbe Stunde lang kurvt er mit uns durch die Gegend.

Erst jetzt wird uns klar, wie groß und touristisch die Stadt Yangshuo selbst ist. Eine Bettenburg reiht sich an die nächste. Unzählige Bars und Restaurants mit Neonbeschilderungen und Leuchtreklamen säumen die Straßen.

Und überall parkende Reisebusse! Bei diesem Anblick sind wir einmal mehr froh über unsere außerhalb gelegene Unterkunft im Grünen.

Irgendwo am Stadtrand in einer etwas weniger rummeligen Gegend begleitet uns der Fahrer zum Eingangstor des Lightshow-Geländes. Er übersetzt uns einzelne Sätze mit einer Handy-App, damit wir zumindest eine Ahnung haben, warum wir jetzt alle gemeinsam hier zehn Minuten lang einfach herumstehen. Offenbar warten wir auf einen Ticket-Agenten, der auch irgendwann erscheint. Mit unseren Eintrittskarten entlässt uns unser Begleiter in Richtung Eingang und signalisiert uns, an welcher Stelle er uns nach der Show wieder einsammeln wird.

Inmitten unwirklicher Menschenmengen werden wir zunächst in ein tempelartiges Rondell gespült, das wir irritierender Weise für das Theater selbst halten, bis wir begreifen, dass es nur der Wartebereich ist.

Wie schwer doch die Orientierung fällt, wenn man kein einziges Schild lesen und auch niemanden fragen kann!

Die Massen wabern kurz darauf weiter in Richtung Theater. Gewusel hin, Gewusel her. Wir wabern mit. Schließlich landen wir auf bequemen Korbstühlen in den oberen Rängen einer ziemlich imposanten Tribüne vor einer im Dunkeln liegenden Wasserfläche. Pünktlich zum Showbeginn setzt ein ungemütlicher Nieselregen ein, und wir verkriechen uns unter Plastikponchos, die von den Ordnern verteilt werden. Der Regen ebbt ab, die Show beginnt!

Aus der Finsternis erstrahlen die Karstberge im Scheinwerferlicht! Unzählige Boote und Darsteller mit Fackeln in leuchtenden Kostümen erscheinen auf der Wasserfläche. Unter bunten Strahlern ziehen einige Darsteller lange Stoffbahnen zum Rhythmus der Musik abwechselnd aus dem Wasser und tauchen sie wieder unter die Oberfläche.

Ein Meisterwerk der Illumination, untermalt von Melodien und einer absolut synchronen Performance hunderter Darsteller.

Der Anblick ist faszinierend und befremdlich zugleich, denn dieser inszenierte Gleichklang erinnert ein bisschen an nordkoreanische Propagandaevents. Während wir beeindruckt sind von dem, was da vor uns auf der Seebühne aufgefahren wird, scheint ein großer Teil des Publikums um uns herum nur mäßig begeisterungsfähig zu sein – oder man lässt es sich einfach nicht anmerken. Das Kind auf dem Schoß seiner Mutter neben mir starrt die ganze Show über auf ein Handydisplay, auf dem irgendwelche Bespaßungsvideos zu sehen sind. Selbstverständlich mit Geräuschuntermalung. Schräg gegenüber schreibt jemand ohne Unterbrechung WeChat-Nachrichten. Überall munteres Geplapper. Viele Leute gehen schon 10 Minuten vor Showende, und fast kein Mensch applaudiert, als das imposante Event mit Hunderten von Darstellern zu Ende ist. Irgendjemand erklärt uns, dass bei chinesischen Events Applaudieren nicht üblich ist.

Die Massen entsorgen ihre Regencapes auf einem riesigen Haufen Plastikmüll am Ausgang. Dann schieben sich die Leute zu einem großen Parkplatz vor den Tribünen und lassen sich in Elektrobussen zurück zum Eingang transportieren oder wabern zu Fuß zurück. Wir wabern wieder mit. Am verabredeten Punkt treffen wir unseren Fahrer wieder. Durch nur Insidern bekannte Gassen umgeht er die abreisenden Bus- und Autoströme und bringt uns zurück in unsere „Oase“.

Stadtbummel in Yangshuo

Am späten Vormittag bestellen wir uns an der Rezeption der Lodge einen Fahrdienst und lassen uns für 50 Yuan in die Innenstadt von Yangshuo zur berühmten West Street bringen. Sie gilt als besonderer Anziehungspunkt für westliche Touristen und Backpacker. Im Regen und um diese recht frühe Uhrzeit hält sich das Gedränge noch in Grenzen. Anscheinend schlafen alle Backpacker noch. Auch sind die Ausflugsboote aus Guilin noch nicht eingetroffen, die den Ort tagtäglich zur selben Zeit mit Besuchern fluten. Wir ahnen, was bevorsteht, als wir die Armada an Elektrokleinbussen zum Abtransport der Massen bereitstehen sehen…

In der West Street und dem umliegenden Viertel befinden sich unzählige Souveniershops, Restaurants und Imbissstände, in denen wir zum ersten Mal während unserer Reise auf ein Angebot an Spießen mit dicken Käfern, madenartigen Würmern und ziemlich großen Heuschrecken treffen. Auch wenn ich mir zu Hause vorgenommen hatte, so etwas mal zu probieren… ich merke, dass ich mich winde und dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür ist (und er soll sich auch im restlichen Verlauf der Reise nicht einstellen).

In der Fußgängerzone treffen wir auf einen Salon, der mit dem Slogan „Pick the ear, wash the ear!“ diverse Dienstleistungen rund ums Ohr anbietet. Angestellte dieses Etablissements entfernen ihren Gästen offenbar alles Erdenkliche aus den Gehörgängen, und die sind zufrieden. Auch wenn die Werbefotos mit schmerzverzerrten Gesichtern der Kunden nicht so wirken, als handele es sich um ein Wellnessprogramm, erfüllt das Ganze anscheinend seinen Zweck. Wir haben trotzdem kein Verlangen, hier irgendetwas in Anspruch zu nehmen.

Auf der überdachten Uferpromenade reiht sich – strategisch günstig – bis zur Anlegestelle der Ausflugsboote ein Souvenirstand neben den anderen. Eine endlose Tischreihe, vollbeladen mit demselben sich wiederholenden Ramsch – kitschige Massenware soweit das Auge reicht. Ganz in der Nähe retten wir uns vor dem stärker werdenden Niederschlag in das kleine „MingYuan Café“. Berieselt von lauschiger Jazzmusik kosten wir Kaffeespezialitäten, die hier mit hübschen, handgemachten Motiven auf dem Milchschaum verziert werden – ich bekomme eine Katze mit Krönchen, Carsten einen Panda mit Pfötchen.

Da uns langsam das Bargeld ausgeht, suchen wir einen ATM und werden etwas nervös, als unsere Karten auch beim zweiten und dritten Automaten nicht akzeptiert werden. Der vierte ATM wirft die ersehnten Banknoten aus. Wir sind gerettet und können uns nun auch entspannt nach einer Einkehrmöglichkeit zum Mittagessen umsehen. Im ersten Restaurant finden wir aus der reich bebilderten Auswahl in der Speisekarte nichts, was uns wirklich anspricht. Im zweiten Restaurant bemerken wir, dass die Fotos in der Speisekarte exakt dieselben sind, wie im ersten Restaurant. Das spricht ziemlich eindeutig für Touristennepp. Schließlich landen wir im „Pure Lotus Vegetarian Restaurant“ mit Rooftop-Terrasse – ganz im Backpacker-Style, wie es sich für die West Street und ihr Umfeld gehört, und mit einer willkommenen Speisekarte. Bei Lotus-Bällchen mit Gemüse, Garlic-Brot und Dumplings hat man von der oberen Etage mit überdachter Terrasse einen schönen Blick auf die umliegenden Dächer vor der Kulisse der Karstberge. Eine Stadt mit 100.000 Einwohnern inmitten einer solchen Umgebung ist wirklich etwas Besonderes.

Um drei Ecken gelangen wir in den heute – im Regen – nahezu menschenleeren, wunderschön angelegten Yangshuo-Park, in dem man herrlich flanieren, durch Feuchtwiesen spazieren und zwischen Bougainvillea, Oleander und Bambus umherstreifen kann. Im Umfeld des Haupteingangs lassen diverse Attraktionen für Kinder auf größeren Trubel bei schönem Wetter schließen. Jetzt sitzen einige ältere Herrschaften rauchend zwischen verlassenen Kirmesgeräten an kleinen Holztischen und spielen Karten.

Um wieder zurück zu unserer Unterkunft zu gelangen, können wir kein gewöhnliches Taxi nehmen. Zu bestimmten Tageszeiten ist die zufahrtsbeschränkte Hauptstraße ins Yulong-Tal nur für autorisierte Fahrzeuge freigegeben. Also rufen wir die Rezeption an, um uns einen Fahrdienst zu bestellen, der uns am Parkeingang an einer Bushaltestelle abholt. Da wir nicht genau beschreiben können, wo wir sind, reiche ich das Handy einfach an einen Einheimischen weiter, der in einem der Torhäuschen sitzt und – wenn auch etwas verdutzt – eine korrekte Beschreibung der Örtlichkeit formulieren kann. Kurze Zeit später fährt ein Auto vor. Als einzige „Westler“ kann uns der Fahrer inmitten der Wartenden leicht identifizieren.

Historisches Dorf Longtan

Da es noch früh ist, bitten wir den Fahrer, einen Umweg über ein historisches Dorf namens Longtan ein paar Kilometer außerhalb von Yangshuo zu machen. Ein Herr in einem kleinen Bretterverschlag mit Guckfenster weist uns mit Händen und Füßen auf irgendetwas hin. Wir kapieren nichts. Wieso können wir jetzt nicht einfach hier die Straße entlanggehen? Endlich begreifen wir, dass wir ein paar Meter weiter (außer Sichtweite) in einem anderen Bretterverschlag mit Guckfenster eine Eintrittsgebühr (32 Yuan) entrichten und dann durch den offiziellen Touristeneingang das Dorf betreten sollen. Wir gelangen in ein leicht verwahrlostes parkartig angelegtes Areal mit ein paar Leuchtinstallationen und verlassenen Souvenirständen. Dieser Ort wirkt auf uns, als habe man früher einmal größere Besucherzahlen erwartet, die sich dann aber nicht eingestellt haben. Wir fragen uns, ob das jetzt schon alles gewesen ist, oder ob wir die eigentliche „Attraktion“ einfach nur noch nicht entdeckt haben… Kurz darauf finden wir – etwas versteckt – den unscheinbaren Zugang in die engen Gassen des Dorfes.

Noch immer im Regen nehmen wir alles in Augenschein und erhalten Einblicke in uralte Innenhöfe und versteckte Winkel. Wir scheinen die einzigen Besucher im Dorf zu sein. Auf unser gelegentliches Ni Hao zu herumsitzenden Einheimischen reagiert niemand. An vielen Türen hängt noch die Dekoration zur Begrüßung des neuen Jahres (das Jahr des Schweins). Der Kontrast zum futuristischen Shanghai könnte größer nicht sein. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Nur ein paar parkende Elektroroller lassen darauf schließen, dass wir uns im Jahr 2019 befinden. Zurück in unserer Unterkunft verbringen wir unseren letzten Abend im Yulongtal auf dem Balkon unseres Zimmers und genießen noch einmal ausgiebig den Blick auf die grünen Berge im Dunst.

Anders als am Ankunftstag können wir am nächsten Morgen auf dem Weg zum Flughafen die Landschaft zwischen Yangshuo und Guilin erstmalig bei Tageslicht erleben. Karstkegel bewachsen mit üppigen Bambuswäldern soweit das Auge reicht! Unsere Reise geht heute weiter in die Provinz Hunan und die rund 700 Kilometer nördlich von Guilin gelegene Stadt Wulingyuan – die „Avatar-Berge“ erwarten uns! Hier erfahrt Ihr mehr…

Wart Ihr schon einmal in den Karstbergen Guilins unterwegs? Wart Ihr genauso „lost in translation“ wie wir? Wir freuen uns auf Eure Nachrichten, Tipps und Kommentare!

+++ Hinweis: Sämtliche Namensnennungen und Empfehlungen in unseren Beiträgen basieren auf unserer persönlichen Meinung. Für die Erwähnung von Namen, Marken, Titeln etc. und für das Setzen von Links erhalten wir keine Bezahlung und auch keine anderweitige Gegenleistung. +++

Comments (6):

  1. Ulrike

    8. Dezember 2019 at 19:36

    Wow! Ein richtig großartiger lebhafter Reisebericht! So kann ich mir ein gutes Bild davon machen, wie es in Yangshuo heute aussieht. Leider schreibt Ihr nicht, wann genau Ihr dort wart. Oder hab ich das überlesen? Ich war vier mal in Yangshuo. 1987, 1991, 1993 und 2011. Ich glaube, ich will da nicht mehr hin. So voll, wie Ihr das beschreibt, habe ich es nicht erlebt. Nun werde ich mal gucken, was Ihr sonst über China schreibt. Und wenn Ihr Lust habt, könnt Ihr ja auf meinem Bambooblog nach alten Reiseberichten von Yangshuo stöbern. Alles Gute – Ulrike

    Antworten
    • Nadine Stiens

      14. Dezember 2019 at 9:24

      Liebe Ulrike,
      vielen Dank für Deinen Kommentar! Wir waren im Mai 2019 in Yangshuo. Ich kann mir gut vorstellen, dass von dem Yangshuo 1987 heute nicht mehr viel übrig ist. Westliche Besucher haben wir kaum gesehen / getroffen… ein paar Expats waren dort unterwegs. Aber hier sieht man definitiv, dass die Chinesen das Reisen für sich entdeckt haben 😉 Wir sind uns beide einig, dass auch wir hier sicherlich das erste und letzte Mal waren, obwohl es eine interessante und schöne Erfahrung war. Vor unserer China-Reise haben wir schon so einige Berichte auf bambooblog gelesen und sagen an dieser Stelle auch nachträglich noch einmal danke schön für die interessanten Infos! Liebe Grüße, Nadine

      Antworten
      • Ulrike

        21. Dezember 2019 at 10:02

        Hallo Nadine, ich freue mich, wenn ich Euch mit meinem Bambooblog inspirieren konnte! Ihr seid anscheinend in den Ausflugsverkehr zum 1. Mai geraten. Da wundert es mich nicht, dass Ihr kaum Westler gesehen habt. Ich werde jetzt eine Zusammenfassung zu Yangshuo schreiben und mit Deinem Artikel verlinken.
        Ich wünsche Euch schöne Feiertage und ein erlebnisreiches 2020!
        Ulrike

        Antworten
  2. Inge+Konni

    8. Dezember 2019 at 22:11

    Hallo meine Lieben, wir können viele Dinge nachvollziehen, weil wir ja selbst die China-Rundtour gemacht haben, allerdings in gemässigter Form. Es ist schon eine andere Welt in die man eintaucht. Schön und eindrucksvoll. Wir wünschen Euch noch ganz viele
    spannende und erlebnisreiche Touren.
    Liebe Grüße

    Antworten
    • Nadine Stiens

      14. Dezember 2019 at 9:16

      Danke, dass Ihr immer mit Interesse unsere Reiseberichte verfolgt – online, aber auch wenn wir gemeinsam zusammensitzen! Wir freuen uns auch schon auf EURE nächsten Erzählungen, denn bald seid Ihr ja auch wieder unterwegs! 🙂

      Antworten

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