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Reiseblog für Flashpacking, Camping, individuelles Reisen

USA – Roadtrip durch Kalifornien und Co.

Auf unserem dreiwöchigen Roadtrip durch Kalifornien, Nevada, Utah und Arizona sind wir mit einem Mietwagen und einem kleinen Zelt unterwegs. Während an der Küste Kaliforniens am Strand von Santa Cruz mit Surfern, Hippies und Lebenskünstlern so manches Klischee bedient wird, weht in anderen Gegenden noch der Geist des Wilden Westens. Frostige Temperaturen und faszinierende Landschaften erwarten uns in den Nationalparks, und in Las Vegas setzen wir uns der immerwährenden Reizüberflutung aus, bis wir nicht mehr können!

 

Die Route:
San Francisco – Pacifica – Santa Cruz – Felton – Yosemite Nationalpark – Kings Canyon Nationalpark – Kernville – Lone Pine – Death Valley Nationalpark – Valley of Fire – Zion Nationalpark / Springdale – Grand Canyon Nationalpark / North Rim – Grand Canyon Nationalpark / South Rim – Las Vegas – San Francisco

Übernachtungsorte – unsere TOP 5:
Atlatl Rock Campground im Valley of Fire / Nevada
Zion Canyon B&B in Springdale / Utah
Henry Cowell Redwoods State Park in Felton / Kalifornien
Moraine Campground im Kings Canyon Nationalpark / Kalifornien
De Motte Campground, Kaibab National Forest (North Rim) / Arizona

Über der kleinen Bucht und den grünen, sanften Hügeln liegt ein gleißendes und gleichzeitig diesiges Licht. Wir sind vor drei Stunden in San Francisco gelandet und mit einem Taxi in das nahegelegene Pacifica gefahren, um hier die erste Nacht im Hotel zu verbringen. Gefühlt (nach deutscher Zeit) ist es drei Uhr nachts. Auf einem kleinen Spaziergang an der Steilküste fühlen sich unsere ersten Eindrücke in Kalifornien etwas verwaschen an, und die Umgebung erscheint wie in Watte gepackt. Erstmal schlafen.

Baywatch und Blumenkinder in Santa Cruz

In der Vermietstation am Flughafen von San Francisco nehmen wir am nächsten Morgen einen schwarzen Ford Fusion mit einem ausgesprochen kitschigen Tacho- und Drehzahlmesserdesign und vier Kaffeebecherhaltern in Empfang (wir haben auch schon von Fahrzeugen mit sechs Haltern gehört!!).

Auf der State Route No. 1 („Highway No. 1“) cruisen wir gen Süden. Die legendäre Küstenstraße ist ein Teil der Panamericana und nach unseren Trips in Chile und Oregon dürfen wir jetzt ein weiteres Teilstück befahren.

In der Region der Monterey Bay biegen wir erst einmal ins Landesinnere ab, um uns einen Zeltplatz zu suchen. Zur Orientierung haben wir eine Straßenkarte dabei, in der die Übernachtungsmöglichkeiten durch Symbole gekennzeichnet sind. Eine davon wirkt besonders vielversprechend. Wir lassen die sanfte Hügellandschaft der Küste hinter uns und gelangen in die mystischen Wälder des Henry Cowell Redwoods State Parks. Der zugehörige Campingplatz ist ein wunderschöner Ort mitten im Wald, und nur sehr spärlich belegt. Hier schlagen wir unser Lager auf und fahren zurück an die Küste, um die uns als Hippiehochburg bekannte Stadt Santa Cruz zu erkunden.

Der Küstenort macht seinem Image nur bedingt alle Ehre. Auf der mit Bäumen gesäumten Haupteinkaufsstraße begegnen wir auffällig vielen skurrilen Typen, die eher den Eindruck machen, auf irgendeinem schlechten Trip hängen geblieben zu sein. Am Strand zeigt sich dann die Bilderbuchseite des Ortes. Hohe Palmen entlang der Promenade, die pastellfarbenen Wachposten der Rettungsschwimmer, eine große, hölzerne Pieranlage auf hohen Steelen und unzählige Wellenreiter, die bei schwachem Seegang im Wasser herumdümpeln. Oberhalb des Strandes, die Steilküste hinauf, liegen aufgeräumte Wohngebiete mit großen, schmucken, bunten Holzvillen. Die Sonne strahlt, und die Atmosphäre ist entspannt, voller junger, aktiver, joggender und radfahrender Menschen. Diese Flut an Eindrücken ist aber wohl nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was hier los sein muss, wenn es knackig heiß ist und die Badesaison erst richtig losgeht. Jetzt ist es eher frisch und noch nicht so überlaufen.

Am späten Nachmittag geht es zurück in die Wälder. Bei einem Spaziergang durch den Redwood Grove (Teil des Henry Cowell Redwoods State Parks) können wir den Baumriesen ganz nah sein. Einige Exemplare sind über 2000 Jahre alt!

Bärenbeobachtungen im Yosemite Valley

Der Jetlag sitzt uns noch in den Knochen, und wir sind sehr früh wach. Wir haben keine Frühstücksutensilien dabei, das Wetter ist nieselig. Also verstauen wir unser nasses Zelt, brechen unser Lager ab und fahren weiter.

In Watsonville biegen wir ins Landesinnere ab und lassen den Highway No. 1 hinter uns. Die Landschaft wandelt sich erneut, es wird steppenartig und karg. An einem Stausee, dem San Luis Reservoir mit Stauwall und Visitor Center sind wir am frühen Morgen die ersten Besucher des Tages. Ich bin guter Dinge und beginne Smalltalk mit dem Herrn hinter dem Informationstresen mit den Worten, es sei ja sehr wenig los hier… mein Gegenüber antwortet, ja, er habe seit Monaten niemanden mehr gesehen! Ich frage nach den Restrooms. Nein, weil ja so wenig los sei, gebe es auch keine Toiletten… Ok, war wohl der falsche Ansatz für einen unverbindlichen Plausch…

Mit Überqueren der Interstate No. 5 gelangen wir in Gebiete mit intensiver Landwirtschaft. Riesige Felder, unter anderem mit Kürbissen und Gemüse, werden mit Sprinkleranlagen bewässert und von unzähligen mexikanischen Landarbeiter bewirtschaftet. Wir durchqueren großflächige Orangenplantagen. Vielerorts ist die Nähe Mexikos spürbar – in den Ortsnamen, in der Architektur, aber auch in den vielen mexikanischen Restaurants am Wegesrand. Es ist mittlerweile fast Mittag als wir in Los Baños ein adäquates Plätzchen zum Frühstücken finden: einen gut besuchten, urigen Diner namens „Ryans Place“ mit Fotos von Soldaten und Baseballspielern an den Wänden, großen Ventilatoren und einem Breakfast-Special für 5.99 $. Am Tresen sitzen ein Typ mit verblüffender Ähnlichkeit zu John Goodman und ein älterer Amerikaner, wie man ihn sich an einem solchen Tresen vorstellt: mit Jeans, weißen Turnschuhen, Jeanshemd, schwarzer Lederweste und Baseball-Käppi. Es gibt Omelett und Hashbrowns!

Wir fahren tiefer in die Berge hinein, bis wir Mariposa, den letzten „größeren“ Ort vor dem Yosemite-Nationalpark, erreichen. In einem Visitor Center erkundigen wir uns nach Wander- und Campingmöglichkeiten. Zunächst werden wir enttäuscht. Für die nächsten Tage ist wirkliches Mistwetter angesagt – Regen und Schneefall! Man empfiehlt uns sogar, Schneeketten zu leihen. Und vom Wandern und Zelten im Park für mehrere Tage raten unsere Ansprechpartner explizit ab. Das versetzt unserer Stimmung erst einmal einen Dämpfer, obwohl wir vor unserer Abreise gewusst haben, dass der Tioga-Pass als West-Ost-Strecke quer durch den Nationalpark noch gesperrt ist. Trotz der unangenehmen Perspektiven wollen wir den Nationalpark besuchen, möglichst noch bevor der Schneefall einsetzt. Die Schneeketten ignorieren wir aus Protest, folgen aber der Empfehlung, den Indian Flat Campground kurz vor dem Nationalparkeingang anzusteuern, da alle Plätze im Park ausgebucht sind.

Tipp: Auf ausgebuchte Campingplätze werden wir während dieser Tour recht häufig treffen. Wir sind ohne Reservierungen unterwegs und müssen deshalb häufig improvisieren, auf weniger attraktive oder weiter entfernte Zeltplätze oder gelegentlich auch ein Motel ausweichen. Einerseits bleiben wir flexibel, andererseits kann die Suche nach einer geeigneten Übernachtungsmöglichkeit dann auch zeitaufwendig werden, und dass Ausweichen in Motels ist mit höheren Kosten verbunden. Wer sicher gehen will, dass er in den Nationalparks übernachten kann, der sollte besonders in den Hauptferienzeiten und zu Feiertagen frühzeitig online reservieren (www.recreation.gov)! Damit muss man sich zwar teils schon mehrere Monate im Voraus zumindest auf einzelne Eckpunkte der Route festlegen, kann dafür aber auch an den landschaftlich schönsten Stellen campieren.

Indian Flat ist noch recht leer und wirkt ein wenig verwahrlost auf uns (hier und da liegen Müll und Zigarettenstummel herum und die mit Plastikfolie eingekleideten Cabins sehen sehr verwohnt aus). Das Zelt haben ist schnell aufgebaut. Alle duftenden und sonst wie riechenden Gegenstände verstauen wir in einer der parzellenweise fest installierten bärensicheren Metallkisten.

Wir entern den Park. Je weiter wir ins Yosemite Valley vordringen, umso spektakulärer wird die Landschaft. Die Bridalveil Falls (Brautschleier-Wasserfälle) mit spektakulär herabfallenden Wassermassen verpassen den Besuchern am Grund eine regelrechte Dusche. Das Wasser kommt uns auf dem asphaltierten Fußweg zentimeterhoch und flächendeckend entgegen. Bei der Weiterfahrt durch das bestens erschlossene Tal (jeweils zwei Fahrspuren zur Ein- und Ausfahrt) erhalten wir einen beeindruckenden Blick auf El Capitan, einen mächtigen Granitfelsen, der neben dem Half Dome die bekannteste Gesteinsformation des Nationalparks darstellt. Daneben stürzen die Yosemite Falls ins Tal. Wenig später künden die aufleuchtenden Bremslichter vor uns einen Stau an. Der Grund für Verkehrschaos und Massenauflauf ist schnell ausgemacht: BÄREN!

50 Fahrzeuge mit 250 Touristen und sage und schreibe drei Bären – ein Mamabär und zwei kleine Cubs laufen friedlich etwa 200 Meter entfernt durch das Gehölz. Wie alle anderen auch, haben wir unser Auto einfach auf der rechten Fahrbahn stehen lassen und beobachten vom Straßenrand aus das Geschehen – mit großem Sicherheitsabstand!! Eine Rangerin ist bereits vor Ort und versucht, Menschen und Bären voneinander möglichst fern zu halten. Zunächst redet sie auf einige Besucher ein, die versuchen, sich immer näher heranzupirschen, den Tieren freie Bahn zu lassen. Als es ihr offensichtlich zu bunt wird, läuft sie schreiend und mit erhobenen Armen winkend auf die Bären zu – und siehe da, sie nehmen sofort Reißaus und laufen hinaus in die Auen in der Mitte des Yosemite Valley! Dass es so einfach ist, einen Schwarzbären zu beeindrucken, hatten wir nicht erwartet, finden es aber beruhigend zu wissen, wie wir uns im Falle einer unverhofften Bärenbegegnung verhalten können (diese Möglichkeit gilt aber nicht für alle Bärenarten! Grizzlies ticken ganz anders…). Beglückt – wenngleich auch ein wenig beklommen wegen dieser Mengen an Menschen in Fahrzeugen, die für ein Naturerlebnis durch das Tal rollen (uns eingeschlossen) – stiefeln wir zum Auto zurück und setzen unsere Fahrt fort. Wenig später erneut ein Menschen- und Fahrzeugauflauf – und wieder entdecken wir im Wald zwei Schwarzbären. Diesmal sind es größere Exemplare. Wildlebende Bären… wir sind hin und weg!

Als wir uns am Zelt etwas zu Essen zubereiten wollen, ist es nicht richtig trocken, aber es regnet auch nicht richtig. Es ist zu trocken, um sich ins Zelt zu verkriechen, und zu nass, um draußen zu sitzen. Und es ist kalt. Was also tun? Kochen und frieren oder 200 Meter weiter ein Restaurant besuchen? Dreimal dürft Ihr raten… Noch bevor unser Essen serviert wird, gehen plötzlich die Lichter aus und alle Gäste sitzen im Dunkeln – Stromausfall! Der dauert offensichtlich unbestimmte Zeit an, und die Kellner beginnen damit, auf allen Tischen Öllämpchen anzuzünden. Unverhoffter Weise kommen wir so heute noch zu einem Candlelightdinner! Um uns herum sind viele Gäste leicht gereizt, einige gehen einfach, andere beschweren sich, weil es mit dem Essen so lange dauert. Wir finden es eigentlich ganz gemütlich… Im strömenden Regen tappen wir durch die Dunkelheit zurück. Es wird eine regnerische, kalte Nacht.

Eine Wanderung im Yosemite Valley

Tags darauf ist das Wetter am Morgen wieder gar nicht kalifornisch, sondern feucht und kalt. Ohne Frühstück lassen wir das nasse Zelt schleunigst im Wagen versschwinden und fahren ins Yosemite Valley, um dort eine Wanderung zu unternehmen. Essen können wir dann auch irgendwann zwischendurch. Die Zufahrtsstraßen im Tal sind im vollständig schneefrei, und wir sind trotz der feuchten Kälte auch fernab von frostgefährlichen Temperaturen. Wir kommen also gut ohne Schneeketten klar.

Wir wissen noch nicht genau, wohin es gehen soll, da unser Reiseführer nur grobe Hinweise auf den John-Muir-Trail enthält. An einem Parkplatz finden wir den Trailhead zu den Vernal Falls. Hört sich gut an, machen wir. Die ersten paar Kilometer bis zu einer Brücke über einen mit großen Felsblöcken gespickten Gebirgsbach verläuft der Wanderweg asphaltiert. Von einer Brücke erhaschen wir einen ersten Blick auf die Wasserfälle. Weiter geht es auf dem so genannten Mist Trail, der durch das herabstürzende Wasser in kleine Tröpfchen der aufsprühenden Gischt gehüllt ist. Regenjacken sind angesagt! Oberhalb der Fälle pausieren wir umlagert von gierig auf unsere Müsliriegel lauernden Stellar´s Jays direkt an der Kante, an der das Wasser in die Tiefe stürzt. Oberhalb dieser Plattform erstreckt sich ein großer Pool, in den über eine glattgeschliffene Felsrutsche reißende Wassermassen einströmen, bevor sie die Vernon Falls hinabstürzen – baden verboten!

Weiter geht es bergauf, bis zu den Nevada Falls. Die Mühen werden reich belohnt. Immer wieder haben wir Ausblicke auf den Hauptfall und mehrere kleine Fälle, die oben an einer Felskante aus dem darüber liegenden Plateauwald austreten. Oben angelangt, breitet sich vor uns das Plateau aus glatt geschliffenem Granitfels aus. Hier können wir emsige Streifenhörnchen beobachten und den Blick weit über den Nationalpark schweifen lassen. Nach etwa vier Stunden gelangen wir wieder über den Rundweg wieder zum Ausgangspunkt unserer Wanderung.

Wir wollen heute noch weiter, verlassen um die Mittagszeit das Yosemite Valley und halten unterwegs erfolglos nach Bären Ausschau. Der berühmte „Tunnel View“, angeblich eines der meistfotografierten Panoramen der Welt, ist jedoch ein mehr als würdiger Ersatz.

Spät nachmittags erreichen wir das Millerton Lake Recreation Area als Zwischenübernachtungsziel und finden einen schönen Campingplatz vor – knorrige Eichen zwischen Gesteinsbrocken, direkt an einem Stausee. Es ist mild und trocken, und die unzähligen Vögel veranstalten einen Höllenradau! Vor allem die Woodpecker scheinen hier aktiv zu sein und geben irgendwie affenartige Geräusche von sich… Hier lassen wir den Tag wunderbar entspannt verstreichen und kriechen irgendwann zufrieden und glücklich ins warme, trockene Zelt.

Kings Canyon Nationalpark – im Schatten der Baumriesen

Das Aufwachen auf dem Millerton Lake Campground ist ein Traum! Wir liegen in unseren Schlafsäcken und genießen das unglaublich vielfältige Vogelgezwitscher. Ein wahrer Ohrenschmaus! Durch den offenen Zelteingang nehmen wir eine milde Wärme wahr. Eine Wohltat, nach den letzten Tagen.

Heute kehren wir zurück in die Berge, – zum Kings Canyon Nationalpark. Der Kings Canyon, der tiefer eingeschnitten sein soll als der Grand Canyon, beeindruckt mit steilen Felswänden und dem malerischen Gebirgsfluss. Es geht hier beschaulicher zu als im stark besuchten Yosemite Valley, ist dafür aber vielleicht landschaftlich nicht ganz so spektakulär. Trotzdem begeben wir uns heute den ganzen Tag auf Erkundungstour und besichtigen in Grand Grove mächtige Sequoias wie den General Grant und den Fallen Monarch, einen ausgehöhlten, begehbaren Baumstamm. Der General Grant soll dem Volumen nach der drittgrößte Baum der Erde sein. In Cedar Grove gibt es ausgedehnte Zeltplätze, die jedoch nur sehr spärlich gefüllt sind. Hier finden wir ein wunderbares Plätzchen für unser Zelt auf dem Moraine Campground, auf der Moräne eines ehemaligen Gletschers im Nadelwald. Ein Ort zum Wohlfühlen! Wir haben bereits gelernt, was wir in dieser Gegend zu tun haben: alle duftenden oder sonstwie geruchsintensiven Habseligkeiten wandern in den bärensicheren Schrank auf unserer Parzelle. Schließlich treffen wir am Ende des Tals auf einen gemütlichen Wanderweg, den Zumwaldt Meadow Trail, der über Pfade und Stege ein malerisches Feuchtwiesental erschließt.

Zurück am Campingplatz brauen sich über den Bergen mächtige graue Wolken zusammen, und lassen unser geplantes Abendessen ins Wasser fallen. Carsten kämpft im Regen mit dem Kocher und einer Dose Chili con Carne, dafür erdulde ich die stechenden Hände beim anschließenden Eiswasser-Spülen. Da der Regen stärker wird, legen wir uns bereits am frühen Abend ins Zelt und sind wahrscheinlich schon vor neun Uhr eingeschlafen.

Sequoia Nationalpark und Kernville River Country

Mit steifen Knochen krabbeln wir aus dem bisschen Restwärme unserer Schlafsäcke heraus. Die Finger schmerzen, als wir das pitschnasse Zelt verstauen. Camping in Kalifornien hatten wir uns irgendwie anders vorgestellt… Während der Ausfahrt aus dem Kings Canyon Nationalpark entdecken wir den Grund für unsere Frostbeulen. Nur wenige Kilometer von unserem Campingplatz entfernt ist über Nacht der Winter zurückgekehrt bzw. in den höheren Lagen gar nicht erst verschwunden! Zu dem verbliebenen Schnee des Winters ist heute Nacht neuer dazugekommen. An einem Aussichtspunkt frühstücken wir im Stehen neben unserem Auto in winterlicher Umgebung!

Wie an einer Perlenschnur reihen sich hier in Kalifornien die Nationalparks aneinander. Nach Yosemite und Kings Canyon folgt auf unserer Route der Sequoia Nationalpark, in dem wir jedoch nicht übernachten, sondern ihn nur auf der Durchfahrt mitnehmen wollen. Im Park befindet sich der Giant Forest mit weiteren riesigen Sequoiabäumen, unter anderem dem General Sherman. Ich bin – trotz grundsätzlichem Tatendrang – um diese Uhrzeit zunächst noch nicht bereit, mich für irgendeinen weiteren Baum zu bewegen, so dass Carsten sich allein auf den Weg macht. Ich warte im Auto, blättere in unserem Reiseführer und lese, dass es sich bei General Sherman um den größten Baum unseres Planeten (dem Volumen nach, vgl. Lonely Planet Kalifornien). Jetzt wird mir klar, dass ich nicht wenige 100 Meter davon entfernt auf einem Parkplatz hocken und mir den Anblick entgehen lassen kann! Also Wanderschuhe an und hinterher! Der Baum ist riesig, und damit meine ich RIESIG!! Er ist so voluminös, dass es kaum möglich ist, dies auf einem einzigen Foto festzuhalten.

Bei der Weiterfahrt treffen wir auf Menschen am Straßenrand, die uns Zeichen geben, langsamer zu fahren, dann Bremslichter vor uns und neben der Straße hinter der Leitplanke, ein friedlich grasender Schwarzbär! Und wir auf der Premium-Fahrbahnseite direkt daneben! Schade nur, dass keine Zeit zum Verweilen und Beobachten bleibt, denn hinter uns rücken die nächsten Autos nach.

Wir verlassen die Anhöhen und gelangen wieder ins Central Valley mit den riesigen Obstplantagen. In dieser Gegend um Exeter werden vor allem Orangen angebaut. Wir unternehmen einen Abstecher von der Hauptdurchfahrtsstraße in den Ortskern von Exeter und sind entzückt (besonders ich) über die netten, hübschen Häuser entlang der Einkaufsstraße mit bunten Wandmalereien, gepflegten Rasenflächen und violetten Schwertlilien. Die Orangenplantagen werden vereinzelter, je mehr wir nach Süden kommen. Würden wir die State Route 65 weiter in Richtung Süden fahren, würden wir geradewegs auf den Großraum Los Angeles zusteuern. Wir biegen aber an der Junction 65/155 in Richtung Osten ab, auf eine nur sehr wenig befahrene Nebenstraße, die uns wieder durch herrliche lichte Eichenwälder in die Berge führt – es ist traumhaft schön!

Irgendwann sind wir über den Berg und gelangen damit in Bereiche, die kaum noch eine Regenwolke erreicht. Wir fahren nun in das Kern River Country im Umfeld des Isabella Stausees. Kernville ist ein Hot Spot für das Wildwasserrafting in Kalifornien und an diesem Feiertagswochenende (Memorial Day) sehr gut besucht. In der Straßenkarte sehen wir, dass es im Ort einen Zeltplatz gibt. Ausgebucht. Wir steuern das erstbeste Motel (sogar mit Pool) an und besichtigen ein plüschiges, dunkles Zimmer, das dafür ziemlich saftige 80 $ plus Tax pro Nacht kosten soll. Wir versuchen es woanders. Beim nächsten Motel lernen wir Dan kennen. Er selbst hat leider kein Zimmer mehr frei, ruft aber seinen Freund im benachbarten Ort Wofford Heights an, der dort ebenfalls ein Motel betreibt. Wir haben Glück, wir dürfen kommen. Nach einem Plausch mit Dan fahren wir zu unserer Unterkunft.

Das Sierra Vista Motel liegt leicht zurückversetzt von der Hauptdurchfahrtsstraße, der Verkehr stört aber nicht allzu sehr. Das Zimmer ist sauber, und wir genießen die lauwarmen Temperaturen und eine herrliche Dusche! Unser nasses Zelt legen wir draußen auf unserer Bank zum Trocknen aus und fahren nach einer kurzen Ruhepause zurück nach Kernville. An der Straße vor unserem Motel sehen wir eine Bar, in der heute ein Karaokeabend stattfinden soll. Wir nehmen uns vor, dort später noch ein Bier trinken zu gehen (Nach Carstens grandiosem Karaoke-Auftritt zu AC/DC im Essener Irish Pub kurz vor unserer Abreise sind wir für solche Veranstaltungen sensibilisiert!). Nach einem kleinen Rundgang durch das beschauliche Kernville machen wir es uns im Motel gemütlich und kommen ziemlich schnell zu der Einsicht, dass uns der Karaoke-Abend ziemlich schnuppe ist. Die Müdigkeit schlägt zu – wie nicht anders zu erwarten, nach den vielen Eindrücken des heutigen Tages. Dass wir im Urlaub sind und uns langsam erholen, merken wir daran, dass die Nächte immer traumreicher, und die Träume immer intensiver und verworrener werden.

Im Wilden Westen von Lone Pine

Dank des gemütlichen Bettes (aber immer noch friere ich) schlafen wir länger als in den letzten Tagen. In Charly´s Minimarkt kaufen wir Wasser und einige Lebensmittel. Wie so oft, wenn man in den USA mit Einheimischen spricht, erzählt uns Charly himself, dass seine Vorfahren Ende des 19. Jahrhunderts auch aus Deutschland, aus dem Schwarzwald, nach Amerika auswanderten. Wir sprechen mit ihm über unsere heutigen Etappenziele und fragen ihn, ober er die Randsburg Ghosttown für sehenswert hält. Ja, Randsburg sei eine „living ghosttown“ und durchaus sehenswert, wenn man so etwas mag. Vorfahren seiner Verwandten lebten dort und gruben nach Gold. Also auf nach Randsburg.

Kurz hinter Kernville eröffnen sich riesige, karge Weiten – nur noch vereinzelt niedrige Büsche und ausgedehnte Bereiche mit Joshua Trees und Kakteen. Irgendwann sind noch nicht einmal mehr die Joshua Trees vorhanden, sondern nur noch karge Zwergsträucher. Eine solche wüstenartige Landschaft sehen wir zum ersten Mal in unserem Leben und sind beeindruckt! Wir kommen nach Randsburg und wissen nun, was Charly mit dem Begriff „living ghosttown“ gemeint hat. Hier wird noch aktiv Bergbau betrieben. Ein großer Teil der Häuser ist in einem eher heruntergekommenen Zustand, aber noch bewohnt. Es gibt mehrere Antiquitätenläden, in denen man allerlei Minengedöns kaufen kann, und überall im Ort sind Bergbaureliquien verstreut – alte Loren, rostige Autoruinen und Gerätschaften, eine kleine Lokomotive, Kutschen und Wildwesthäuser nebst City Jail (Minigefängnis mit zwei Zellen). Offensichtlich ist diese Gegend – wie die gesamte Eastern Sierra – ein Dorado für Motocross- und Motorradfreaks. Vor dem Saloon gönnen wir uns ein kühles Getränk.

Das Ambiente ist so urtümlich, dass wir am liebsten direkt vor der Tür unseren Gaul anbinden, die leider nicht vorhandene Schwingtür aufstoßen und die Insassen des Saloons mit einem lässigen „Howdie!“ zum Verstummen bringen würden.

Mit einer kleinen Rundfahrt durch das Dorf brechen wir unsere letzte Etappe nach Lone Pine an. Die Strecke führt uns auf dem Highway 395 durch eine Hochebene zwischen der Sierra Nevada und einer Bergkette, die nach Osten ins Death Valley abfällt. Die Landschaft ist weit und baumlos und karg – faszinierend! Irgendwann breitet sich vor uns ein mächtiges, altes Lavafeld aus, daneben der lang gezogene Haiwee-See, dessen tiefblaue Farbe sich fast unwirklich von den umgebenden Erdtönen abhebt und auf dem Pelikane schwimmen. Kurz vor unserem Ziel soll sich laut Karte der Owens Lake auftun. Dieser ist jedoch fast ausgetrocknet und präsentiert sich als weiße Salzpfanne, an die wir leider nicht nah herankommen, da das Gelände durch Zäune abgesperrt ist (Werksgelände für Rohstoffabbau). Später erfahren wir, dass der See ausgetrocknet ist, weil der Zufluss, der Owens River, seit den 1920er Jahren in den Los Angeles Aqueduct umgeleitet wird, um Trinkwasser für das 300 Kilometer entfernte Los Angeles zu liefern. Am Nachmittag erreichen wir das Örtchen Lone Pine (1.655 Einwohner) als Ausgangspunkt für Erkundungen des Mount Whitney, des höchsten Bergs der USA (ohne Alaska) mit rund 4.400 m Höhe. Am Ortseingang besuchen wir das brandneue Visitor Center, wo wir uns eine Wilderness Permit für den Mount Whitney Trail ausgestellen lassen (müssen). Die Wilderness Permit gewährt Zutritt zu einem Wanderpfad, der über einen bestimmten Zeitraum nur in limitiertem Umfang frequentiert werden darf, um die Touristenmassen zu begrenzen.

Der Lone Pine Campground, als unser bevorzugtes Übernachtungsziel, befindet sich auf der Strecke in Richtung Westen zum Mount Whitney. Auf dem Weg dorthin durchqueren wir zum ersten Mal die bizarren und imposanten roten Alabama Hills, die zwar nicht besonders hoch sind, aber durch ihre abgerundeten, kugeligen Formen beeindrucken. Wir wollen hier später noch einmal länger verweilen, und uns erst einmal um eine Bleibe zu kümmern. Sowohl der Lone Pine als auch der Tuttle Creek Campground mitten in der Pampa sind voll belegt. Die Plätze gefallen uns aber auch nicht besonders, da sie nur wenig Schatten und keine Duschgelegenheiten bieten.

Wir kehren in den Ort zurück und versuchen es bei einem weiteren Campingplatz in der Nähe des Visitor Centers am Diaz Lake. Dort sind noch ein paar staubige Parzellen mit spärlichem Schatten frei, aber auch hier gibt es keine Duschen. Dafür kostet die Übernachtung aber auch nur 10 $. Auch die vielen lärmenden Großfamilien, riesigen Wohnmobile mit brummenden Generatoren und die zahlreichen Motocross-Fans, die den Platz bevölkern, lassen uns nicht gerade in Begeisterungsstürme ausbrechen. Also zurück nach Lone Pine – wir erkundigen uns nach Motelpreisen. Der Preisvergleich von 70 bis 90 $ gegenüber 10 $ macht den Campingplatz dann doch wiederum so attraktiv, dass wir dort zumindest eine Nacht verbringen und uns in der zweiten Nacht das Motel gönnen wollen.

Den baumbestandenen Bereich, in dem die Großfamilien ihre ausgedehnten Zeltlager errichtet haben, lassen wir links liegen und entscheiden uns für eine Sandparzelle mit einem kleinen, mickrigen Bäumchen in zweiter Reihe vom Seeufer entfernt (die erste Reihe ist voll mit Wohnmobilen). In dieser zweiten Reihe stehen wir ganz alleine, und eine dritte Reihe gibt es schon nicht mehr. Der Platz nebst Bank und Feuerstelle ist in Ordnung, und bietet einen traumhaften Ausblick über die Salbei-Wüste auf die Sierra Nevada. Das Plumpsklo, fehlende Wasch- und Spülbecken lassen hingegen darauf schließen, warum der Platz so günstig ist. Aber neben der grandiosen Aussicht bekommen wir für 10 $ doch so einiges geboten: ein mückenvertreibendes Lagerfeuer und interessante Einblicke in das ziemlich spezielle Freizeitverhalten der Wohnmobilbewohner.

Ein Großteil der Camper auf dem Platz hat vor allem eines gemeinsam – einen Hang zur Überdimensionierung:riesige Autos, riesige Wohnmobile, riesige Hintern – alles muss möglichst groß, vor allem aber auch laut sein.

Hinzu kommt, dass sich die Leute den ganzen Tag mit irgendetwas bespaßen müssen – Musik, Wassersport, Motocross, Fernsehen. Leute stehen mit ihrem Sechs-Meter-RV in der Wüste vor einem Wahnsinnsbergpanorama – und sehen fern! Von den Großfamilien wehen Geräuschfetzen wilder, überschwänglicher Musik herüber, und von weitem sieht man, dass eine mitgebrachte bunte Lichtanlage einen Baum in wild flackernde Bunttöne taucht. Wir denken, da ist doch bestimmt eine Riesensause im Gange, und wollen uns das Spektakel aus nächster Nähe ansehen. Im Schutz der Dunkelheit erkennen wir dann aber auf der Parzelle mit der Lichtanlage nur sehr gedämpfte Musik und einen Campingstuhlkreis mit einigen Gestalten, die einfach nur in dem bunten Farbenmeer herumsitzen. Das hat möglicherweise eher etwas mit Drogenkonsum als mit überbordender Lebensfreude zu tun…

Nach einem Einweg-Barbecue entzünden wir am Abend ein zünftiges Lagerfeuer mit dem Feuerholz, das wir schon seit dem Kings Canyon Nationalpark mit uns herumfahren, und beobachten unterdessen einen herrlichen Sonnenuntergang hinter den Bergen. In der Dunkelheit öffnet sich über uns ein wunderbarer Sternenhimmel!

Für unsere Verhältnisse spät, nämlich um halb elf, kriechen wir ins Zelt und greifen zu Ohrenstöpseln, um nicht von quakenden Teenagergrüppchen, Generatoren und Motorengeräuschen der ständig vorbeifahrenden SUVs um den Schlaf gebracht zu werden. Nachts werde ich wach und bekomme mit, dass sich das Wetter geändert hat, und nun ein regelrechter trockener Sturm über den Platz fegt! Die Zeltwand wird zwar eingedrückt, aber das Zelt steht bombenfest. Ich rette unsere draußen herumfliegenden Kochutensilien. Der Rest der Nacht ist kurz.

Eine hochsommerliche Winterwanderung am Mount Whitney

In aller Frühe stehen wir am Mount Whitney-Trailhead. Der Weg geht stetig, aber nicht allzu steil bergauf. Die Lastenverteilung ist gerecht: ich trage das Fernglas, und Carsten trägt den Rest. Das Panorama ist grandios: hinter uns die Eastern Sierra mit den Alabama Hills und die östlich angrenzende Bergkette Paramint Mountains, und vor uns die höchsten Gipfel der Sierra Nevada! Je höher wir die Hänge des Mount Whitney hinaufkraxeln, umso mehr Schnee liegt noch rechts und links des Weges. Unser für heute erklärtes Ziel ist der Lone Pine Lake. Viele Wanderer hingegen wollen höher hinaus als wir. Alle Gipfelstürmer, denen wir unterwegs begegnen, sind mit allerlei Kletterequipment ausgestattet. Bis dort oben gelangt man nur mit einer Zwischenübernachtung.

Der malerische Bergsee liegt versteckt etwas abseits des Weges… so laufen wir erst einmal schnurstracks daran vorbei und kämpfen uns weiter durch den Schnee bergauf. An einer ausgesetzten Stelle machen wir Halt – und sehen ihn weit unter uns in der Sonne glitzern! Den Weg zurück rutschen wir auf dem Hintern über das Schneefeld bergab – auch in hochsommerlicher Hitze eine unterhaltsame Angelegenheit!

Der Lone Pine Lake liegt wunderschön! Wir sitzen da, blicken auf das Wasser und sind entzückt! Plötzlich taucht über unseren Köpfen ein Segelflugzeug auf, das bedenklich tief am Hang entlang fliegt und lautlos hinter einem Felsen verschwindet – das sieht so merkwürdig aus, dass nicht nur wir, sondern auch die wenigen anderen Anwesenden sekundenlang erstarren und schon mit dem Geräusch eines krachenden Aufpralls rechnen – aber da taucht das Flugzeug ebenso lautlos hinter den Felsen wieder auf und dreht ab…

Auf dem Abstieg zum Trailhead zeigt sich, dass unser früher Aufbruch eine gute Entscheidung gewesen ist. Einerseits wird es immer heißer und andererseits kommen die Wanderer inzwischen busseweise den Berg hinaufgewandert. Einige haben Angeln dabei, was die Vermutung nahelegt, dass sich die Idylle des Lone Pine Lakes im Laufe des Tages noch erheblich verwandeln wird. Mittags erreichen wir erschöpft und glücklich wieder den Parkplatz und fahren zu unserem für heute Nacht reservierten Motel in Lone Pine.

Unser Zimmer in der zweiten Etage des Hintergebäudes stößt nach anfänglicher Skepsis (aller Kram muss nach oben geschleppt werden) auf große Zustimmung. Ein riesiger Raum mit einem riesigen Bett! Hier ruhen wir uns erst einmal aus und freuen uns, dass es uns nach Rückfrage in der Rezeption doch noch gelingt, den mysteriösen Duschknopf so zu betätigen, dass wir der Dusche Wasser entlocken können!

Am Nachmittag besuchen wir das (klimatisierte) Lone Pine Filmmuseum. Lone Pine bzw. genauer gesagt die Alabama Hills (von denen nach wie vor kein Mensch weiß, warum sie so heißen) waren bereits Schauplatz unzähliger Western- und Fantasy/Science-Fiction-Filme wie Iron Man mit Robert Downey junior., Im Land der Raketenwürmer (oder so ähnlich) mit Kevin Bacon und Gladiator mit Russell Crowe. Countrygrößen wie Roy Rogers, aber auch John Wayne, Cary Grant und Humphrey Bogart haben hier schon gedreht. Neben unzähligen Filmplakaten und Requisiten gibt es auch kitschige, mit Strasssteinen besetzte Anzüge und einen riesigen weißen Cadillac des Countrysängers Nudie mit unglaublich dekadenten Verzierungen zu bestaunen.

Der nächste „Programmpunkt“ besteht in dem Besuch eines Saloons, den wir eigentlich nur deshalb betreten, weil wir schon auf dem Hinweg zum Museum gesehen haben, dass er Schwingtüren hat – da wollen wir unbedingt mal durchgehen! Da das Motel nur einen asphaltierten Parkplatz vor der Tür zu bieten hat, fahren wir in der Dämmerung für ein in wildromantischer Umgebung und rauer Natur gekochtes Abendessen in die Alabama Hills. Im Angesicht der roten Felsen schmecken unsere Pestonudeln wie ein Gourmetessen! In der Dunkelheit kehren wir nach Lone Pine zurück und kaufen gallonenweise Wasser. Denn morgen wir begeben uns auf einen Trip in den Vorhof zur Hölle!

In Flip Flops durch das Tal des Todes

Noch – und ich betone NOCH – sind die Temperaturen mild und angenehm. Es geht auf der Straße Nr. 136 um den ausgetrockneten Owens Lake herum in die Inyo Mountains hinein. Wir haben durchaus Respekt vor dem heutigen Tag und sind gespannt. Dies liegt nicht zuletzt an den Symbolen in unserer Straßenkarte, die mögliche Haltepunkte zum Auffüllen von Kühlwasser kennzeichnen. Charly, der Lebensmittelmarktbesitzer aus Wofford Heights hatte uns darüber hinaus bereits ausdrücklich die Straße von Lonepine ins Death Valley mit der Begründung empfohlen, dass die Strecke über Ridgecrest nur einmal pro Woche von einer Highway Patrol abgeflogen werde, was im Falle einer Autopanne und ohne Möglichkeit zu telefonieren extrem ungünstig sei. Die Kühlwasseranzeige unseres Fahrzeugs hält sich kontinuierlich im mittleren Bereich, da haben wir wohl hoffentlich nichts zu befürchten.

In Panamint Springs, einer Ansammlung von Versorgungseinrichtungen und Zeltplatz, rasten wir in einem hübschen Restaurant zum Frühstücken. Der Ort wirkt in all der Kargheit wie eine Oase auf uns. So stellen wir uns eine Ranch in Südafrika vor. Wir sitzen auf einer großen schattigen Veranda und lassen uns mit schwarzem Tee und Denver-Omelette verwöhnen. Die Einfahrt in den Vorgarten des Teufels ist eher seicht und undramatisch. Im Death Valley Nationalpark erhalten wir bei Stovepipe Wells und den Mesquite Flat Sand Dunes aber einen ersten Eindruck von den Temperaturen, die uns heute erwarten werden, als wir die Türen unseres klimatisierten Autos öffnen. Um zehn Uhr am Vormittag schlägt uns eine brutale Hitze entgegen, so dass wir wenig Verlangen haben, weit in die Dünen hineinzulaufen! Um uns herum erstreckt sich ein gigantisches Tal, absolut eben, an den Rändern mit bizarren Felsformationen unterschiedlichster Form und Farbe. Wir statten als nächstes dem Ort einen Besuch ab, an dem sich der Deibel höchstpersönlich ackerbaulich betätigt – Devils Cornfield! Über den Mud Canyon und das höher gelegene Hells Gate drehen wir eine große Runde durch diese bizarre Landschaft und erreichen pünktlich zur Mittagshitze den Campingplatz in Furnace Creek.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als seien die einigermaßen schattigen Plätze unter den wenigen spärlichen Kiefern schon belegt und als müssten wir mit der prallen Sonne vorliebnehmen. Nervosität überkommt uns. Dann werden wir aber doch noch ganz in der Nähe eines Waschhauses – leider auch hier keine Duschen – fündig. Wir bauen nur unser Unterzelt auf, denn bei der Trockenheit und Hitze ist nichts weiter erforderlich. Es wird immer heißer, die Sonne brennt gnadenlos, und es bläst ein föhnheißer, kräftiger Wind über die Ebene. Furnace Creek selbst ist eine Ansammlung von Bars, Restaurants, einem Lebensmittelgeschäft einer Post und einem kleinen Hüttendorf. Hier treffen wir auch auf eine der überflüssigsten Einrichtungen, die uns je untergekommen sind – einen bewässerten Golfplatz unter Palmen inmitten der Wüste… Etwas weiter außerhalb von Furnace Creek dann die andere Seite der Medaille – das einfache Native American-Dorf der Timbisha Shoshone – eine Ansammlung von Mobile Homes. Da vorne an der Straße Besucher auf einem Schild ausdrücklich willkommen geheißen werden, unternehmen wir einen Anlauf zum Besuch des Dorfes, aber die Schotterstraßen zwischen den Mobile Homes sind wie ausgestorben, und wir haben keine Lust, uns – wie auf dem Schild gefordert – erst in einem Büro registrieren zu lassen. Also kehren wir um. Von den Shoshonen (von denen wir leider keinen einzigen gesehen und mit keinem gesprochen haben) geht es weiter zum Badwater Basin, dem mit 86 m unter dem Meeresspiegel gelegenen niedrigsten Punkt Amerikas. Hoch über dem Parkplatz ist an einer Felswand eindrucksvoll ein Schild mit der Aufschrift „sea level“ angebracht. Die pralle Sonne und der heiße Wind machen jeden Schritt zur Tortur. Mit geringfügigen Bedenken, das Auto mitsamt Deoflaschen und Gaskartuschen in der Gluthitze zurück zu lassen, begeben wir uns auf die gleißende Ebene hinaus. Der Wind bläst so warm und kräftig, und in der Hitze bemerke ich schon ein leichtes Schwindelgefühl, während Carsten damit ganz gut zurechtkommt. Mir ist nicht wohl bei diesen allerersten Anzeichen eines Sonnenstichs oder Hitzschlags, so dass ich schnurstracks wieder umkehre, im Stechschritt aus der Salzpfanne hinauslaufe und im rettenden Schatten eines teuflischen Klohäuschens Unterschlupf suche. Was für ein höllischer Ort! Aber nach ein paar Meilen im Auto erreichen wir den Himmel auf Erden in Furnace Creek: wir sitzen auf der Veranda im Schatten und trinken EISTEE! Wir verbringen mit dieser erquickenden Tätigkeit eine hingebungsvolle halbe Stunde und halten uns danach lang und ausgiebig im klimatisierten Andenken- und Supermarkt auf (besonders zwischen den Kühlregalen). Auf dem Zeltplatz sitzen wir dehydriert in der Hitze herum und sind bewegungsunfähig. Das Wasser in unserem Kanister ist eine warme Plörre, die wir kurzerhand mit Teebeuteln zu Früchtetee veredeln.

Spätnachmittags – man kann jedoch nicht sagen, dass es merklich kühler geworden wäre – raffen wir uns zu einer weiteren Erkundungstour über den Artist Drive auf. Eine Einbahn-Serpentinenstrecke führt uns durch bizarre Gesteinsformationen in allen Farben, durch Senken und kleine Canyons hindurch. Bei dem Anblick der tiefen Auswaschungen im Fels, aber auch im Lockergestein (kleine Canyons in den kleinen Canyons) fragt man sich, woher und vor allem wann die Wassermassen hier entlang strömen, um den Untergrund so stark zu verändern. Hinweisschilder warnen vor Sturzfluten, die zeitweise durch die ausgewaschenen Erosionsrinnen hindurch und die Hänge hinab geschossen kommen. Das muss wahrlich ein Spektakel sein! Im gesamten Death Valley beeindruckt jedenfalls, wie der vegetationslose Untergrund schutzlos den Kräften von Sonne, Wind und Regen ausgesetzt ist und welche Oberflächenformen entstehen können, wenn die Elemente Gestein und Boden direkt angreifen können. Von unterwegs können wir einen irrwitzig rot-pastelligen Sonnenuntergang hinter den Bergen bestaunen. Ein grandioses Schauspiel!

Die mit EISTEE gefüllten Kühltruhen des Supermarktes locken uns erneut nach Furnace Creek. Zwei erschöpfte Reisende mit zwei großen Flaschen Kaltgetränk in zwei Schaukelstühlen auf einer Veranda – herrlich! Wir fahren zurück zum Campingplatz. Der Wind fegt heiß und erbarmungslos über den Platz, so dass es uns eigentlich direkt ins Zelt zieht – aber dann erklärt sich Carsten freiwillig bereit, noch einmal mit dem Auto zum zwei Kilometer entfernten Markt zurückzufahren und zwei weitere Flaschen EISTEE zu kaufen. Wir brauchen einen EISTEE-Shuttle!!

In der Nacht ist es immer noch heiß. Wir liegen in Schockstarre da, wünschen uns eine frische Brise und noch einen Liter EISTEE. Carsten schläft relativ schnell ein. Ich bleibe wach. Gegen Mitternacht wacht Carsten wieder auf. Ich bin immer noch wach. Die Hitze ist anstrengend. Jetzt können wir beide nicht mehr einschlafen und überlegen einen Moment lang, unser Lager einfach abzubrechen und der Wiege des Schreckens zu entfliehen, um irgendwo außerhalb des Death Valleys im Auto noch ein paar Stunden Ruhe zu finden. Wir sind zu träge, um den Plan umzusetzen und bleiben, wo wir sind.

Nach der überhitzten und unruhigen Nacht brausen wir dem Sonnenaufgang entgegen. Wir fahren durch die Kleinstadt Pahrump, die offensichtlich nur aus Einfamilienhäusern besteht und völlig zersiedelt ist. Hier befinden wir uns schon im Bundesstaat Nevada. Nach einiger Zeit erblicken wir am Horizont die Hochhaussilhouette von Las Vegas. Die Ausläufer der Wüstenstadt bestehen aus gleichförmigen Wohngebieten mit beigefarbenen Einfamilienhäusern. Teils sind sie als Gated Communities für Neugierige wie uns nicht zugänglich. Die Wohngebiete werden auch noch weiter aus dem Boden gestampft, wie die vielen Verkaufsschilder erkennen lassen.

Dann sind es noch ein paar Meilen, und wir können es kaum glauben, als wir auf den Las Vegas Boulevard – den Strip – abbiegen und kurze Zeit später linkerhand das berühmte Willkommensschild erblicken!

Auf dem Strip quer durch Las Vegas und auf Spurensuche im Valley of Fire

Wir cruisen den gesamten Strip von Süden nach Norden entlang, und es kommt uns völlig unwirklich vor. Wir bekommen einen verrückten Vorgeschmack auf das, was uns erst in wenigen Tagen erwarten wird (denn für diesen Aufenthalt haben wir von zu Hause schon ein Zimmer vorreserviert): wie eine Perlenschnur reiht sich ein bekanntes Hotel neben das andere – das MGM Grant mit einem riesigen goldenen Löwen vor dem Eingang, das Mandalay Bay, Luxor, Excalibur und das New York, New York mit einer nachgebauten Brooklyn Bridge. Es folgt das Paris Las Vegas mit dem Eiffelturm und kurz darauf das Bellagio-Hotel mit begrünter Promenade! Wir sehen das Caesars Palace mit seinen römischen Säulen und direkt gegenüber das Hotel, in dem wir absteigen werden – Flamingo. Diese bunte, kitschige, eigene Welt wirkt so schräg auf uns, dass Carsten kurzerhand den Vorschlag macht, unseren Aufenthalt um zwei Nächte nach vorne zu verlängern. Ich bin sofort einverstanden und kann es kaum erwarten, die ganzen Bettenburgen von innen zu sehen und mich in das glamouröse, bekloppte Getümmel zu stürzen (später werden wir unsere spontane Begeisterungsfähigkeit noch bereuen…!!).

Weiter geht es den Strip entlang – Mirage! Harrah´s! Treasure Island! Venetian mit Rialtobrücke! Mit dem Wynn, einem sehr luxuriös anmutenden, schlichten Hotelneubau, schließt der am stärksten verdichtete Bereich des Strips ab. Im nördlichen Abschnitt ist dafür die Dichte der Wedding Chapels höher. Wer es eilig hat, kann sich hier sogar in einer Drive-Thru-Kapelle das Jawort geben! Weiter nach Nordosten verliert sich der Strip am Rand der Downtown in einfachen, teils ärmlich wirkenden Siedlungen, auffällig viele Obdachlose sind hier unterwegs. Ein wenig heruntergekommene Trailerparks schließen an die benachbarten großräumigen Air Force Stützpunkte an, die erhebliche Fluglärmbelastungen verursachen. Hier landen alle paar Minuten riesige Militärjets. Dann dauert es auch nicht mehr lange bis wir schon wieder mitten durch die karge Wüstenlandschaft fahren. Die Stadt endet hier viel abrupter, als sie in dem südwestlichen Teil mit den vielen Wohnquartieren begonnen hat.

Unser Ziel ist das Valley of Fire. Wir folgen der Empfehlung von Freunden, haben aber noch keine Vorstellung, was uns genau hier erwartet (abgesehen davon, dass der Name des Ortes ja schon einiges verrät…). Trotzdem sind wir hin und weg, als in der Ferne – inmitten der beigefarbenen Wüstenlandschaft – plötzlich knallrote Felsformationen auftauchen. Je näher wir dem Park kommen, umso mehr Details können wir erkennen. Die Felsen bestehen aus höhlen- und kluftreichem ausgewaschenen, feuerroten Sandstein, der sich in den unglaublichsten, bizarrsten Formen präsentiert. Am liebsten möchten wir an jeder Kurve anhalten und uns die immer neuen Skulpturen aus der Nähe ansehen! Es ist erst Mittag, als wir auf dem Campingplatz Atlatl Rock ankommen, so dass wir noch fast frei entscheiden können, wo wir unser Zelt aufbauen wollen.

Die Lage für eine Übernachtung mit dem Zelt ist grandios! Die Stellflächen sind umgeben von den malerischen Gesteinsformationen und liegen teilweise direkt an den Felswänden. Eingebettet in schützendes Gestein, jeweils mit Sitzbank und Sonnendach ausgestattet. Es wirkt sehr heimelig und einladend (vielleicht sprechen aus uns da noch unsere in Höhlen lebenden Vorfahren!). Die Dame, die sich hier um alles kümmert, gibt uns einen Tipp. „Nehmt Platz 12, dort steht Euer Zelt geschützt in einer Felsnische, und ihr könnt von dort nicht nur den Sonnenaufgang sondern auch den Sonnenuntergang sehen!“
Das lassen wir uns nicht zweimal sagen – eine Traumparzelle! Alles – vor allem das großzügige, neue Waschhaus mit Superduschen (auf staatlichen Campingplätzen in den USA eher selten zu finden) – macht einen sehr gepflegten Eindruck. Wir beschließen direkt, hier zwei Nächte zu bleiben.

Am Morgen kündigt sich wieder eine enorme Hitze an. Mit dem Wagen erkunden wir den State Park und unternehmen unterwegs kleine Wanderungen zu Felsformationen mit Namen wie Elephant Rock, Silica Dome, White Domes und zum Mouse´s Tank, ein malerisches canyonartiges Tal. Roter Sandstein, soweit das Auge reicht! Doch von ungeschlagen größtem Interesse ist der Getränkeautomat im klimatisierten Besucherinformationszentrum, dem wir zweimal an diesem Tag eisgekühlte Cola entlocken. Dort erfahren wir auch, dass das Valley of Fire aus ehemaligen Sanddünen (610 bis 790 Meter über NN) besteht, die durch Hebung, Faltung und extensive Erosion in den heutigen Zustand versetzt wurden. In prähistorischer Zeit lebten hier die „Korbflechter“ und Anasazi, die an vielen schwarzen Stellen auf dem roten Gestein so genannte Petroglyphen hinterließen.

Als wir zu unserem Zeltplatz zurückkehren bemerken wir erst, wie uns die Sonne – trotz Klimaanlage im Auto – zugesetzt hat. Wir sind erschöpft und vegetieren im spärlichen Schatten herum. Carsten baut plötzlich ab, fühlt sich schwach und bekommt auch keinen Bissen meines (exquisiten!!) Nudelgerichtes herunter. Die ganze Nacht hat er noch mit verworrenen Träumen und Fieber zu kämpfen.

Zion Nationalpark

Am Morgen geht es Carsten noch immer nicht besonders gut. Trotzdem setzen wir unsere Tour fort. Auf der Interstate 15 überqueren wir kurz hinter der Stadt Mesquite die Staatsgrenze zwischen Nevada und Arizona und gleichzeitig die Grenze zwischen der Pacific Time Zone und der Mountain Time Zone. Kurze Zeit später sind wir dann auch schon im Bundesstaat Utah angelangt. Während einer Pause in der Stadt St. George lernen wir neben den bereits bekannten hashbrowns und den wundervollen breakfast omelettes eine weitere Spezialität amerikanischer Frühstückskultur kennen. An zwei Beilagen von cremig-schwabbeliger Konsistenz und eher unattraktiver Farbe traue ich mich nur unter Zuhilfenahme zahlreicher Päckchen Zucker heran. Nach Rückfrage bei der Kellnerin wissen wir, dass der eine Topf aus Maispampe besteht, die man tatsächlich normalerweise mit Zucker isst (ähnlich wie Milchreis). Der Inhalt des anderen Töpfchens bleibt weiterhin ein ungelüftetes Geheimnis (schmeckt irgendwie nach Schmalz, ist vielleicht auch welcher).

Auf dem Weg zum Zion Nationalpark begeistern uns im Ort Rockville zahlreiche wunderschöne Häuser. Da Carstens Gesundheitszustand noch immer nicht optimal ist, können wir uns heute gut vorstellen, das richtige Bett eines Bed & Breakfasts der harten Isomatte im Zelt vorzuziehen. So überlegen wir uns, eventuell hierhin zurück zu kehren, sollten wir im oder am Nationalpark nicht fündig werden.

Der Ort Springdale unmittelbar vor dem Nationalparkeingang scheint touristisch sehr gut erschlossen zu sein, macht einen einladenden Eindruck und gefällt uns auf Anhieb. Wir folgen dem erstbesten Bed & Breakfast-Hinweisschild zum Zion Canyon B&B. Dort stehen wir vor einem großzügigen Wohnhaus im mediterranen Stil und mit allerlei Gedöns im Vorgarten (Windspiele, Brunnen, Figuren, üppige Bepflanzungen). Hier ist tatsächlich noch ein großartiges, einladend eingerichtetes Zimmer verfügbar. Um Klassen besser als das Motel in Lonepine, aber zum gleichen Preis! Die Herberge ist im Kolonialstil eingerichtet und überall mit opulentem Schnickschnack und wuchtigen Möbeln ausgestattet. Auch unser Bett ist sehr groß und bequem und mit einem riesigen Haufen Kissen dekoriert. Außerdem verfügt das Zimmer über allerlei dekorativen, aufeinander abgestimmten Schnickschnack. Wir haben Bademäntel, dekorative Pflegeprodukte und Wasserflaschen. Das Highlight: eine riesige private Terrasse mit Kühlschrank, Sonnenliegen mit geblümten Polstern und Ausblick auf ein spektakuläres Felspanorama. Wir sind begeistert!

Im Zion Nationalpark stellen wir den Mietwagen auf einem zentralen Parkplatz ab und steigen in eine Shuttlebahn um, der uns in das touristische Haupttal bringt. Wir sind ernüchtert. Es ist ziemlich warm, und das Tal ist so voller (überwiegend deutscher) Touristen, wie wir es bisher an keinem anderen Ort während dieser Reise erlebt haben. Am Ende der Straßenerschließung gelangen wir über einen kurzen, asphaltierten Weg weiter in den Canyon hinein. Auch hier ist unheimlich viel los, und wir sehen landschaftlich eigentlich nur die Felswände und den Fluss. Also zurück in die Bimmelbahn und zur zentralen Fütterungsstation. Wir sitzen im Schatten, trinken Eistee, essen Chipse und Softeis. Der Weihnachtsmann ist auch da und trägt ein rotes Sommeroutfit. Wir sind uns sicher, dass der Nationalpark wunderbare, einsame Wanderungen zu bieten hat. Wie gerne würden wir uns treiben lassen und hier spontan noch ein paar Tage bleiben! Aber der Grand Canyon, Las Vegas und San Francisco warten noch auf uns, und unsere Reisezeit ist leider begrenzt!

Da Carsten noch nicht vollständig wieder auf der Höhe ist und uns die Hitze zusetzt, fahren wir zurück ins B&B und genießen dort einen herrlichen Nachmittag auf unseren Sonnenliegen! Am Abend erkunden wir die Downtown von Springdale mit vielen Kunsthandwerks-, Gesteins- und Mineralienläden, Touristenunterkünften und Restaurants, bevor wir in ein wundervoll weiches, bequemes, luxuriöses, sauberes, breites, gemütliches, kissenreiches Bett fallen!!

Am Grand Canyon – verzaubert von der großen Tiefe

Pünktlich finden wir uns im „Atrium“ an einer üppig und sehr geschmackvoll dekorierten, rustikalen Frühstückstafel ein, an der bereits zwei amerikanische Paare sitzen, und genießen hier leckeres Obst mit Quark und Pancake. Leider müssen wir heute diesen einladenden Ort verlassen, sind aber gleichzeitig gespannt auf die kommenden Tage. Nach dem gestrigen massentouristischen Erlebnis entfaltet sich für uns erst bei der heutigen Durchfahrt durch den Zion Nationalpark seine wahre Schönheit (wenngleich uns bewusst ist, dass wir gerade nur einen winzigen Teilbereich des Parks durchfahren) – eine atemberaubende Berglandschaft mit kahlen Sandsteindomen, spärlichem Nadelbaumbewuchs und außergewöhnlichen Verwitterungsspuren im Gestein! Nach dem Verlassen des Parks wandelt sich das Bild erneut fast schlagartig zu einer flachwelligen Wiesen- und Waldlandschaft.

Mehrfach starte ich unterwegs Versuche, von Telefonzellen aus das Hotel Flamingo anzurufen, um unseren geplanten Aufenthalt nach vorne zu verlängern. Die ersten Münzfernsprecher hängen schon gar nicht mehr in den dafür vorgesehenen Kästen. Dann ist da an einer Tankstelle einer, der sogar zu funktionieren scheint. Nachdem ich mich fünf Minuten lang durch das automatische Anrufweiterleitungssystem des Hotels manövriert und endlich einen lebendigen, sprechenden Menschen am Hörer habe, stelle ich fest, dass zwar ich ihn, aber er mich nicht verstehen kann – Hörer kaputt! Und alles Kleingeld futsch. Nächster Versuch – wieder durch die automatischen Ansagen: Drücken Sie die Eins wenn Sie Flamingo-Card-Bronze-Mitglied sind, und die Zwei, wenn Sie die Flamingo-Card-Silber besitzen. Die Drei wählen Sie bitte, wenn Sie Super-Doppel-Platin-Premium-Mitglied und über 60 Jahre alt sind. Außerdem sind Sie auserkoren, an unserem exklusiven Gewinnspiel teilzunehmen. Wenn Sie dies wünschen, drücken Sie die Vier, wenn Sie dies nicht wünschen, drücken Sie die Fünf… und so weiter und so weiter. Im Hintergrund brettern die lärmenden Trucks vorbei, und der „echte“ call center agent ist kaum zu verstehen. Aber irgendwann steht unsere Reservierung endlich – und ich bin um mindestens drei Jahre gealtert. Das wiederum wird nur ein entspannter Pooltag im Hotel mit einer Frozen Margarita wieder ausgleichen können…!

Wir gelangen ins nördliche Arizona – einen nur sehr spärlich besiedelten Landstrich – und durchfahren Wiesenlandschaften mit kleinen Seen und die ausgedehnten Waldgebiete des Kaibab National Forest, bis wir den Eingang zum Grand Canyon Nationalpark erreichen. Ein Schild informiert darüber, dass der Campingplatz am North Rim komplett belegt ist. Wir kehren also direkt wieder um, um uns einen Platz auf dem nächsten außerhalb des Parks gelegenen Campground zu sichern. Auf dem De Motte Campground finden einen netten Stellplatz im lichten, schattenspendenden Nadelwald. Allerdings gibt es mal wieder weder Duschen noch fließend Wasser, sondern nur einfache Herzhäuschen. Aber was bleibt uns übrig? Beim Aufbau unseres Zeltes bricht eine Zeltstange und muss fachmännisch mit zwei Heringen als Schiene und Tapeband zusammengeflickt werden. Die Styroporboxen werden im Schatten deponiert. Wir entern den Park noch einmal.

Der North Rim, die Nordseite der berühmten Schlucht des Colorado Rivers, mit Cabins und einer traditionsreichen Lodge aus den 1920er Jahren, ist zwar sehr gut erschlossen, aber nicht überlaufen. Wir unternehmen einen kleinen Spaziergang zum Bright Angel Point – und endlich öffnen sich vor uns die tief beeindruckenden, Ehrfurcht erweckenden Weiten des Grand Canyon!

Der Wechsel von Licht und Schatten, die vielfarbigen, treppigen Schichten mit unzähligen Felsvorsprüngen, Stufen, kleinen Plateaus auf unterschiedlichen Ebenen, die sich nach unten in tiefen, verschatteten Schluchten verlieren, sind wahrhaftig das beeindruckendste Naturschauspiel, das wir jemals gesehen haben!

Wir können uns gar nicht satt sehen an diesem Panorama aus Rot- und Erdtönen – es sieht teils so surreal aus, als blickten wir auf ein Gemälde!

Der North Rim liegt im Schnitt 2.200 bis 2.400 m über dem Meeresspiegel (zum Vergleich: Zugspitze 2.962 m). Am South Rim ist das Plateau rd. 2.000 bis 2.100 m über dem Meeresspiegel gelegen. In dieses Hochplateau tieft sich der Grand Canyon um ca. 1.000 m ein.

Auf dem Zeltplatz bereitet uns Carsten etwas zu essen. Als wenig später die erste Bierdose geöffnet ist, raschelt es hinter uns im Gebüsch, und vor uns steht plötzlich ein mittfünfzigjähriger Motorradfahrer, der sich mit der Frage zu uns auf die Bank setzt, ob wir ein paar seiner Fotos sehen wollen. Er – Richard aus Mississippi – verbringt den ganzen restlichen Abend zum Plausch bei uns. Er reist alleine mit seinem Motorrad, befindet sich gerade auf dem Weg zum Highway No 1 und möchte dann die Pazifikküste bis nach Kanada hinauffahren. Auf meine Frage, wann er wieder nach Hause fährt, antwortet er, er fahre dann zurück, wenn er seiner Frau sagt, dass er fahre. Irgendwann geht es um den Amerikaner als solchen und seinen verschwenderischen Lebensstil, um Immigration, Wasserproblematik in Nevada und Kalifornien und um seine Vorfahren, die auch irgendwie mal um Achtzehnhundertsoundso aus Deutschland gekommen sind. Soweit, so gut.

Etwas suspekt wird uns der gute Richard erst, als er uns eröffnet, dass er an Reinkarnation glaube und wisse, dass er in seinem früheren Leben als deutscher Soldat im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront in Russland gekämpft habe und dann dort gefallen sei. Er wisse, das höre sich etwas „strange“ an… Nun ja… Wie er da so im Dämmerlicht sitzt und gruselige Wiedergeburts-Soldatengeschichten erzählt, wird er mir etwas unheimlich – und ich stelle mir einen psychopathischen Serienkiller vor, der harmlose Touristen einlullt, in eine Falle lockt und sie nachts ganz plötzlich durch die Zeltwand hindurch mit einer Axt umbringt… Carsten beschließt das Thema dann aber mit dem Kommentar, vielleicht sei er ja eigentlich sein Großvater, der sei auch an der Ostfront gefallen… Richard rundet den Abend mit einer knappen Charakterisierung der Menschen in Mississippi ab: „Eher wird die Hölle gefrieren, als dass in Mississippi jemand bei einer Reifenpanne anhält, um dir zu helfen!“ Offensichtlich nette Leute da…

Kurz darauf liegen wir – natürlich ohne Richard – auch schon in unserem Zelt und sehen einer ausgesprochen kalten Nacht entgegen. Ich bin mehrfach wach und friere in meinem Schlafsack aufs Ungemütlichste. Carsten kann nicht einschlafen und fotografiert aus lauter Verzweiflung den Sternenhimmel (der hier wegen der fehlenden Lichtquellen sehr beachtlich ist – das Foto allerdings nicht).

Heute wollen wir den Grand Canyon im Licht der aufgehenden Sonne erleben. Durchgefroren wie wir sind, fahren wir im Halbschlaf in den Nationalpark, die Heizung bis oben hin aufgedreht. Natürlich sind wir nicht die einzigen Frühaufsteher mit dieser Idee, aber es sind doch nicht so viele Menschen unterwegs, wie erwartet (befürchtet). Am Rand des Wanderpfades zum Bright Angel Point finden wir eine schöne Stelle, an der wir uns postieren können, um den Grand Canyon in all den intensiven Farbnuancen des Morgenlichts zu beobachten. Ein besonderer Moment der Ruhe und Erhabenheit, ein wundervolles Erlebnis!

Auf dem Weg zum Trailhead unserer heutigen Wanderung begegnen wir einem der nur hier am North Rim und im nördlichen Kaibab Forest vorkommenden Kaibab Squirrel. Es handelt sich um eine Eichhörnchenart, die sich nicht über dieses Waldgebiet hinaus ausbreiten kann, da es von unwirtlicher Wüstenlandschaft umgeben ist. Man spricht auch vom „Silver Ghost of Kaibab Forest“, da die Tiere mit ihrem buschig-silbrig-weißen Schwanz durch den Wald huschen wie kleine geisterhafte Fabelwesen… Es soll aber leider die einzige Begegnung mit einem dieser zauberhaften Geschöpfe bleiben.

Der Widfoss-Trail ist nach einem schwedischen Landschaftsmaler mit besonderer Affinität zum Grand Canyon benannt und führt über eine Strecke von insgesamt 16 Kilometern am North Rim und durch den Wald bis zum Widfoss-Aussichtspunkt und zurück. Es ist nur eine geringe Anzahl an Höhenmetern zu überwinden, was uns bei der Hitze des anbrechenden Tages ganz und gar nicht stört. Neben den sich immer wieder öffnenden phänomenalen Ausblicken in die Canyons, entdecken wir im Laub sehr gut getarnte, winzige horned lizards, die wie kleine, grimmige Drachen aussehen und die wir uns viel größer vorgestellt haben. Der Rückweg erweist sich nach einem Picknick dann in der Mittagshitze als vergleichsweise unspektakulär und langatmig. Nur ein einziges Mal schießt Carsten ein ordentlicher Schrecken in die Glieder, als sich direkt vor ihm auf dem Wanderweg eine recht beeindruckend große Schlange breit macht, die dann langsam im Unterholz verschwindet! Nachdem dieses kurze Schockerlebnis überwunden ist, zeigt sich einmal wieder, wie unterschiedlich die Wahrnehmung zweier Menschen in ein und derselben Situation sein kann: Carsten ist der Ansicht, die Schlange sei mindestens 1,50 m lang gewesen, während ich auf eine Größe nicht länger als 1,00 m getippt hätte. Jedenfalls erfahren wir nach Abschluss unserer Wanderung durch Nachfrage und Vorzeigen eines Fotos bei einer Rangerin im Visitor Center, dass wir es mit einer ungiftigen gopher snake zu tun hatten.

Nach einer wunderbaren Nacht mit tiefem, erholsamem Schlaf setzen wir unsere Reise fort, um heute in einem großen Bogen den Grand Canyon östlich zu umfahren und auf diese Weise an den landschaftlich spektakuläreren South Rim zu gelangen. Von den lieblichen Wäldern des Kaibab National Forest geht es schon bald wieder durch die abweisende und dennoch faszinierende Wüstenlandschaft. Kurz nach dem Abzweig nach Westen zum South Rim folgen wir einem Hinweisschild auf einen Aussichtspunkt in die Little Colorado River Gorge (östlicher Zufluss zum Colorado River). Dieser Bereich wird von den hier ansässigen Native Americans unterhalten und genießt den Status eines „Navajo Tribal Parks“. Der Canyon des Little Colorado River ist sehr beeindruckend, die in der Hitze flirrende Luft lässt die Felswände wie gemalt erscheinen!

Wir legen die letzten Meilen bis in den südlichen Teil des Grand Canyon Nationalparks zurück und halten am ersten Aussichtspunkt mit dem Namen Desert View. Die Besonderheit an dieser Stelle ist ein Watchtower, den eine Künstlerin hier in den 1930er Jahren errichtete. Darüber hinaus hat man von hier einen freien Blick auf den tief unter uns dahinfließenden, blautrüben Colorado River. Die riesigen Parkplätze und die gesamte Erschließung zeigen deutlich, dass hier die eigentlichen Touristenmassen des Parks abgefertigt werden! Die sengende Hitze, die die vielen Asphaltflächen nicht erträglicher machen, tut ihr übriges. Dennoch – der Blick über den Grand Canyon ist noch um einiges beachtlicher – weiter und tiefer – als am Nordrand. Da auch hier der Campground direkt am Rim ausgebucht ist, müssen wir mit einem Stellplatz auf einem privat geführten Areal im ersten Ort außerhalb des Nationalparks vorliebnehmen.

Anders als in der heimeligen Waldidylle am North Rim, handelt es sich bei diesem Platz um eine staubige, baumlose Fläche, auf der Wohnmobile und Übernachtungsbarracken dicht an dicht in der erbarmungslosen Sonne braten. Wir sind umgeben von mehreren uniformen Gruppenzeltlagern, und über uns kreisen die Hubschrauber, starten und landen irgendwelche Kleinflugzeuge, da sich der Flughafen direkt nebenan befindet. Dann lieber direkt zu neuen Entdeckungen aufbrechen!

Ganz in der Nähe befindet sich ein IMAX-Kino, in dem der Film „The Hidden Secrets of Grand Canyon“ gezeigt wird, angeblich der meistgesehene IMAX-Film weltweit, was wir uns angesichts der Besuchermassen hier im Nationalpark gut vorstellen können. Eine halbe Stunde lang können wir uns hier vor der sengenden Hitze verkriechen! Dann wird es aber auch Zeit, wieder zum South Rim zurück zu fahren, um das noch verbliebene Tageslicht auszunutzen. Wir stellen den Wagen auf einem der riesigen Parkplätze ab und gelangen über andere Parkplätze und Baustellen für weitere Parkplätze zur Hangkante. Hier lassen wir uns Zeit und genießen das spektakuläre Panorama in den Grand Canyon. Bis zum Sonnenuntergang bleiben wir an einem Aussichtspunkt, staunen, schauen und sind regelrecht vor Ehrfurcht ergriffen. Die tiefer sinkende Sonne lässt die Felsen in immer anderer Schönheit erstrahlen. Wunderbar!!

Am nächsten Morgen rüsten wir uns für die bevorstehende Abgabe unseres Mietwagens in Las Vegas. Es wird sortiert, gepackt und ausgemistet. Einige Lebensmittel, Kerzen, Gaskartuschen und die kleine Kühlbox vermachen wir einem deutschen Pärchen, das neben uns zeltet und noch ein paar Urlaubstage vor sich hat. Dann steht die letzte Autofahrt dieser Reise an. Unterwegs besuchen wir in der Nähe der Stadt Williams – animiert durch die zahlreichen riesigen Hinweisschilder –einen kleinen Drive-Thru-Tierpark namens Bearizona. Da der Zoo gerade erst eröffnet hat, befinden sich einige Gehege noch im Bau oder sind verwaist (das erklärt den fairerweise verringerten Eintrittspreis). Wir cruisen an Eseln, Big Horn Sheep, dunklen Bisons, hellen Bisons und Schwarzbären vorbei. Wir wiederum werden kameraüberwacht, und als wir das Fenster zu lange zum Fotografieren geöffnet lassen, kommt direkt ein emsiger Angestellter auf einem Quad angebraust, um uns mit eindringlichen Blicken auf unser Fehlverhalten aufmerksam zu machen. Während die armen Esel als unspektakulärste Tierart an den Anfang des Parcours positioniert worden sind, wartet nach den ausgewachsenen Schwarzbären am Ende der Rundtour das vorläufige Highlight des Zoos auf uns, für das wir sogar das Auto verlassen dürfen: zwei flauschige, niedliche, quirlige Schwarzbären-Cubs!!

Es ist noch nicht einmal Mittag, als wir auf die legendäre Route 66 zwischen Seligman und Kingman gelangen. In Seligman wird der Geist der guten alten Zeit durch allerlei bunten Nostalgiekram, Gastronomie, bunte Wandbemalungen und Schilder am Leben gehalten. In vielen Abschnitten sehen wir aber auch die deutlichen Spuren des wirtschaftlichen Niedergangs in Folge der Verkehrsumleitung auf die südlich verlaufende Interstate 40. Das haben viele Hotels, Motels, Tankstellen und Bars nicht überlebt. Zum ersten Mal während der Rundreise sehen wir hier das tumbleweed im Zaun entlang der Straße hängen. Von alleine will es jedoch nicht wehen, also hole ich mir eine schöne, große Kugel und helfe für ein Foto ein bisschen nach…

In Kingman verlassen wir die legendäre Route 66 in Richtung Nordwesten. Die folgende Strecke ist ziemlich unspektakulär, bis erste Sicherheitskontrollen den nahe gelegenen Hoover Dam ankündigen. Offensichtlich wird die Staumauer des Lake Mead als potenzielles terroristisches Ziel betrachtet, an dessen Tropf ein gewisser Teil der Strom- und Wasserversorgung von Las Vegas mit 600.000 Einwohnern plus Hotels hängt. Eine Großbaustelle soll dafür sorgen, dass bald nicht mehr der gesamte Verkehr über die Staumauer geführt werden muss. Es herrschen unbeschreiblich heiße, Death-Valley-artige Temperaturen. Dennoch ein sehr beeindruckendes Bauwerk (aus den 1930er Jahren, hieß anfangs Boulder Dam, mit architektonischen Elementen und geflügelten Skulpturen – ein Kind seiner Zeit, dem man das auch deutlich ansieht). Der nahegelegene Ort Boulder City wirft spontan die Frage auf, wie hier – mitten im sengenden Nichts – eine Siedlung entstehen kann. Später erfahren wir, dass diese ursprünglich eine Gründung eigens für die Arbeiter während des Staumauerbaus gewesen ist. Bald schon gelangen wir in den Dunstkreis von Las Vegas und bahnen uns im Verkehrsgetümmel unseren Weg zum Hotel Flamingo – eine grobe Orientierung haben wir ja bereits aufgrund unserer Durchfahrt vor ein paar Tagen.

Expeditionen durch die Bettenburgen von Las Vegas

Für die kommenden Tage tauchen wir in eine klimatisierte Glitzer- und Glamourwelt stetiger Reizüberflutung ein, der man sich nur von dem Moment an vorübergehend entziehen kann, in dem man den Fahrstuhl zu den Hotelzimmern betritt. Unseren Mietwagen geben wir im Parkhaus des Bellagio Hotels wieder ab. Wir haben während dieser Reise insgesamt rund 3.800 Kilometer Strecke im Auto hinter uns gebracht.

Las Vegas ist – zumindest im Bereich des berühmten Boulevards – eine Kunstwelt, die darauf ausgelegt ist, die Besucher 24 Stunden, rund um die Uhr und ohne Unterbrechung zu unterhalten. Es gibt (fast) keinen Ort, an dem man nicht mit Musik beschallt wird. Überall wird einem der vermeidlich schöne Schein verkauft – Mode, Luxus und Sex. Titten, Ärsche, Waschbrettbäuche. An jeder Straßenecke lungern Typen herum, die die männlichen Passanten (unabhängig davon ob in weiblicher Begleitung oder nicht) auf die Dienste von Prostituierten aufmerksam machen wollen. Außerhalb der klimatisierten Hotels und Casinos herrscht eine lebensfeindliche Hitze.

Ziemlich schnell stellen wir fest, dass die Casinos in den Hotels alle gleich aussehen (kennsse eins, kennsse alle). Dort herrscht ein permanent hoher Lärmpegel verursacht durch Gebimmel, Getriller, Getute, Gedudel, Gelaber und was man sich sonst noch so an Geräuschen vorstellen kann. Für das Glücksspiel in Las Vegas haben wir uns ein Limit von 20 Dollar gesetzt. Als wir die erste Spielrunde an einem einarmigen Banditen in Angriff nehmen, rappelt und klingelt es einmal laut – und unser Einsatz ist futsch. Das macht keinen Spaß. Also lassen wir es einfach und haben damit in den Casinos des Sündenpfuhls sage und schreibe EINEN Dollar verzockt.

Wir können keinesfalls sagen, dass uns Las Vegas gefällt. Im Gegenteil. Und trotzdem üben dieser ganze Pomp und diese inszenierte Dekadenz durchaus eine schaurige Faszination auf uns aus. Hier wird geklotzt, nicht gekleckert. Hier ist eine gigantische, ganz spezielle Stadt an dem denkbar ungünstigsten Ort dafür entstanden – ein Irrsinn.

Hier treffen Elend und Luxus, Wüste und Wasserverschwendung, Wildnis und Großstadt, unerträgliche Hitze und Klimakühlung aufeinander. Vielleicht ist es genau diese Ambivalenz, die die Faszination ausmacht.

Fast jedes Hotel bietet – in unterschiedlichen Preisklassen – eine eigene Themenwelt ergänzt durch Geschäfte und Gastronomie. Die Hotels und Casinos sind sehr weitläufig, so dass wir hier wohl mehr Meilen zu Fuß zurücklegen, als auf allen Wanderungen des Urlaubs zusammen. In unserem Hotel Flamingo mit allerlei rosafarbenen Einrichtungsgegenständen, lebendigen Flamingos im Garten und einer ausgedehnten Poollandschaft, halten wir uns immer dann auf, wenn uns bei der permanenten Reizüberflutung in den anderen Hotels und Casinos die Puste ausgeht. Entweder nehmen wir ein erfrischendes Bad oder vegetieren auf unserem Zimmer herum.

Im Hotel Caesar´s Palace beeindrucken uns römische Säulen, Ballustraden und eine originalgetreu nachgebildete Davidstatue von Michelangelo. Im luxuriösen Bellagio lassen üppige Dekorationen mit riesigen Insekten die Besucher auf Ameisengröße schrumpfen. Draußen vor der Tür zieht uns gleich mehrere Male die aus Filmen wie Ocean´s Eleven vertraute Fontänenshow in ihren Bann. Im Hotel New York New York stellt die gesamte kommerzielle Meile mit Casino, Restaurant, Geschäften und Bars eine Nachbildung des Areals um die Fulton Market Street und das alte Hafengelände New Yorks dar, das wir auch schon im Original gesehen haben #Link zur New York Reise. Eine Achterbahn fährt durch das Gebäude und in einem großen Looping außen um das Gebäude herum. Im Paris Las Vegas bewegen sich die Gäste in einer Illusion aus kleinteiligen europäischen, kopfsteingepflasterten Marktstraßen mit Geschäften, Brasserien und Cafés.

Das Excalibur soll die Nachbildung eines Märchenschlosses darstellen, und bestimmt hat das Schloss Neuschwanstein mit seinen unzähligen Türmchen und Zinnen als Inspiration herhalten müssen. Umgesetzt wurde hier allerdings ein kitschiger, ramschiger Kunstkomplex mit dem Ambiente eines Freizeitparks. Vor dem Eingang versucht man uns mit einem Lockangebot zu ködern. Für 15 $ bietet man uns Eintrittskarten für eine Show plus dies plus das plus jenes an. Als Gegenleistung sollen wir uns morgen früh hier wieder einfinden und mit dem Lockvogel in irgendein Resort fahren. Weiß der Teufel, was wir dann dort unterschreiben müssen, um wieder zurück auf den Strip gebracht zu werden. Wir verzichten. Über einen Verbindungsgang gelangen wir vorbei an unzähligen Läden mit Made-in-China-Souvenirs zum Luxor, das eine Pyramidenform hat, mit allerlei Pharaonengedöns dekoriert ist und von einer riesigen Sphinx vor dem Eingang bewacht wird.

Wenn die Hitze des Tages verschwunden und es dunkel geworden ist, wird der Boulevard erst richtig zum Leben erweckt. Vor dem Mirage bestaunen wir die riesige bronzefarbenen Siegfried & Roy-Skulptur mit Tiger (ob er weiß ist, kann man nicht erkennen, denn die Skulptur ist ja bronzefarben). Anschließend positionieren wir uns vor einer Brüstung am Vorgarten des Mirage, um uns den berühmten Vulkanausbruch anzusehen, der hier zwei bis dreimal pro Abend – je nach Wochentag – zum Besten gegeben wird.

Im Venetian tauchen wir in eine italienische Scheinwelt ein. Vor dem Hotel kann man zwischen Markusplatz, Dogenpalast und Rialtobrücke flanieren. Im Innern erwartet uns eine Nachbildung der norditalienischen Stadt mit opulenten Deckenfresken, klassischer Musikberieselung, Geschäften, Restaurants, blauem, leicht bewölktem Himmel, Brücken, Plätzen und Fassaden. Auf einem Kanal schippern Gondolieri die Touristen hin und her. Wir sitzen auf einer Terrasse, trinken Eistee und Cappuccino, und es fühlt sich an, als säßen wir tatsächlich „draußen“. Dabei lauschen wir den singenden Gondolieri… die Illusion ist nahezu perfekt (nur die Tauben fehlen)!

Das Hotel Sahara ist eines der Etablissements, die wir bislang noch nicht gesehen haben und Endstation für den Monorail. Wir erkundigen uns nach Last Minute Karten für die hier stattfindenden Veranstaltungen und ergattern Tickets für die Rat Pack Show am späten Nachmittag zu einem Preis von 30 $ pro Person. Klingt nach einem Schnäppchen. Soll es wahrscheinlich auch, denn man vermittelt uns, der Standardpreis für alle Shows liege bei 100 $. Wir können uns jedoch kaum vorstellen, dass diesen Preis wirklich jemand bezahlt…
Die Show mit den „wieder auferstandenen“ Entertainern Frank Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis junior und Joey Bishop ist bei weitem nicht ausgebucht. Nur im mittleren Teil ist der Saal einigermaßen gefüllt. Offensichtlich nicht die attraktivste Zeit für einen Showbesuch, und die Konkurrenz an solchen Veranstaltungen ist groß. Wir fühlen uns ganz gut unterhalten und sind froh, in dem dunklen Theatersaal der Hitze des Tages entfliehen zu können.

Vor dem Treasure Island Hotel erwartet die Besucher einmal am Abend eine imposante Show, in der Piraten gegen Sirenen kämpfen („Sirens of TI“). Ein riesiges Piratenschiff fährt heran und versinkt mit Feuer, Rauch und allerlei Tamtam vor unseren Augen. Die Sirenen haben allerdings nicht allzu viel Rock´n´Roll im Blut, sondern stehen eher auf die Spice Girls [Anmerkung: Die Show „Sirens of TI“ wurde im Jahr 2013 eingestellt]. In der Kahunaville-Bar des Hotels verspeisen wir einen exzellenten Big Island Salat, den wir erwähnen müssen, weil er so unglaublich lecker ist!! Wenn uns heute auch sonst noch keine Nachrichten von zu Hause erreicht haben, so brennt die Kellnerin fast darauf, uns darüber zu informieren, dass Deutschland den Eurovision Song Contest gewonnen hat… na, zumindest da sind wir jetzt im Bilde!! Eine Band in glamourösen Hemden beginnt aufzuspielen, unterhält uns mit fetzigen 1970er Jahre-Discobeats, Tanzeinlagen und Breakdance.

Die Seitenstraßen und Hotelrückseiten sind das komplette Gegenteil des Strips, ziemlich funktional und hässlich. Wir tigern eine fußgängerunfreundliche Ausfallstraße entlang, um unsere Neugier zu stillen und herauszufinden, was es mit der Nachbildung des Münchener Hofbräuhauses auf sich hat, von der wir gelesen haben. Es erwartet uns eine hohe, recht kahle, stark klimatisierte Halle mit langen Tischreihen und Bänken, in der Kellnerinnen in Dirndln herumlaufen. Eine Dreimann-Kapelle bereitet sich auf ihren Auftritt vor, indem sie ihr Bier mit Wasser mixt. So kann man auch sein Image pflegen… Im hinteren Teil des Gebäudes gibt es einen Indoor-Biergarten mit künstlichen Bäumen, der gemütlicher erscheint, als der „Wartesaal“. Dort sitzt aber niemand. Die Band legt los. Den Ansagen in Englisch mit unverkennbarem Akzent zufolge handelt es sich um „waschechte“ Deutsche. Sie spielen Volkstümliches wie „Patrona Bavariae“, den „Schneewalzer“ und „Aus Böhmen kommt die Musik“. Außer uns sind an diesem späten Nachmittag zwar noch vereinzelt andere Gäste anwesend, wir sind jedoch die einzigen, die einen Höflichkeitsbeifall spenden… Am Nachbartisch bekommt ein Gast von der Bedienung mit einem schmalen Holzbrett den Hintern versohlt. Soll das „typisch deutsch“ sein? Alles, was uns dazu einfällt ist das aus der Kindheit bekannte, sanft angedeutete „Popoklapsen“ zum Geburtstag – für jedes Lebensjahr gibt´s einen kleinen Klaps. Dieses Ritual haben wir damals sowieso nicht und auch danach nie wieder hinterfragt, und es war uns auch nicht klar, dass das vielleicht ein deutscher Brauch sein könnte… Ob der misshandelte Gast tatsächlich Geburtstag hat, finden wir auch nicht heraus. Also lieber noch ein Hefeweizen und „Eis mit heißen Himbeeren“ (Originaltext aus der Karte) bestellen! Das Hofbräuhaus füllt sich allmählich, als wir am frühen Abend wieder zum Strip zurückkehren. Dann haben wir die richtige Gaudi bestimmt verpasst…

Im Harrah´s Hotel treffen wir nach dem Seespektakel auf eine Bar mit Livemusik. Die Band, die hier heute Abend aufspielt, heißt Marshall Reign und spielt flotte bis rockige Countrysongs, unter anderem einen einprägsamen Gassenhauer von Luke Perry – Rain makes corn, corn makes whiskey, whiskey makes my baby feel a little friskey… rain is a good thing … Einige Gäste tanzen Squaredance, andere lassen sich am Tresen quietschgelbe free shots verabreichen. Darauf muss man sich ein Bisschen einlassen. Wir jedenfalls fühlen uns an unserem letzten Abend in Las Vegas – und natürlich in dem Wissen, dass wir morgen endlich abreisen dürfen – prächtig unterhalten.

Nach spätestens zwei Tagen empfinden wir es als regelrecht quälend, uns immer wieder einen Weg durchs Getümmel zu bahnen, ständig angequatscht zu werden und immer wieder nervige Umwege über irgendwelche Fußgängerbrücken in Kauf zu nehmen. Wir müssen zugeben, dass wir uns in unserer Euphorie beim erstmaligen Befahren des Boulevards ein wenig voreilig zu einer Verlängerung haben hinreißen lassen… Ja, jetzt haben wir Las Vegas einmal erlebt. Und ja, alles in allem war es faszinierend. Aber es war gleichzeitig auch so abstoßend, dass uns wahrscheinlich nie wieder irgendetwas in diese Stadt treiben wird. Entscheidet selbst, ob Ihr Euch dem Wahnsinn in der Wüste aussetzen wollt!

Endlich San Francisco! – Raus aus dem Wahnsinn, rein ins Paradies!

Nach zu vielen, zu anstrengenden, zu reizüberfluteten Tagen verlassen wir heute Las Vegas und freuen uns darauf, in San Francisco unsere Rundreise ausklingen zu lassen. Mit gepackten Rucksäcken sitzen wir am frühen Morgen in einem Shuttelbus zum Flughafen und warten auf die Abfahrt. Bei einem Blick auf unseren Flugplan fällt mir siedend heiß auf, dass ich die Abflugzeit mit der Ankunftszeit verwechselt habe und uns nur noch eine gute Dreiviertel Stunde bis zum Start bleibt! Der Bus fährt los, und der Flughafen ist nicht weit entfernt. Vielleicht haben wir Glück und noch eine Chance, den Flug rechtzeitig zu erreichen… Beim Check In erhalten wir Bordkarten ohne Sitzplatznummern mit der Begründung, dass wir spät dran sind – schonmal sehr verdächtig. Wir spurten zum Gate. Ohne feste Sitzplätze müssen wir warten, bis alle anderen Gäste an Bord sind. Die Stewardess versichert uns, dass wir auf jeden Fall mitgenommen werden, die Frage sei nur noch, wo genau sich die Plätze befinden – so so… Die beiden letzten Gäste, die vor uns durch die Kontrolle gehen, werden gefragt, ob sie für eine Entschädigung von 70 $ eine Nachmittagsmaschine nehmen wollen. Sie lehnen ab. Damit ist klar, dass die Maschine überbucht ist, und wir die einzigen übriggebliebenen Passagiere sind. Wir müssen draußen bleiben. Nun bietet man uns den Ersatzflug am Nachmittag an, und nach einigem Hin und Her bietet man uns schließlich eine Entschädigung von knapp 420 $ an. Damit können wir uns am Zielort eine schöne Zeit machen, aber in erster Linie sind wir geknickt, dass unsere eh schon knappe Zeit in der Traumstadt immer knapper wird.

In San Francisco nehmen wir uns vom Flughafen ein Taxi in die Innenstadt. Unser Ziel ist das Hotel „The Opal“ an der Ecke Van Ness Street / Geary Street, das wir schon von zu Hause im Internet vorreserviert haben. Kurz vor unserer Ankunft durchqueren wir ein auffällig heruntergekommenes Viertel, das direkt an den Block des Hotels angrenzt. Der Rezeptionist zeichnet mit einem Kugelschreiber ein großes Kreuz in einen Stadtplan und macht mit ziemlich klaren Worten deutlich, worum es geht: „Das ist Tenderloin. Ich empfehle Euch, diesen Bereich zu meiden. Es ist nicht wirklich gefährlich, aber Ihr werdet dort auf ziemlich viele Obdachlose und Junkies treffen.“

„The Opal“ bietet uns neben seiner recht zentralen Lage in der Nähe des Union Square ein großzügiges, sauberes Zimmer. Als wir zu einer ersten Erkundung über die Geary Street in Richtung Union Square aufbrechen, bemerken wir sofort die im Vergleich zu Las Vegas gänzlich andere Atmosphäre in der Stadt. Hier geht es urban, lebendig und authentisch zu. Die Temperaturen sind mild und erträglich. Kleine Läden und Imbissbuden, Restaurants, verzierte Fassaden und die typischen Feuertreppen an den Häusern… Am Union Square erwartet uns ein einladend belebter Platz mit Menschen, die in Cafés und auf Treppen sitzen, umgeben von Geschäften und Hotels.

San Franciscos China Town ist bekannt dafür, eine der weltweit größten chinesischen Communities außerhalb Chinas zu beherbergen. Wir streunen nicht nur durch die Haupttouristenstraße, sondern auch durch kleine, recht heruntergekommene Seitengassen. Wir fühlen uns in die Welt der Kung-Fu- und Karatefilme vesetzt, kommen aber auch mit der realen Alltagswelt der hier lebenden Chinesen in Berührung, die in den kleinen Cafés eher unter sich zu bleiben scheinen. Ein Stadtrundgang macht hungrig. Wir entscheiden uns für ein – so vermuten wir zumindest – original-chinesisches All-you-can-eat-Buffet zu einem verdächtig günstigen Kurs von 5,99 $. Schnell stellen wir fest, dass es sich hierbei eher um ein All-you-don´t-want-to-eat-Buffet handelt. Es ist farblich kein Augenschmaus, von der Konsistenz her eher im schwabbeligen Bereich angesiedelt, und beinhaltet alle uns bekannten Speisen in einer nicht leckeren Variante – entweder, es ist einfach ein Reinfall oder wir sind zu sehr an das „europäisierte“ Chinarestaurant-Essen gewöhnt… Wir wissen es nicht.

Nördlich von Chinatown steigen wir einige bildhübsche Wohnstraßen im Bereich des Telegraph Hill hinauf. Wir sehen schmucke Holzhäuser mit hübschen Panoramaterrassen und abenteuerliches Parken in Schräglage. Oben auf dem Telegraph Hill haben wir vom Fuß des Coit Towers einen traumhaften Ausblick über die San Francisco Bay, die Golden Gate Bridge und die Stadt mit ihren sanften Hügeln und dem konsequent darüber gezogenen Schachbrettmuster im Licht der untergehenden Sonne. Von hier ist es nicht weit bis zur Lombard Street, die in einem Teilbereich als crookedest street der Welt gilt. Die engen Serpentinen verlaufen durch Hortensienbeete. In einer langen Schlange sind hier die Autos mit aufgeregt lächelnden Insassen unterwegs. Als die Dämmerung einsetzt, gelangen wir in das Hafenviertel, rund um die Fisherman‘s Wharf. In einer Filiale der aus dem Film The Big Lebowski bekannten In-N-Out-Burger-Kette gibt es kein Halten mehr – mit einem saftigen Burger beenden wir unseren heutigen wunderbaren Stadtrundgang!

Es gibt ein kontinentales Frühstück, sprich trockenen Toast. Mit dem Bus fahren wir hinab ins Hafenviertel und finden recht schnell den empfehlenswerten Fahrradverleih Blazing Saddles, bei dem wir uns für eine Rundtour um die San Francisco Bay ausstatten wollen. Nach einer intensiven Einführung sitzen wir kurze Zeit später auf unseren rauchenden Sätteln und bahnen uns einen Weg durch eine Gruppe Marathonläufer. Bei strahlendem Sonnenschein (fataler Weise haben wir keine Sonnencreme aufgetragen) und einer steifen Brise (die uns die Kraft der Sonne nicht merken lässt) führt unsere Route direkt am Ufer entlang. Wir cruisen durch das Golden Gate National Recreation Area bis zum Fort Point am Fuß der Golden Gate Bridge. Im Wasser taucht ab und zu ein Seelöwe auf, der einsam seine Runden dreht. Am Fort Point ist an einem Zaun eine Tafel mit zwei Handabdrücken und der Aufschrift Hopper´s Hands befestigt. Alle Jogger, die dort ankommen, berühren die Handumrisse mit ihren eigenen – eine Art „Abklatschen“ – und kehren dann um.

Auf der westlichen Seite überqueren wir anschließend die imposante und wunderschöne Golden Gate Bridge. Die Gestaltung der Betonsockel und Verzierungen der Pfeiler lassen deutlich den Bau in den 1930er Jahren erkennen. Klare, monumentale, aber dennoch sehr schlichte Formen, die in dem gleißenden Licht einen scharfen Kontrast zwischen Licht und Schatten erzeugen.

Der Wind pfeift über die Brücke, die Sonne strahlt, das blaue Wasser, die angenehmen Temperaturen, die Skyline und die vielen gut gelaunten, aktiven Menschen – alles passt zusammen und genau hierher.

Und das ist wohl der Unterschied zu Las Vegas – die Stadt wirkt in der Wüste deplatziert und mit ihrer ganzen Verschwendung inmitten all der Kargheit und Trockenheit wie ein Fremdkörper.

Gleich linker Hand hinter der Brücke führt eine Straße auf einen Aussichtspunkt hinauf. Der Anstieg ist steil und anstrengend. Ist man jedoch erst einmal oben, lässt sich von hier die berühmte Brücke noch einmal aus einer anderen Perspektive genießen. Der Ausblick dafür sensationell! Durch eine Hügellandschaft führt der Radweg nun nicht mehr direkt entlang der Bucht, bis wir den bildhübschen Ort Sausalito erreichen und dort zum Wasser zurückkehren – pastellfarbene Holzhäuser in Hanglage, viele Cafés, Restaurants und ein Fährhafen. Hier scheint es den Menschen gut zu gehen. Über teils etwas langatmige Passagen entlang eines Freeways, aber auch durch attraktive Wohngebiete und an Hausbootkolonien vorbei, erreichen wir den Küstenort Tiburon. Hier ruhen wir uns in einem der netten Cafés aus, streunen ein wenig umher und nehmen zwei Stunden später eine Fähre, die uns zurück nach San Francisco bringt.

Die Fährüberfahrt führt uns an der berühmten Gefängnisinsel Alcatraz vorbei und ermöglicht interessante Perspektiven auf die Golden Gate Bridge und die Skyline von San Francisco. Der Fähranleger befindet sich an Pier 43 im Bereich der Fisherman‘s Wharf. Von einem Steg aus können wir auf mehreren Pontons unglaublich faule, unglaublich große und unglaublich viele Seelöwen beobachten!

Nach Abgabe der Leihräder bietet es sich an, an der nahe gelegenen Endhaltestelle der bekannten Straßenbahn in eines der Cable Cars zu steigen und die Hügel hinauf in Richtung unseres Hotels zu fahren. Da dort auch schon ein Waggon steht, sieht alles ganz einfach aus… bis wir freundlich darauf hingewiesen werden, uns doch bitte hinten einzureihen – und dann erst bemerken wir, dass die wartenden Menschen sich in einer circa 300 Meter langen Warteschlange um den Haltepunkt herumreihen!! Wir geben uns geschlagen und haben kein wirkliches Verlangen, so lange zu warten. Also steigen wir auf ein konventionelleres Verkehrsmittel, den Bus, um.

Am späten Abend flanieren wir noch einmal über die Geary Street und den Union Square und sind auf der Suche nach einer netten Möglichkeit, etwas zu essen. Im Schaufenster eines Chinarestaurants entdecken wir in einem trüben Wasserbecken allerlei krabbeliges Meeresgetier und irgendwie viel zu große, bleiche, längliche, penisartige Ringeltiere, bei denen nicht klar ist, ob es sich wirklich um Tiere oder nur um Teile von Tieren handelt und ob diese schon tot oder noch lebendig sind… Auch unter der Nachwirkung des gestrigen All-you-don´t-want-to-eat-Buffets gelangen wir zu dem Schluss, dass asiatische Küche heute für uns nicht unbedingt das Richtige ist. Es muss etwas Handfestes her, meine Gedanken kreisen um Kartoffelbrei. Instinktiv entdecken wir die richtige Wahl für heute Abend – das Max´s auf dem Union Square mit leckeren Speisen wie Meatloaf und Honig-Hühnchen und einem netten Ambiente [Anmerkung: das Restaurant gibt es leider nicht mehr.]. Zurück zum Hotel.

Am Tag unserer Abreise bleibt am Vormittag noch Zeit für etwas Sightseeing. Bevor wir für den Heimflug ins Flugzeug steigen, verabschieden wir uns von diesem wunderbaren, weiten, verrückten, interessanten Land bei einem Spaziergang zur Cityhall und zum Alamo Square, wo sich die pastellfarbenen Painted Ladies malerisch vor uns aufreihen, um Lebewohl zu sagen. Wir lassen unvergessliche Naturerlebnisse, viele Stunden in unserem Mietwagen, durchgefrorene Nächte, Bären, Baumriesen, die mörderische Hitze der Wüste, rote Felsformationen, Begegnungen mit freundlichen Menschen, wunderbare Wanderungen und den Irrsinn von Las Vegas Revue passieren. Eines ist sicher: Es wird nicht unser letzter Besuch in den USA sein. Doch das ist eine andere Geschichte, und die soll ein anderes Mal erzählt werden.

Habt Ihr schon eine Reise durch den Südwesten der USA unternommen oder plant eine Tour dorthin? Wir freuen uns auf Eure Empfehlungen, Anregungen und Kommentare!

 

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