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Reiseblog für Flashpacking, Camping, individuelles Reisen

Der Berg ruft! – Hüttentour im Nationalpark Hohe Tauern

Dies ist keine Heldengeschichte und keine Erzählung über Gipfelrekorde. Auch wenn wir schon so manche Bergtour unternommen haben, sind und bleiben wir Flachlandtiroler. Wenn wir ins Gebirge ziehen, verausgaben wir uns regelmäßig bis zur Erschöpfung! Wir stoßen dort bereits an unsere körperlichen und psychischen Grenzen, wo andere gerade mal warm werden. Gleichzeitig sind wir immer wieder aufs Neue überwältigt von der Schönheit der Berge, fühlen uns winzig in der archaischen Landschaft und genießen die Unberührtheit der Natur! Kommt mit uns auf eine Hüttentour in der Schober-, Glockner- und Großvenedigergruppe! (Rückblick 2011)


Das Wandern auf den Höhenwegen der Alpen ist für uns immer ein besonderes Erlebnis. Erst die Anstrengungen des Aufstiegs, und dann oben nichts als Landschaft, Stille, Weitblick! Alles, was sich unten abspielt, ist in diesem Moment ganz weit weg!

Nach Stunden in der Einsamkeit taucht dann irgendwo in den Felsen winzig klein die nächste Hütte auf. Das Ziel ist nah… und irgendwann erreicht – herrlich! Bei zotteligem Wetter erwarten den müden Wanderer Schutz und wohlige Wärme. Ist das Wetter stabil und sonnig, gibt es nichts Schöneres als nach den Anstrengungen des Tages mit Weizenbier und Apfelstrudel draußen zu sitzen und die Seele baumeln zu lassen!

Gleichzeitig haben wir großen Respekt vor den Bergen. Carsten erinnert sich nur zu gut an eine Tour in seiner Kindheit, bei der ihm und seinem Freund das unwegsame Gelände fast zum Verhängnis geworden wäre. Vom Weg abgekommen, verlaufen, im Steilhang gelandet und fast in die Tiefe gerutscht. Auch später hörten wir gelegentlich von Wanderern, die aus Unerfahrenheit oder Leichtsinnigkeit in schwierige Situationen gerieten. So hat für uns die vermeintlich „sicherere“ Alternative immer den Vorrang, und das schwächste Glied in der Kette gibt den Ausschlag.

Das schwächste Glied in der Kette? Das bin dann wohl ich. Bestimmt oft ein wenig zu schissig unterwegs, habe ich zumindest meine anfängliche Höhenangst mit den Jahren in den Griff bekommen (bei einem Toprope-Climbing-Intensivtraining im Kletterpütt der Essener Zeche Helene). Gitter, durch die man hinab in die Tiefe blicken kann, schmale Grate und ausgesetzte Stellen können mir seitdem weniger anhaben, als noch vor ein paar Jahren.

Trotzdem gibt es auch auf unserer Hüttentour im Nationalpark Hohe Tauern ein paar Situationen, die grenzwertig sind. Pfeift der Wind an ausgesetzten Stellen, wird ein Abstieg sehr steil oder können wir das Gelände nicht einschätzen (Schneefelder), schleicht sich ein mulmiges Gefühl ein. Alles in uns sagt dann: mehr darf jetzt aber nicht kommen. Das Bergwandern hat darum für uns immer zwei Seiten.

Heiligenblut am Großglockner

Ein tiefes Tal mit saftig grünen Almen, ein paar Alpenhäuser, eine liebliche Wallfahrtskirche – ganz so wie in der künstlich-kitschigen Landschaft einer Modelleisenbahn liegt das Dorf Heiligenblut am Großglockner vor uns und heißt uns in der Region Kärnten willkommen. Ein Tal voller Stille, ein leichter Wind weht, nur einen Bach hört man von Weitem rauschen, und jede Viertelstunde läutet die Glocke des Kirchturms…

„Nationalpark-Camping Grossglockner“ heißt unser Zeltplatz für die kommenden Tage. Auf einer großen, freien Wiese schlagen wir unser Lager auf und genießen die Ruhe, die frische Luft, die Kälte, das Draußensein, das Nichtstun.

Wanderung von Heiligenblut zum Pasterze-Gletscher

Höhenmeter: 1.400 Meter bergauf / Gehzeit: 5 Stunden (Pausen 1 Stunde)

Wir sind bereit für unsere erste Wanderung. Es soll eine Tagestour sein, zum „Aufwärmen“, bevor wir uns für mehrere Tage auf den Weg machen wollen. Ausgestattet mit Hirschwürsteln, Glocknerkäse, Brot und frischem Quellwasser aus einem Brunnen unterhalb der Wallfahrtskirche brechen wir auf. Durch eine traumhafte Berglandschaft wandern wir über schöne, ebene Almenwege, aber auch einige steiler ansteigende Passagen. Von Heiligenblut über die alte Großglocknerstraße und die Ortslage Winkl gelangen wir zur malerisch gelegenen Sattelalm. Hier kann man einfach nicht an dem gemütlichen Sennerhaus mit Terrasse vorbeiwandern, ohne eingekehrt zu sein!

Vorbei am Leiterwasserfall geht es hinauf bis zum türkisblau schimmernden Margaritzenstausee und zu einem Sandersee, der schon die Vergletscherung weiter oberhalb ankündigt. Das Ziel der heutigen Tour ist die Pasterze, einer der trotz des starken Abschmelzens in den vergangenen Jahren immer noch größten und längsten Gletscher Österreichs und der Ostalpen.

Nach fünf Stunden Gehzeit, 13 Kilometern und ungefähr 1.300 Höhenmetern bergauf kraxeln wir unterhalb des Gletschers auf dem Geröllfeld über Stock und Stein. Von weitem können wir eine kleine Standseilbahn erkennen, mit der man die letzten steilen Meter bis zum Kaiser-Franz-Josef-Haus am Ende der Großglocknerhochalpenstraße überwinden kann. Früher lag die untere Station der Seilbahn direkt am Gletscherrand. Das starke Abschmelzen der Pasterze hat jedoch dazu geführt, dass der Standort der Station sich nun – scheinbar sinnlos – irgendwo mitten im Fels auf halber Höhe befindet.

Da unsere Kräfte inzwischen schon ein wenig nachlassen, finden wir es sehr verlockend, den letzten steilen Anstieg gemütlich mit der Bahn zu überwinden und beeilen uns. Wir mobilisieren unsere letzten Kraftreserven und klettern über die Felsbrocken, immer näher an die Station heran, die wir bis um 16 Uhr für die letzte Bergfahrt erreicht haben müssen. Doch vergeblich… die Bahn fährt uns direkt vor der Nase weg. Die Luft ist raus, und der steile Felshang liegt noch vor uns. Besonders ich pfeife aus dem letzten Loch, als wir den treppenartigen Aufstieg zum Parkplatz in Angriff nehmen, und habe keine Kraft mehr in den Beinen. Der Bus zurück nach Heiligenblut ist nun auch gerade abgefahren, der nächste soll erst in zwei Stunden kommen. Also beschließen wir auf Empfehlung des Besucherzentrums zu trampen.

Es dauert nicht lange, und wir finden ein junges Paar mit einem tiefergelegten Golf GTI, das bereit ist, uns zumindest die Hälfte der Strecke zurück nach Heiligenblut mitzunehmen. Der Fahrer fährt bei jedem langsameren Fahrzeug vor ihm dicht auf, hat einen nervösen Fuß auf dem Gaspedal und setzt zu waghalsigen, für unseren Geschmack viel zu schnellen Überholmanövern an. Wir halten derweil auf der Rückbank Händchen und hören Dancefloormusik… als der Höllenritt vorbei ist, bedanken wir uns höflich und erklären, dass wir froh sind, nun aber auch aussteigen zu können. Der zweite Fahrer, der uns an diesem Tag mitnimmt, fährt den Rest der Strecke vollständig mit angezogener Handbremse. Vom Geschwindigkeitsrausch hinein in quälende Langsamkeit! Diese Gegensätze müssen wir am Abend erst einmal in Ruhe verarbeiten – mit einer Flasche Wein und Leckereien vom Grill…

Wanderung von Heiligenblut zum Schareck

Höhenmeter: 200 Meter bergauf, 700 Meter bergab / Gehzeit: 3 Stunden

Wir fahren mit der Schareck-Gondelbahn bis zur Bergstation auf 2.606 Metern über NN und starten von dort in den heutigen Wandertag. Über Grate und Karstfelder geht es bis zum Hochtor (2.506 m) und weiter bergab bis zum Wallackhaus – eine schöne Einkehrmöglichkeit auf 2.307 Metern über NN. Etwas weiter unten führt uns der Wanderweg zum Kasereck, einer Käserei mit Gastronomie. So kann man sich in grandioser Bergkulisse mit Frittatensuppe, Apfelstrudel und Almdudler talabwärts schnabulieren und nach moderaten drei Stunden Gehzeit die letzten Meter mit dem Postbus zurücklegen.

Was sich in den beiden Tagen, die nun hinter uns liegen, unterschwellig schon angekündigt hat, wird nun ausgesprochen. Ich fühle mich nicht fit genug für eine mehrtägige Glocknerumrundung. Damit die geplante Tour nicht zur Tor-Tour wird, entscheiden wir uns für ein Alternativprogramm mit weniger Wandertagen am Stück. Die Stimmung ist ein wenig gedrückt. Ich ärgere mich über meine fehlende Kondition, und Carsten – der sich wahnsinnig auf die mehrtägige Bergtour gefreut hat – ist enttäuscht wegen der erforderlichen Planänderung.

Der freundliche Inhaber des Campingplatzes mit Krachlederner gibt uns den entscheidenden Hinweis zur Gestaltung der nächsten Tage und trägt damit deutlich zur Verbesserung unserer Laune bei – wir werden einen Teil des Wiener Höhenweges mit zwei Hüttenübernachtungen wandern. Die Rucksäcke sind gepackt, wir sind bereit!!

Wiener Höhenweg – Von Heiligenblut zur Elberfelder Hütte

Höhenmeter: ca. 1.100 m bergauf / Gehzeit: 6 Stunden

In der schroffen Hochgebirgslandschaft verläuft der Wiener Höhenweg vorbei an Gipfeln, Karen und Seen durch den Nationalpark Hohe Tauern, zuerst durch die einsamere Schobergruppe, auf dem letzten Stück dann durch die stärker besuchte Glocknergruppe. Fünf oder sechs Tage benötigt man insgesamt, wenn man alle Etappen gehen will. Wir beschränken uns neben dem Auf- und Abstieg auf die vierte und fünfte Etappe des Fernwanderweges, von der Elberfelder zur Glorer Hütte und von der Glorer Hütte zur Salmhütte, dann jedoch nicht hinauf zum Glocknerhaus, sondern wieder hinab ins Tal.

Unsere Tour beginnt auf dem so genannten Natura Mystica Pfad, einem Naturerlebnisweg, mit einem schweißtreibenden, zunächst recht unspektakulären Aufstieg über einen geschotterten Wirtschaftsweg. Immerhin können wir den Gössnitz-Wasserfall bewundern und erfreuen uns auch an saftigen Almen, die wir überqueren. Auf einer lieblichen Hangwiese treffen wir einen älteren Herrn, der dort Arnika erntet. Mit 72 Jahren noch ziemlich fit, weiht er uns in die Geheimnisse des Arnikaschnapses ein, den er über ein halbes Jahr ansetzt und der dann gegen diverse Zipperlein und zur Wundheilung zum Einsatz kommt.

Von Ferne kündigt sich ein Gewitter an. Das Donnergrollen rückt immer näher, je höher wir in die Berge hineinwandern. Als nach fast sechs Stunden unterwegs (Gehzeit und Pausen) die Elberfelder Hütte in Sicht kommt, wird aus dem anfänglichen Niesel ein handfester kühler Gewitterregen. Das Unwetter zieht oberhalb der Hütte über den Berg, und glücklicherweise blitzt es nicht. Im Schutz unserer Regenjacken und Regenüberzüge, aber mit völlig durchweichten Hosen erreichen wir nach sechseinhalb Stunden dann endlich die heimelige, beheizte Elberfelder Hütte. Wir ergattern zwei einfache Lager in einem Sechsbettzimmer, das wir uns mit einem weiteren Wanderpärchen teilen.

Die Atmosphäre ist urig und gemütlich. Den Gastraum und die gesamte Hütte umweht ein Hauch von Himalaya! Draußen zotteln bunte Gebetsfahnen im Wind, die Aufenthaltsräume sind mit farbenfrohen Wandbehängen und nepalesischen Teppichen dekoriert, und auch ein Angestellter kommt aus Nepal. Nach einem anstrengenden Wandertag kann man sich kaum etwas Besseres vorstellen, als deftige Hüttenverpflegung – die Rinderbrühe wärmt die Seele, und das Hirschgulasch mit Serviettenknödeln haben wir uns sowas von verdient! Den Rest des Abends verbringen wir im Gastraum mit einigen Runden Mensch ärgere Dich nicht! Carsten gewinnt immer.

Von der Elberfelder Hütte zur Glorer Hütte (2.651 m)

Höhenmeter: 730 m bergauf, 470 m bergab / Gehzeit: 5,5 Stunden

Nach dem Frühstück brechen wir in der Frühe zur nächsten Etappe auf. Das Ziel ist die Glorer Hütte auf 2.651 Metern über NN. Wir überqueren mehrere Bäche, durchwandern ein Nebental des Roten Knopfes, vorbei am Tramer See, von wo aus wir auf einen hängenden Gletscher blicken können. Um diese Jahreszeit liegt der Schnee noch lange in den sonnengeschützten Bereichen. So müssen wir mehrere Schneefelder überqueren. Wir hoffen, dass die Schneedecke hält und sich darunter nicht irgendwelche Vertiefungen befinden. Unsere Wanderstöcke helfen ein wenig, uns vorzutasten und Halt zu finden.

Nun geht es steil bergauf bis zum Kesselkees-Sattel auf 2.926 Metern über NN.

Erst als wir oben auf dem Sattel angelangt sind, wird uns klar, dass wir uns jetzt gerade an der anspruchsvollsten Stelle der heutigen Etappe befinden.

In schwindelnder Höhe befindet sich direkt auf dem Sattel die Gernot-Röhr-Biwakschachtel, ein kleiner Unterschlupf, der mit sechs Schlafplätzen, Decken und sehr gebraucht aussehenden Matrazen ausgestattet ist. Bevor man von einem Gewitter oder der Dunkelheit überrascht wird, nimmt man wohl auch auf diesen Matratzen Platz. Ganz in der Nähe ragt im Sturmesbrausen das 3.121 Meter hohe Böse Weibele empor. Der Wind pfeift stark über den Sattel. Hier möchten wir nicht länger verweilen, als unbedingt nötig.

Über Felsen und durch mehrere den Blockschutt überdeckende Schneefelder geht es bergab. Wir sinken immer wieder tief ein. Ich bleibe mit meinem Fuß unter der Schneedecke irgendwo in einer Felsspalte hängen und befürchte kurze Zeit, ich könnte meinen Schuh verlieren. Ich muss stark ziehen, um mich wieder zu befreien.

Unterhalb der Blockschuttareale wandelt sich die Landschaft zu einem grünen, lieblichen, grasüberzogenen Bachtälchen. Wir steigen hinab zum Peischlachtörl auf 2.490 Metern Höhe. Diese Scharte markiert den geographischen Übergang von der Schobergruppe in die Glocknergruppe. Auf etwa einer Höhenlinie umrunden wir das Kasteneck (2.864 Meter über NN), als der einsetzende Regen wenig später in Graupel übergeht, der uns in die nackten Waden zwickt! Das macht die Überquerung eines weiteren, mächtigen Blockschuttfeldes nicht unbedingt einfacher, denn die Felsplatten unter uns werden glitschig wie Schmierseife!

Nach einer Viertelstunde erreichen wir die Glorer Hütte, wo wir noch ein gemütliches, aber unbeheiztes Zweibettzimmer abstauben können. Außer einer Gruppe Geologiestudenten auf Exkursion sind wir die einzigen Gäste. Während inzwischen draußen ein Unwetter mit Gewitter und Graupel tobt, schmecken unsere Weizenbiere doppelt so gut!

Von der Glorer Hütte über die Salmhütte (2.638 m) nach Heiligenblut

Höhenmeter: 1.800 Meter rauf und runter / Gehzeit: 8 Stunden (inkl. Pausen)

Nach einem wunderbaren Hüttenfrühstück wandern wir in zwei Stunden hinüber zur Salmhütte. Ein Teil des Weges führt über einen seilgesicherten Steig, der recht ausgesetzt ist, den wir jedoch auch ohne Kletterausrüstung mühelos bewältigen können. Heute erreichen wir die Stelle des Wiener Höhenweges, an der zum ersten Mal ein freier, grandios weiter Blick auf den Großglockner möglich wird! Über ausgedehnte Murmeltierwiesen steigen wir am Nachmittag hinab ins Leitertal.

Murmeltiere wohin das Auge blickt!

Bestimmt werden wir von allen Seiten beobachtet – the hills have eyes…! Im Tal folgen wir dem spektakulären Leiterbach abwärts. In umgekehrter Richtung brachen auf diesem Pfad im Jahr 1800 etwa 60 Mann zur Erstbesteigung des Großglockners auf.

Über die Trogalm gelangen wir über einen sich in endlosen Kehren talabwärts windenden Forstweg wieder bergab. Hinter jeder Biegung tut sich ein neues monotones, vermaledeites Stück Piste auf. Zurück am Zeltplatz im Tal ist alle Qual vergessen – wir liegen in Liegen, verleiben uns Schnitzel und Pizza ein und können uns kaum auf die Planung der weiteren Reise konzentrieren, denn um uns herum geschehen merkwürdige Dinge…

An diesem Abend trudeln nach und nach Horden schwedischer Motorradfahrer ein. Ein Biker übergibt sich bereits um 18.30 Uhr vor dem Campingplatz-Restaurant. In der Lokalität steigt an diesem Abend zu Ehren der nordeuropäischen Gäste eine wilde Sause mit einem örtlichen Musikerduo, das selbst den besten Oldie in eine grauenhafte Schlagerschnulze verwandelt! Das können wir nur mit ein paar Obstlern ertragen und sehen währenddessen schwedischen Bikern in allen Farben, Formen und Größen beim exzessiven Alkoholkonsum zu. Unser Favorit: ein Biker mit Lederweste und Clubaufnäher, dazu hellgrüne Gummischlappen.

In der Venedigergruppe – Hinterbichl im Virgental

Höhenmeter: 10 Meter (in Worten: zehn) / Gehzeit: 4 Minuten (in Worten: vier)

Der vor wenigen Tagen noch idyllisch und still anmutende Campingplatz ist im Trubel der Motorradfahrer und Zelte zu einem kleinen Rummelplatz mutiert. Es werden Unmengen an Bierzelttischen und Bänken aufgebaut – für den Abend scheint hier wohl eine noch größere Sause geplant zu sein. Wir müssen gar nicht erst die Flucht ergreifen, denn heute wollen wir sowieso aufbrechen und auf die andere, südliche Seite des Bergmassivs bis nach Prägraten im Virgental weiterfahren.

In dem am Talende gelegenen Örtchen Hinterbichl (was für ein wundervoller Name!!) finden wir den kleinen, gemütlichen Campingplatz „Bergkristall“ und schlagen hier aufs Neue unser Lager neben einem stark wasserführenden Gebirgsbach auf. Das Wetter ist durchwachsen. Viertelstündlich wechseln sich Sonne, Bewölkung und Regenschauer ab. Den restlichen Tag über wird gefaulenzt. Wir setzen uns nur deshalb noch einmal in Bewegung, da wir zu faul sind, um uns selbst ein Abendessen zuzubereiten. Ganze 300 Meter Fußweg schaffen wir, bis zum nahe gelegenen, urigen Gasthof Islitzer, um uns dort eine cremige Portion Kasspatzn einzuverleiben!

In der Nacht gewittert es gewaltig und sehr lange. Das Donnergrollen zwischen den Bergen klingt monströs! Das Zelt hält dicht. Während des ersten Blitzes werde ich wach und denke im Halbschlaf, dass Carsten wohl gerade dabei ist, mich zu fotografieren… Als mir klar ist, dass über uns der Gewittersturm tobt, kreisen die Gedanken weiter…Ist ein Umzug ins Auto sinnvoll? Was passiert wohl, wenn der Blitz ins Zelt einschlägt? Wahrscheinlich schlägt der Blitz eher in die benachbarte Birke ein… Kann der reißende Gebirgsbach unter uns anschwellen, die neben unserem Zelt gelegene Böschung aufweichen, diese instabil werden lassen und uns in unserer Behausung mitsamt unserem Auto in den Fluten davontragen? Aber eigentlich ist es im Zelt bei Regen und Donnergrollen doch auch ganz gemütlich… denke ich noch und schlafe wieder ein.

Von Hinterbichl zur Neuen Reichenberger Hütte (2.586 m)

Höhenmeter: ca. 1.600 Meter / Gehzeit 8 Stunden (inklusive Schafrettungsaktion und Klüngelei)

Für die kommenden vier Tage arbeiten wir in der Touristeninfo von Prägraten eine Hüttentour aus und lassen uns von dort die Unterkünfte reservieren. Vom Campingplatz aus – wo wir das Zelt einfach stehen lassen können – geht´s los. Wir gelangen über einen Waldweg entlang der Isel zu den schönen Umbal-Wasserfällen. Weiter entlang der Isel steigen wir bis zum Abzweig in Richtung Clarahütte hinauf und überqueren eine provisorische Brücke, um immer weiter das Dabertal hinauf zu gelangen. Vorbei an zinnenartigen Gipfeln schwenken wir in ein weiteres Tal in Richtung des Daberkees (Kees = Gletscher) ab. Nach schweißtreibenden sechs Stunden unterwegs breitet sich unterhalb des Gletschers vor uns ein mächtiges Blockschuttfeld mit beeindruckenden, teils haushohen Felsblöcken aus, die irgendwann einmal das Eis hier hingetragen haben muss.

Wir treffen auf eine Schafherde neben einem Gebirgsbach. Ein junges Schaf steht auf der anderen Seite des Baches und blökt verzweifelt, weil es aus Blödheit nicht über den Bach zu den anderen Schafen kann. Ich überrede Carsten zu einer Schafrettungsaktion – dem armen Tier muss man doch helfen – die leider scheitert, wie vom Schafexperten Carsten vorausgesagt. Das Tier lässt sich nicht über den Bach in Richtung Herde treiben, sondern büchst in die verkehrte Richtung aus… die Schafherde ist mittlerweile über eine nahe gelegene Kuppe weitergezogen und außer Sichtweite. Das Schaf kommt langsam zurück. Wir sind uns ziemlich sicher, dass es auch bei einem zweiten Versuch den Bach nicht überqueren wird und müssen es nun widerwillig seinem Schicksal überlassen – ich heule, aber da ist nix zu machen. Im Pixibuch findet das Schaf, nachdem es all seinen Mut zusammengenommen hat, doch noch eine Möglichkeit, das sprudelnde Fließgewässer zu überqueren und wird von seinen Schaffreunden freudig erwartet… leider sind wir nicht im Pixibuch.

Über einen Sattel, die Daberlenke, geht es wieder bergab durch liebliche, bachdurchzogene Wiesen, umrahmt von der schroffen Bergkulisse, bis wir nach insgesamt acht Stunden Gehzeit (inklusive gescheiterter Schafrettungsaktion und Klüngelei auf den letzten Metern) die Neue Reichenberger Hütte auf 2.586 Metern über NN erreichen.

In der Hütte beziehen wir ein gemütliches Zweibettzimmer, unterziehen uns einer eiskalten Katzenwäsche und können es kaum erwarten, endlich mit Weißbier, Kaffee und Schiwasser in der Sonne zu sitzen! Zum Abendessen stehen „Spaghetti“ auf der Speisekarte. Carsten erkundigt sich beim Hüttenwirt, der an Wladimir Kaminer erinnert und über einen ziemlich trockenen Humor verfügt: „Was sind denn das für Spaghetti?“ Antwort: „So lange dünne…“. Wir lassen uns von der Tochter des Hüttenwirts zu einer langweiligen Runde Mensch ärgere dich nicht überreden – und schummeln ordentlich und unbemerkt, um das Spiel zu verkürzen… Bei einem kleinen Spaziergang zum nahegelegenen See in der milden Abendsonne macht sich allmählich die vollkommene Erschöpfung breit, und wenig später fallen wir auf unserem Zimmer glücklich und zufrieden in weiche Kissen!

Von der Neuen Reichenberger Hütte zur Lasörlinghütte – Über drei Scharten musst Du geh´n…

Höhenmeter: 1.500 Meter rauf und runter / Gehzeit: ca. 6 Stunden (keine Pausen)

Bevor wir am frühen Morgen zur nächsten Etappe aufbrechen, checken wir gemeinsam mit dem Hüttenwirt die Wettervorschau – für den Nachmittag werden Gewitter erwartet. Deshalb gibt er uns folgenden Rat mit auf den Weg:

„Trödelt nicht, damit ihr nicht bei schlechtem Wetter über das Prägrater Törl müsst!“

Von der Neuen Reichenberger Hütte geht der Weg direkt steil bergauf bis zur Roten Lenke, der ersten Scharte des heutigen Tages auf 2.794 Metern über NN. Wir steigen von dort hinab in ein Gerölltal und wenig später schon wieder steil hinauf zur Michltalscharte auf 2.753 Metern über NN. Der Wind bläst, und wir halten uns oben auf der Scharte lieber nicht allzu lange auf. Es geht weiter durch Geröllfelder und über einen Grat. Die Berge türmen sich erneut vor uns auf. Es wird noch steiler, wir kraxeln teils auf allen Vieren nach oben. Getrieben von den angekündigten Gewittern und immer ein wachsames Auge gen Himmel gerichtet (Braut sich schon was zusammen?) gönnen wir uns an diesem Tag keine Pause. Erst einmal wollen wir auch die letzte Scharte hinter uns bringen! Über sehr steile, schmale Pfade erreichen wir schließlich im Sturmesbrausen, aber immerhin trockenen Fußes das Prägrater Törl auf 2.853 Metern über NN.

Oben erstreckt sich zunächst eine weiße Schotterebene, ein sehr breiter Sattel. Das bedeutet einmal kein Gekraxel, sondern einfaches Geradeausgehen! Die Freude währt jedoch nicht lang. Wir müssen absteigen, durch loses Geröll. Aufgrund des extremen Gefälles müssen wir uns an einem rostigen Drahtseil hinunterhangeln (und sind dankbar, dass es existiert). Erst unten am Ende sehen wir, dass es dort bereits ausgerissen ist… Der Abstieg hat es in sich. Und während wir uns hinabhangeln fragen wir uns, ob wir jetzt zu den leichtsinnigen Unerfahrenen gehören, die hier herumkraxeln, wo sie eigentlich gar nicht hingehören… Ziemlich erleichtert kommen wir unten an.

Es stellt sich noch immer kein Gewitter ein, und uns ist nach einer Pause und etwas zu essen zumute. Als wir uns gerade endlich zu einem kleinen Snack niederlassen wollen, fängt es an zu nieseln. Also weiter, mit müden Beinen übers Geröllfeld. Nach sportlichen 5 Stunden und 50 Minuten erreichen wir – weil wir uns so beeilt haben – bereits am frühen Nachmittag die Lasörlinghütte auf 2.350 Metern über NN.

Wir beziehen ein Fünfbettzimmer, suchen uns die besten Schlafplätze aus und feiern unsere geglückte Drei-Scharten-Tour – wie es sich gehört – mit einem Weizenbier, herzhaften Leckereien aus der Hüttenküche, diversen spannenden Brettpartien Mensch ärgere dich nicht und schmökern in einem Gipfelbuch (Lieblingswort: abkugeln). Die Lasörlinghütte ist bis auf den letzten Platz besetzt mit großen und kleinen Wandergruppen und Familien. Die Sonne zeigt sich noch mehrfach, erst als der Wind zu sehr pfeift, verziehen wir uns in den gemütlichen Gastraum. Es regnet ein wenig und ein einziger Donnerschlag hallt über die Berge. Dann klart es wieder auf. Das große angekündigte Gewitter tobt erst in der Nacht.

Von der Lasörlinghütte zurück zum Campingplatz nach Hinterbichl

Höhenmeter: 2.600 Meter (600 rauf, 700 runter, 200 rauf, 1.100 runter) / Gehzeit: 8,5 h (inklusive Pausen)

Von der Lasörlinghütte wandern wir am nächsten Morgen bergauf zum Berger Törl, einer weiteren Scharte auf rund 2.700 Metern über NN. Wir durchqueren eine kleine Moorlandschaft, mehrere Geröllfelder und kraxeln einige Meter über einen seilversicherten Steig bergab. Weit unter uns taucht die Bergerseehütte auf – malerisch an einem kleinen mit Wollgras bestandenen Bergsee gelegen, aber der Weg ist noch weit und mitunter steil und etwas rutschig.

Die Landschaft ist spektakulär! Wir blicken von oben auf einen wunderschönen Karsee, in dem mehrere Eisbrocken schwimmen und können unter uns eine weite Ebene ausmachen, von der ein Wasserfall über eine Geländekante zu Tal rauscht!

Direkt neben dem Wasserfall steigen wir über eine Seilversicherung hinab.

Nach einer zünftigen Brettljause in der Bergerseehütte wandern wir über den Muhs-Panoramaweg auf nahezu einer Höhenlinie weiter. Von hier öffnet sich ein weiter Blick über die großflächige Vergletscherung um den Großvenediger und den Großen Geiger auf der anderen Seite des Virgentals. Als wir an der Lasnitzenhütte – unserem eigentlichen nächsten gebuchten Übernachtungsziel – ankommen, ist der Tag noch jung. Also werden wir hier nicht noch eine weitere Nacht verbringen, sondern die Tour schon heute zu Ende bringen. Unten in Hinterbichl wartet unser gemütliches Zelt auf uns!

Nach den anstrengenden Wandertagen in der wilden Natur steht für weitere zwei Tage die Stadt Salzburg für ein wenig Sightseeing auf dem Plan. Ein bisschen Zivilisation ist die beste Vorbereitung, um wieder nach Hause zurückzukehren. Zum Abschluss ein paar Eindrücke….

 

Welche großen oder kleinen Abenteuer habt Ihr auf Euren Bergtouren erlebt? Wir freuen uns auf Eure Empfehlungen, Anregungen und Kommentare!

 

+++ Hinweis: Sämtliche Namensnennungen und Empfehlungen in unseren Beiträgen basieren auf unserer persönlichen Meinung. Für die Erwähnung von Namen, Marken, Titeln etc. und für das Setzen von Links erhalten wir keine Bezahlung und auch keine anderweitige Gegenleistung. +++

Comments (2):

  1. Inge+Konni

    13. Januar 2019 at 18:21

    Sehr schöne anschauliche und spannend erzählte Berichte. Macht weiter so.

    Antworten
    • Nadine

      13. Januar 2019 at 18:26

      Hallo Ihr Zwei, danke schön! Wir freuen uns immer wieder, dass Ihr uns „treu“ bleibt 😉

      Antworten

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