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Shanghai – Fernöstlicher Glanz am Huangpu River

Die erste Station unserer Reise ins Reich der Mitte führt uns nach Shanghai. Wir tauchen in eine exotische und zugleich vertraute Welt ein, in der chinesische Traditionen, europäische Kolonialgeschichte, real gewordene Zukunftsvisionen und die offene Atmosphäre einer modernen Metropole aufeinandertreffen.

Airport Pudong International. Die Automaten zum Scannen unserer Fingerabdrücke empfangen uns in lupenreinem Roboterdeutsch. Am bemannten Schalter werden wir kurz darauf auch noch persönlich in Augenschein genommen. Nochmal Fingerabdrücke, Gesichtsscan, Stempel hier, Stempel da. Und kurz darauf betreten wir ganz offiziell die Volksrepublik China!

Wir werden erwartet. Zu verdanken haben wir das Adeline. Sie stammt aus Singapur, lebt und arbeitet jedoch schon seit vielen Jahren in Shanghai. Wir lernten sie in Finnland kennen, und jetzt wollen wir sie hier treffen. Adeline hat im Vorfeld unserer Reise angeboten, uns am Flughafen abholen zu lassen. Und so steht vor der obligatorischen Starbucks Filiale wie verabredet Mister May bereit! Er verfrachtet uns in einen großen Van gänzlich unbekannter Marke, und auf geht es in Richtung City.

Während der Fahrt sehen wir immer wieder Baukräne und Ansammlungen riesiger Wohntürme, die wie Inseln aus einem Meer flacher Gebäude herausragen. Die vereinzelt dazwischen liegenden, ziemlich schick anmutenden Einfamilienhaussiedlungen wirken sehr amerikanisch. Je weiter wir in die Stadt vordringen, umso imposanter wird auch der Wald aus Hochspannungsmasten und Leitungstrassen, die oft mit nur wenigen Metern Abstand an den Wohntürmen vorbeiführen. Man könnte fast aus den Fenstern heraus seine Wäsche daran aufhängen! Von der Schnellstraße abgebogen, tauchen wir in tiefe Hochhausschluchten ein und sind erstaunt über die eigene kleine Welt, die sich hier inmitten von so viel Stahl und Beton entfaltet – Platanenalleen und Parkanlagen, einladende Boulevards und Geschäftsstraßen, Cafés und Restaurants. Wir nähern uns der ehemaligen Französischen Konzession und damit auch dem Quartier, in dem sich unsere Unterkunft befindet.

Die Französische Konzession ist ein Mitte des 19. Jahrhunderts gegründetes historisches Viertel am westlichen Rand der Innenstadt, das einen Eindruck vom alten Shanghai vermittelt. Die schönen Kolonialgebäude, Wohnblöcke im Art Deco Stil, die schattigen Flaniermeilen und weitläufigen Grünflächen sind nicht nur für Besucher interessant, sondern machen dieses Gebiet auch zu einem teuren Wohnquartier mit hoher Lebensqualität. Wenn wir überhaupt eine Vorstellung davon hatten, was uns hier erwartet, dann die einer riesigen, verlärmten, chaotischen Stadt, die uns erst einmal verschlucken wird – und nun ist es ganz anders. Grün und erstaunlich ruhig.

Über platanengesäumte Boulevards fahren unzählige Motorrroller, Mofas und selbst alte zweiräderige Rostlauben mit Elektromotoren! Lautlos gleiten sie durch die Straßen.

Unsere Unterkunft gefällt uns. Das Pudi Boutique Hotel Shanghai in der Yandang Road befindet sich direkt neben dem Fuxing Park, einer grünen Oase zum Entspannen inmitten der Französischen Konzession. Von hier gelangt man auch relativ zügig in die Innenstadt. Wir beziehen ein sehr geräumiges, unerwartet opulent ausgestattetes Zimmer mit riesigem, weichem Bett. Eine große Glasscheibe trennt den Schlafraum von einem großzügigen, ebenso opulenten Badezimmer mit freistehender Badewanne. Verstörender Weise hängt über dem Bett ein Ölgemälde mit einem Kriegsschiff als Motiv, das gerade von Kampfflugzeugen beschossen wird… muss man jetzt nicht unbedingt haben.

Wenig später streifen wir schon durch den benachbarten Fuxing Park, in dem sich die Einheimischen unter dem allgegenwärtigen strengen Blick der steinernen Herren Marx und Engels ihren sonntäglichen Vergnügungen hingeben.

Beliebt bei den Älteren ist das Paartanzen zu intensiver Musikbeschallung – jedes Grüppchen feiert im Abstand von wenigen Metern seine eigene kleine Party.

Am meisten beeindruckt uns ein langer, schlaksiger Herr mit schütterem Haar, gelber Schlaghose und Pullunder, der zu John-Travolta-artigen Bewegungen auf dem Asphalt vor und zurückgleitet. An jeder Ecke gibt es etwas Neues zu entdecken: überwiegend ältere Einheimische spielen Karten umringt von einer Menschentraube, Flötenspieler und Sängerinnen unterhalten die Parkbesucher mit ihren Darbietungen. Die Menschen sitzen auf den Bänken und machen sich einen schönen Tag. Es ist grau-bedeckt, aber trocken und rund 16 Grad warm. Von dem häufig erwähnten Smog in den chinesischen Metropolen ist heute nichts zu spüren. Ideale Bedingungen für eine Stadterkundung!

Wir durchstreifen ein interessantes Quartier mit historischen Villen der 1920er Jahre und großzügigen, üppig-grünen Gärten – die Sinan Mansions. Die Waschbetonfassaden wirken irgendwie deplatziert, aber Krüppelwalmdächer, Erker und Blendläden versprühen den Charme des Alteuropäischen. Einzelne Gebäude beherbergen hochpreisige Restaurants. Hinter einem Zaun verbirgt sich ein nobler Komplex mit Eigentumswohnungen.

Wir erreichen das enge Gassengewirr von Tianzifang. Das Viertel befand sich noch in den 1990er Jahren in einem recht heruntergekommenen Zustand, bis erste Sanierungen durchgeführt wurden. In den Folgejahren siedelten sich erste Kreative mit ihren Ateliers an. Es folgten Geschäfte, Bars und Restaurants. Inzwischen hat sich Tianzifang – ähnlich wie auch das ebenfalls in der Französischen Konzession gelegene Viertel Xintiandi – zu einem Anziehungspunkt für Touristen und Einheimische entwickelt.

Zwischen unzähligen Souvenier- und Snackshops, Bars, Boutiquen und Kunsthandwerksläden herrscht ein buntes Gewusel und Gedränge. Es sind überwiegend Touristen aus China unterwegs. Nur vereinzelt schnappen wir auch mal englischsprachige Stimmen auf. Wir lassen uns treiben, schauen, schnuppern und genießen die neue, bislang unbekannte Welt! In einer tibetanischen Bar wird es Zeit für eine Stärkung.
Während wir in der kleinen Nebengasse an einem Tisch sitzen und die Speisekarte studieren, schweift unser Blick umher und bleibt an insgesamt fünf Kameras hängen, die rundherum an den Hausfassaden befestigt sind. Big Brother is watching you… Wir bestellen ein scharfes vegetarisches Nudelgericht mit Bohnen und würzige, mit Hackfleisch gefüllte Dumplings. Der kulinarische Auftakt unserer Reise ist damit geglückt!

Durch Platanenalleen und den Fuxing Park stromern wir in der Dämmerung wieder zurück zum Hotel. Der eine oder andere Shanghaier Mitbürger scheint wenig Wert auf Eitelkeiten zu legen. So läuft vor uns ein Mann im Pyjama in den Park, um sich dort noch gemütlich vor dem Zubettgehen ein Zigarettchen zu rauchen. Wir sind platt. Nach den ersten Stadterkundungen und Pflasterlaufen fallen wir in unser XXL-Bett und wollen nur noch schlafen!

Am nächsten Tag kommt es uns noch immer ganz unwirklich vor, dass wir uns jetzt in einer ostasiatischen 24- Millionen-Einwohner-Megacity befinden.  Durch die zu früher Stunde noch eigenartig menschenleeren Straßen streifen wir in Richtung Innenstadt. Der Weg führt uns unter eine gigantische Hochstraßenbrücke, die in einem Abstand von nur einem Meter an einem Apartmenthaus entlangführt. Von den Fenstern aus könnte man die an der Brücke hängenden Blumenkästen bepflanzen! Vorbei am berühmten Shanghai Museum (das derzeit leider geschlossen ist) gelangen wir über den Volksplatz und durch den Volkspark hinüber in die Glitzer-Konsumwelt der East Nanjing Road, der Haupteinkaufsstraße von Shanghai. Am frühen Morgen wiegen sich auch hier schon die Tanzpaare auf der Straße, und ein paar Frauen machen ihre Tai Chi-Übungen. Ein Koch, der gerade zufällig vorbeigekommen ist, macht auch mit. Einige Passanten blicken insbesondere Carsten an, als hätten sie noch nie zuvor einen Europäer gesehen! Man beäugt uns immer wieder verstohlen oder mit zurückhaltendem Lächeln.

Wir gelangen zum Bund, der berühmten etwa zweieinhalb Kilometer langen Promenade am westlichen Ufer des Huangpu-Rivers. Gegenüber, auf der anderen Flussseite befindet sich das Wirtschafts- und High-Tech-Zentrum Pudong. Da stehen wir und staunen! Hinter uns reihen sich repräsentative, historische Gebäude wie an einer Perlenschnur aneinander. Die schönsten von Ihnen sind historische Bauten aus den 1920er bis 1940er Jahren, in denen viele europäische, amerikanische und russische Unternehmen, aber auch Banken und Konsulate ansässig waren.

Vor uns entfaltet sich das berühmte Bild der Skyline von Pudong. Schon oft haben wir sie im Fernsehen oder auf Hochglanzfotos in Reisemagazinen gesehen – dann jedoch meistens bei klarem Himmel und in nächtlichen bunten Farben erleuchtet. In der Realität erscheinen die Wolkenkratzer jetzt nicht unbedingt anders, aber eben… realistischer! Sie zeichnen sich in grauen Schemen vor dem diesigen Himmel ab. Die Spitze des Shanghai Towers verschwindet vollständig im Nebel. Er ist mit 632 Metern das zweithöchste Gebäude der Welt, nach dem Burj Khalifa in Dubai mit 828 Metern. Vollständig sichtbar und besonders markant ist der futuristisch und gleichzeitig ziemlich „old school“ anmutende Oriental Pearl Tower – eines der prägnantesten Wahrzeichen Shanghais. So hat man sich wohl Anfang der 1990er Jahre die Architektur im neuen Jahrtausend vorgestellt, als mit der Entwicklung des zuvor nur spärlich besiedelten Geländes gerade erst begonnen wurde. Das Ergebnis ist beeindruckend. Heute gehört Pudong mit Manhattan, dem Zentrum von Hong Kong, Tokio und Teilen von Dubai zu den Arealen mit der weltweit höchsten Dichte an Wolkenkratzern.

Nun möchten wir auch wissen, wie das Ganze aus der Nähe ausschaut. Durch den so genannten „Sightseeing Tunnel“ fahren wir vom Bund in einem kleinen Glaswaggon durch eine unter dem Huangpu River verlaufende Röhre nach Pudong. Die Fahrt führt durch eine künstliche Welt aus Glitzerlampen, Lavalichtern und fluoreszierenden Unterwasserlandschaften, alles untermalt mit psychedelischer Musik. Der Gast will bespaßt werden. Nach fünf Minuten sind wir drüben und gelangen nach einem kurzen Fußmarsch zum Oriental Pearl Tower.

Das 468 Meter hohe, Mitte der 1990er Jahre fertiggestellte Wahrzeichen der Stadt mit seinen mächtigen Betonstelen und den kugelartigen Aufbauten wirkt auch aus der Nähe ein wenig aus der Zeit gefallen. Als fünftgrößter Fernsehturm weltweit beherbergt er unter anderem ein Hotel, Gastronomie, Aussichtsplattformen und im Sockel ein Museum für Stadtgeschichte. Nicht weit entfernt kann man am Huangpu-Ufer eine kleine Promenade entlanglaufen und von hier einen Blick aus gegenüberliegender Perspektive auf den Bund werfen. Es beginnt zu regnen. Eine Auffahrt auf eine Aussichtsplattform in den nahegelegenen Wolkenkratzern macht also keinen Sinn. Wir brausen durch die psychedelische Röhre wieder zurück auf die andere Seite des Flusses.

Durch breite Straßen laufen wir parallel zum Bund ein paar Straßenblöcke vom Fluss entfernt in Richtung Süden. Manche Gebäude wirken repräsentativ und wichtig, aber wir können kein Schild lesen und finden meist nicht heraus, worum es sich handelt. Die Orientierung fällt jedoch in Shanghai insgesamt leicht. Jeder ATM, die Stationen der Metro, die wir später noch ausprobieren, die dortigen Fahrkartenautomaten und viele Speisekarten in den Restaurants verfügen in der Regel auch über Beschriftungen in englischer Sprache.

Am südlichen Ende des Bunds gelangen wir in ein uriges, historisches Vergnügungsviertel, in dem alles auf touristischen Kommerz ausgerichtet erscheint – der Yu Yuan-Distrikt. In den breiten Gassen dieses „Basars“ mit riesigen pagodenartigen Gebäuden reihen sich unzählige Souvenier- und Bekleidungsgeschäfte aneinander. Hier tummeln sich viele – auch internationale – Besucher. An einem zentralen Platz treffen wir auf ein Wasserbecken, über das eine im Zickzack-Kurs angeordnete Brücke führt. Die verwinkelte Gestaltung soll nach altem Glauben ungebetene Geister fernhalten, die glücklicherweise nur geradeaus gehen können. Inmitten der Wasserfläche – und nur über die Brücke zugänglich – befindet sich das historische Hu Xin Ting Teehaus, eines der ältesten Teehäuser der Stadt (Ende des 19. Jahrhunderts eröffnet). Wir erleben diesen eigentlich bestimmt sehr idyllischen Ort als ziemlich überlaufen. Auf der Brücke herrscht Geschiebe und Gedränge unterbrochen von munteren Selfie-Sessions. Junge Damen werfen sich alle paar Meter in Pose, um sich selbst oder gegenseitig zu fotografieren.

Auf der anderen Seite der Brücke befindet sich der Eingang zu einem Kleinod chinesischer Landschaftskunst – dem Yu-Garten (Yu Yuan). Die ausgedehnte Anlage wurde Mitte des 16. Jahrhunderts als Privatgarten errichtet und erstreckt sich über eine Fläche von rund zwei Hektar. Ein grünes Idyll mit vielen lauschigen, verträumten Winkeln, kleinen Gebäuden mit aufwendigen Holzschnitzereien und Teichen mit unzähligen Koi-Fischen! Stundenlang kann man hier umherwandeln und exotische Pflanzen, wunderschön gestaltete Beete und künstlich angelegte Felslandschaften bewundern. Fest steht jedoch: auch hier ist man keinesfalls allein…

 

Eine weitere Sehenswürdigkeit des Yu Yuan-Distrikts – und nicht ganz so überlaufen wie die vorherigen Orte – ist der taoistische Tempel des Stadtgottes. Hier wird der „zuständige“ Schutzgott Shanghais verehrt, der alles Böse von der Stadt abwenden und die Einwohner beschützen soll. Die Bedeutung der vielen Symbole und Statuen können wir leider bei unserem kurzen Rundgang nicht ergründen. Dennoch sind wir fasziniert von all den Farben, Figuren und dem betörenden Geruch der Räucherstäbchen.

Wieder zurück in den Gassen und der „realen Welt“ des Kommerzes müssen wir uns diverse Taschen- und Uhrenverkäufer vom Hals halten, bevor wir am Rand des Quartiers auf ein ehemaliges Wohnviertel mit kleinen, zweigeschossigen Häusern stoßen. Die Fenster in den Obergeschossen sind verbarrikadiert, die Türen und Erdgeschossfenster zugemauert. Auch die Zufahrten in das Gebiet sind durch Mauern versperrt. So sieht wohl ein verlassener Stadtteil aus, der dem Abriss preisgegeben ist, um Platz zu schaffen für die nächsten Hochhäuser. Wir fragen uns, wo die ehemaligen Bewohner wohl heute leben und zu welchen Bedingungen sie umgesiedelt wurden.

Müde vom Pflasterlaufen steuern wir die nächste Metrostation an. Nach kurzer Orientierung glückt unsere erste U-Bahn-Fahrt ohne Komplikationen. Wenn man sich nicht gerade zu den Hauptverkehrszeiten in die bereits zum Bersten gefüllte Züge hinein pressen muss, ist dieses Transportmittel hervorragend, um zwischendurch die müden Füße zu schonen. Auf den Displays der Fahrkartenautomaten ist auch eine englischsprachige Übersicht abrufbar. Das Shanghaier Metrosystem funktioniert im Wesentlichen nicht anders als die U-Bahn-Netze von London, New York oder anderen Metropolen und erklärt sich damit fast von selbst. Man wählt die Zielstation aus, zahlt den entsprechenden Fahrpreis und erhält ein Ticket, mit dem man durch eine automatische Zugangskontrolle zu den Bahnsteigen gelangt. In jeder Station muss das Handgepäck – wie am Flughafen – auf ein Band gelegt werden und wird durch Sicherheitspersonal kontrolliert. Das Ticket muss sorgfältig aufbewahrt werden, denn nur damit gelangt man am Zielort durch die automatischen Kontrollschranken auch wieder hinaus. Für einen unschlagbar günstigen Preis von umgerechnet 33 Cent pro Person fahren wir in einer blitzeblanken, gepflegten, klimatisierten, supermodernen Bahn zurück in die Französische Konzession.

Am frühen Abend holen uns Adeline und Mister May wie verabredet zum Dinner ab. Durch das erleuchtete Shanghai brausen wir in Mister Mays Van in Richtung City. Ganz in der Nähe des Bund kehren wir in ein Restaurant mit dem Namen „Le Patio et La Famille“ ein – Adeline lädt uns ausgesprochen großzügig ein… nicht nur das Ambiente, sondern auch die Gäste wirken sehr schick. Darauf sind wir nicht so recht vorbereitet – in unseren Jeanshosen und T-Shirts fühlen wir uns etwas „underdressed“. Wir tragen es mit Fassung. Wir sind zum ersten und vermutlich auch zum letzten Mal hier. Uns kennt keiner. Die Bestellung übernimmt Adeline. Wie in China allgemein üblich, ordert sie unterschiedliche Speisen, die allesamt in der Mitte des Tisches platziert werden. Es sucht sich nicht jeder Gast sein eigenes Gericht aus, wie wir es aus Deutschland kennen, sondern alles steht für jeden bereit. Uns gefällt diese Art zu teilen sehr, denn auf diese Weise können wir maximal viele unterschiedliche Speisen testen!

Wir starten mit Lotuswurzelscheiben, gefüllt mit schwarzem Reis und überzogen mit einer knallrosafarbenen Erdbeersoße – ein neues, schönes Geschmackserlebnis! Auch die in Teeblatt-Sud gekochten Shrimps und das Rindfleisch in würziger Soße schmecken uns sehr gut.

Wir sind uns beide einig, dass der Eintopf mit Tofu, Shiitake-Pilzen und Schweinespeck wohl nicht unser Lieblingsgericht wird. Unsere Gaumen können auch nicht so viel mit der sämigen, leicht süßlichen und an die Milchsuppe meiner Oma Fine aus Nordkirchen erinnernden Eier-Reisbällchen-Suppe anfangen (Oma Fines Milchsuppe ist eben doch die beste!). Zu guter Letzt kommt noch ein – zumindest optisch – echtes Highlight auf den Tisch, das uns jedoch beim Verzehr einige Überwindung abverlangt! Gut gemeint, hat Adeline eine mit einer braunen Soße glasierte, kunstvoll aufgeschichtete Pyramide geordert, die nun vor uns auf der Drehplatte Platz findet. Sieht hervorragend aus! Und so ein Karamellpudding als Nachtisch, super Sache, denken wir. Den Pak Choi darunter haben wir wohl irgendwie übersehen. Mit Vorfreude auf eine abschließende Süßspeise greifen wir zu und bemerken in diesem Moment, dass wir es mit weichen, dicken Speckstreifen zu tun haben, die eine herzhafte Füllung aus Bambusstreifen umhüllen. Beides nimmt man in einem weißen, warmen Brötchen zu sich. Tapfer kostet Carsten vom Speck, während ich möglichst unauffällig versuche, die Bambusstreifen ohne das wabbelige Fleisch in mein Brötchen zu verfrachten. Wir müssen uns eingestehen, dass wir wohl doch nicht so experimentierfreudig sind, wie wir selbst immer von uns behaupten… Und zum ersten Mal auf dieser Reise denken wir sehnsüchtig an Chop Suey mit Hähnchenfleisch und knuspriges Schweinefleisch süß-sauer!

Nach diesem besonderen Abend mit einem Querschnitt durch die traditionelle, aber modern interpretierte Shanghai Cuisine fassen wir zusammen: Wir sind dankbar für die nette, großzügige Einladung in einem so gediegenen Ambiente. Und das Essen war „interessant“.

Mister May fährt uns zum Bund und lässt uns dort an prominenter Stelle aussteigen, um uns später am Nordende der Promenade wieder einzusammeln. Den Bund und die Halbinsel Pudong in der Dunkelheit zu besuchen, ist ein völlig anderes Erlebnis als bei Tageslicht! Prachtvoll erleuchtet erstrecken sich die repräsentativen alten Bank- und Hotelgebäude entlang der Meile, und auf der anderen Seite des Huangpu Rivers erstrahlt die futuristische Skyline in allen grellen Farben, die man sich nur vorstellen kann! Eine Lightshow der Extraklasse! Die Spitze des Shanghai Towers bleibt aber immer noch im Dunst verborgen.

Adeline bringt uns in das berühmte, edle Peace Hotel, von dem wir gar nicht vermutet haben, dass es für die Öffentlichkeit einfach so zugänglich ist. Im Inneren des Hotels bewundern wir die wunderschöne, glamouröse Art Deco-Ausstattung mit viel Marmor, Messing, Spiegeln und Ornamenten und werfen einen Blick in die legendäre Hotelbar, in der seit Jahr und Tag die älteste Jazzkapelle Shanghais aufspielt. Die Musiker der Truppe am frühen Abend sind über 80 Jahre alt. Die Spätschicht ist noch etwas jünger, die Herren sind aber immerhin auch schon in ihren 70ern! Auch in das ein paar Meter weiter gelegene Roosevelt-Building können wir Dank der Insiderin Adeline einen Blick hineinwerfen. Hier befinden sich – wie in einem privaten Club für die Upper Class – anmietbare Restauranträume, eine repräsentative Bibliothek und Gemälde des edlen Spenders Teddy Roosevelt.

Spät am Abend fahren wir zurück und quer durch die Französische Konzession zu einem Apartmenthaus, in dem sich Adelines Wohnung befindet. Während der kleinen Besichtigung erfahren wir, dass im Gebäude die Etagen 13 und 14 fehlen. Dies hat einen plausiblen Grund: die 13 gilt auch in China als Unglückszahl, und 14 klingt auf Kantonesisch wie „muss sterben“. Niemand will auf einer solchen Etage wohnen! Wir fragen uns, wie es sich für einen abergläubischen Menschen anfühlt, auf Etage 15 zu wohnen, aber zu wissen, dass es doch eigentlich Etage 13 ist? Mit diesen Gedanken bringt uns Mister May zurück ins Hotel.

Am nächsten Morgen flanieren wir durch den Fuxing-Park und durch die Französische Konzession entlang der Fuxing Road zum Tempel Jing´an an der West Nanjing Road. Mit ihren großzügigen Hallen und riesigen Statuen gehört die Anlage, die übersetzt „Tempel der Ruhe und des Friedens“ heißt, zu den wichtigsten buddhistischen Stätten in China. Der Tempel umgeben von Fassaden aus Glas und Beton und die Ladenlokale im Erdgeschoss der Tempelaußenseite wirken etwas deplatziert auf uns. Wirtschaftsleben und Religion können so eng beieinander liegen… Nachdem wir das große Eingangstor durchschritten haben, entfaltet sich innen ein großer Hof umgeben von den Laubengängen der Klosteranlage, und über allem thront am Kopf einer großen Freitreppe die zentrale Halle mit prunkvollem Altar und Statuen.

In den Nebenräumen des Untergeschosses musizieren Gruppen von Mönchen. Wir sind erstaunt, dass so etwas auch bei Mönchen ziemlich unmelodiös klingen kann! Sie müssen wohl noch etwas üben. Im Innenhof steht ein großer Schrein, an dem sich die Besucher abarbeiten, indem sie mehr oder weniger erfolgreich versuchen, Münzen hineinzuwerfen. Das soll Glück bringen. Meine Wurfversuche scheitern vollständig, so dass ich die Münze schließlich unten in einen Schrein hineinstecke. So wird es hoffentlich auch gehen.

Zu Fuß machen wir uns auf den Weg zu unserer Lunchverabredung mit Adeline. Wir treffen uns in einem bis auf den letzten Platz gefüllten, nur mit Einheimischen belegten Restaurant namens Fuchun Xiaolongbao in der Yuyuan Road. Adeline ist noch nicht da, so dass wir noch ein paar Minuten vor der Tür warten. Wir beobachten einen vorfahrenden Van. Es tropft schon verdächtig aus der offenen Tür heraus, dann werden Shrimpkisten ausgeladen und auf dem Gehsteig abgestellt. Ein lebendiger Shrimp, der es irgendwie geschafft hat, aus einer der Kisten zu krabbeln, wird an der Flucht gehindert, indem der Fahrer seine Scheren in das Styropor des Kistendeckels gesteckt hat.

Eigentlich wollen wir heute die Rechnung übernehmen, scheitern aber aufgrund unserer Orientierungslosigkeit. Die ansonsten in den Restaurants bebilderten Speisekarten gibt es hier nicht. An der Wand hängt eine große Tafel chinesischer Schriftzeichen – wir verstehen NICHTS. Wir könnten nur auf irgendwelche appetitlichen Gerichte auf den Tischen um uns herum zeigen und andeuten, dass wir das auch gerne hätten. Bevor wir uns durchsetzen können, hat Adeline aber bereits die Speisenauswahl an der Kassentheke übernommen, und wir können mit Mühe drei Sitzplätze ergattern. Heute speisen wir Dumplings mit einer Fleisch- und einer Fleisch-Shrimp-Füllung, weiße Reisteigscheiben mit Kräutersoße und Schinkenstreifen, paniertes Schweinekotelett und einen eckig geformten, geschmacksneutral-süßen Reisnachtisch mit Blüten. Wir müssen zugeben, dass wir auch die Bestandteile dieser Mahlzeit nicht uneingeschränkt lecker finden. Hier in Shanghai zeigt sich zum ersten Mal, dass wir offenbar doch pingeliger mit dem Essen sind, als wir uns selbst bislang eingestehen wollten. Wir fragen uns, woher wohl die vielgeschriebene Empfehlung kommt, man müsse allein schon wegen des unglaublichen Essens nach China reisen! Bei uns läuft es kulinarisch anscheinend noch nicht so rund… Nur schon einmal vorweg: Wie sich zeigen wird, soll sich das während der weiteren Tour noch ändern. Aber für den Rest dieses Tages träumen wir von Fischstäbchen mit Stampfkartoffeln, Schnitzel Plettenberger Art, Spargel mit Sauce Hollandaise und Pizza (und das bereits an Tag 3 in China…).

Zu dritt fahren wir von der nächstgelegenen Haltestelle in einem Schnellbus bis zum ehemaligen russischen Konsulat und zur Metrostation am Jing´an Tempel. Unsere gemeinsame Zeit mit der so gastfreundlichen Adeline ist leider schon wieder vorbei. Wir nehmen Abschied und sind von nun an wieder allein unterwegs.

Auch das Konzept Schnellbus ist eine sehr praktische und unglaublich kostengünstige Angelegenheit, sich hier in Shanghai im Großstadtverkehr fortzubewegen. Auf einer eigenen Spur kann man – unabhängig vom restlichen Verkehr – für zwei Yuan (= 25 Cent) quer durch die gesamte Stadt fahren!

Auf Empfehlung von Mister May düsen wir mit der Metro zur Qibao Old Town. Qibao ist ein überwiegend eingeschossiges, von Kanälen durchzogenes Wohnquartier mit schmalen Gassen und einzelnen kleineren Ladenstraßen. Das Viertel war vielleicht früher mal ein Dorf, das sich inzwischen der ausufernde Ballungsraum Shanghais einfach einverleibt hat. Ganz in der Nähe sind bereits mächtige Einkaufszentren aus dem Boden gestampft worden. Qibao wirkt wie ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten. Mister May ist der Ansicht, dass Qibao bislang seltener von westlichen Touristen besucht wird und deshalb vielleicht interessanter für uns ist, als andere, bekanntere Altstädte im Umkreis von Shanghai. Da es so etwas in Shanghai aber insgesamt nicht mehr häufig gibt, übt das Viertel auf chinesische Besucher eine große Anziehungskraft aus. Die Gassen mit ihren Souveniergeschäften und Snackständen quellen förmlich über. An den Essensständen werden allerlei optisch mehr oder weniger ansprechende Speisen angeboten, von denen teils interessante, teils aber auch ziemlich abstoßende Gerüche ausgehen. Auch hier werden wir vom kulinarischen Angebot eher abgeschreckt als angesprochen. Vor allem die Fleischauswahl ist abenteuerlich. Schweinefüße, ganze Wachteln am Spieß, Gänseköpfe… und das ist nur die Auswahl der identifizierbaren Snacks… Wir müssen uns eingestehen, dass wir hier nichts essen wollen.

Etwas abseits des Trubels entdecken wir einen kleinen Tempel. Wir sind erst nicht sicher, ob hier nichtreligiöse Besucher erwünscht sind, trauen uns aber nach einer kurzen Orientierung dann doch hinein. In einem Nebenraum werden wir von vertrauten Klängen begrüßt! Wir fühlen uns an unsere Reise nach Nepal erinnert – von einem Band ertönt monotoner, wohlklingender Mönchsgesang mit dem betörenden Mantra „Om mani phedme hum“.

Beim Verlassen des Tempels fällt unser Blick durch ein Tor an der Straße schräg gegenüber auf ein riesiges, eingeebnetes Areal – wir scheinen uns hier inmitten eines Abrissgebietes zu befinden! Nur einzelne der kleinen Wohnhäuser stehen noch. Wieder fragen wir uns , wo die Menschen geblieben sind, die hier früher einmal gelebt haben. Gehörte dieser Teil der Stadt einmal zu Qibao, und bleibt der Rest der Altstadt von der Abrissbirne veschont? Wir wissen es nicht. Aber ein beklemmendes Gefühl bleibt, als wir wenig später die hinter dem frei geräumten Gebiet gelegene weitläufige Anlage des Qibao-Tempels mit einem hübschen, üppig grünen Garten besuchen. Hier sind insgesamt nur wenige Besucher unterwegs. Auch dies scheint ein Teil Shanghais zu sein, der für nichtchinesische Touristen noch eher unentdeckt ist.

Schon richtig routiniert nehmen wir die U-Bahn zurück ins Zentrum. Es wird langsam voll. Und ich meine: RICHTIG voll. Zum anstehenden Feiertag haben viele Chinesen frei, fahren nach Hause in ihre Heimatorte und hängen direkt noch ein paar Urlaubstage dran. Hinzu kommt die Feierabendzeit. Menschenmassen schieben sich durch die Metrostationen, und zwischenzeitlich ist die Bahn zum Bersten gefüllt. Wenig später befinden wir uns mitten im wirtschaftlichen Herzen der Stadt – in Pudong!

Riesige Gebäude, Glasfassaden und geschäftiges Treiben der arbeitenden Bevölkerung. Zur Dämmerung fahren wir auf den Shanghai Tower, den wir am Vortag nur in Nebel gehüllt und aus der Ferne gesehen haben. Die Warteschlange am Aufzug ist wider Erwarten kurz bzw. am Kassenhäuschen gar nicht existent. Von oben haben wir einen überwältigenden Blick auf den Bund, den Huangpu mit winzigen erleuchteten Schiffen, das Shanghai Financial Center, das Pagodenhochhaus Jinmao und den Oriental Pearl Tower.

Die Welt aus Stahl und Glas um uns herum glitzert und erstrahlt in den buntesten Farben. Sie erscheint uns so unwirklich und gleichzeitig so real – wir stehen hier in China, in Shanghai, auf der höchsten Aussichtsplattform der Welt!

Nach den unzähligen neuen Eindrücken des heutigen Tages sind unsere Kräfte erschöpft. Allmählich sind wir der Menschen, der Geschäfte, der Werbeplakate und Leuchtreklamen überdrüssig. Dennoch werden wir noch einmal magisch von der anderen Flussseite angezogen. Was nun folgen soll, haben wir so noch nicht erlebt. Auf dem Weg von der Haupteinkaufsstraße zum Huangpu River schieben sich Menschenmassen auf dem dafür viel zu engen Gehsteig in Richtung Ufer. Polizisten pfeifen die Leute, die ausgehend vom Gehweg die Fahrbahn betreten, zurück auf den Fußgängerweg. Vor den Ampeln bilden sich Fußgängerstaus. Aber alles erscheint eigenartig routiniert und unaufgeregt. Wir wabern einfach mit den Massen mit und sind irgendwann am Bund angelangt. Gestern noch spärlich frequentiert, ist die berühmte Promenade heute bis zum Anschlag gefüllt. Über Megafone erschallen an den Zugangstreppen automatisierte, sich permanent wiederholende Anweisungen zur Steuerung der Besucherströme. Und die Besucherströme lassen sich steuern. Irgendwie gespenstisch.

Wir kämpfen uns bis zur Brüstung direkt am Wasser vor. Dort warten wir in zweiter Reihe ab, bis einige Jugendliche alle Selfies im Kasten haben (und sich während dieser Prozedur nicht ein einziges Mal der Skyline zugewandt haben, um sie sich auch mal „live“ anzusehen). Dann stehen wir endlich ganz vorne. Vor uns entfaltet sich ein Panorama wie aus einem futuristischen Bilderbuch! Vor der Hochhauskulisse gleiten Ausflugsboote mit wildblinkender Partybeleuchtung vorüber. Dazwischen können wir rabenschwarze Frachtschiffe ausmachen, die in der Dunkelheit lautlos, eins nach dem anderen, vorbeiziehen. Es ist Hochwasserzeit.

Ein wenig Zeit bleibt aber auch für Beobachtungen der Leute auf dem Bund. Einem Großteil der Besucher scheinen die Handys an den Händen festgewachsen zu sein. Wie ferngesteuert starrt vor allem der jüngere Teil der Bevölkerung scheinbar permanent auf die Displays. Ständig schleicht jemand – den Blick auf das Mobiltelefon gerichtet – im Schneckentempo vor uns über den Gehsteig. Selfie hier, Selfie dort. Wir sind genervt. Irgendwann sind wir an einem Punkt der Erschöpfung angelangt, an dem wir einfach nur noch weg wollen von den Menschenmassen und dem Trubel. Der Schnellbus bringt uns zurück ins Hotel. 12 Stunden waren wir heute unterwegs. Jetzt freuen wir uns nur noch auf flauschige Kissen!

Nach ein paar Stunden Schlaf sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Bevor wir am Abend unseren Weiterflug nach Guilin antreten, verbringen wir den letzten Tag in Shanghai mit weiteren Stadterkundungen. Wir fahren mit der U-Bahn zum ehemaligen Industrieareal M50. Früher als Baumwollmühle industriell genutzt, beherbergen die Hallen dieses um die Jahrtausendwende gegründeten Kunstdistrikts eine Vielzahl an Galerien, Ateliers und ein paar Cafés. Hier lässt es sich herrlich herumstromern und auf Entdeckungstour gehen. Hinter jeder Ecke wartet eine neue kleine Ausstellung interessanter Objekte auf uns. Wir ergründen versteckte Winkel zwischen den Werkshallen und treffen an jeder Ecke auf spannende Fotomotive!

Von einer Treppe und einem kleinen Plateau aus haben wir einen unglaublichen Ausblick über eine Industriebrache hinweg auf eine gigantische Kulisse aus Wohnhochhäusern! Das Ensemble erinnert an die wahr gewordenen städtebaulichen Utopien von Le Corbusier! Berlin-Marzahn oder Dortmund-Scharnhorst sind ein Dorf dagegen!

Von M50 sind es nur ein paar Minuten Fußweg zu einem weiteren religiösen Kleinod in Shanghai – dem Jadebuddha-Tempel. Die verwinkelte Anlage im Nordwesten der Stadt ist in heutiger Form recht jung und stammt aus den1920er Jahren. Der Jadebuddha-Tempel ist für einen Feiertag entgegen allen Erwartungen ein erstaunlich ruhiger, friedlicher, grüner und ganz und gar nicht überlaufener Ort. Er scheint nicht nur ein touristisches Ausflugsziel zu sein, sondern wird von buddhistischen Gläubigen aktiv aufgesucht und genutzt – hier betet man für den Wohlstand. Im Gegensatz zu bunt überfrachteten anderen Tempelanlagen erscheinen die Laubengänge, Hallen und Plätze schlichter, schicker und weniger kitschig. Angelockt von dem malerischen Anblick eines Mönchs, der bereits im tempeleigenen Teehaus bei einer Teezeremonie sitzt, wollen auch wir uns dort ein Tässchen gönnen. Wir erfahren, dass zwar Kaffee tassenweise ausgeschenkt wird. Den Tee – das Geschenk Buddhas – gibt es jedoch nur in Kombination mit einem Snack für den stolzen Preis von umgerechnet 17 Euro. Wenn man erfolgreich für den Wohlstand gebetet hat, kann man hier auch direkt alles wieder ausgeben! Eine einzelne Tasse Tee will man uns auf Nachfrage zunächst für 35 Yuan, dann plötzlich für 65 Yuan anbieten. Das wird mir alles zu kompliziert. Wir belassen es ganz unbuddhistisch beim Kaffee.

Mit der U-Bahn fahren wir (als hätten wir niemals etwas anderes getan!) zurück in die Nähe unseres Hotels, decken uns in einem Backshop mit ein paar Snacks ein und lassen uns noch für eine halbe Stunde im Fuxing-Park für ein kleines Picknick nieder, bis wir zum Flughafen aufbrechen müssen. Das Wetter ist schön, zwischendurch sogar sonnig. Die Dunstglocke über der Stadt verursacht zwar keine Atemprobleme, aber sorgt sonst für ein eher diesiges, fahles Licht. Auf den Grünflächen herrscht ein buntes Treiben. Viele Familien, offensichtliche Expats beim Picknick, tanzende Paare… Während wir im Schatten von Marx und Engels so dasitzen, essen und schauen, werden wir aus der Nähe von einem älteren Herrn beäugt. Als ich ihm freundlich zulächle, nutzt er sofort die Gelegenheit, mit uns ein Gespräch anzufangen. Sein Englisch ist vergleichsweise gut, wenn auch überwiegend unverständlich. Mister Wang (seinen richtigen Namen konnte ich mir nicht merken), ist alteingesessener Shanghaier und 84 Jahre alt. Er plaudert mit uns munter über dies und das. Zwischendurch stellt sich plötzlich irgendein Paar mittleren Alters dazu, das zufällig vorbeigekommen ist. Weder Mister Wang noch wir kennen die beiden, aber sie lauschen der Unterhaltung interessiert… und ziehen wenig später wortlos weiter. Als wir gemeinsam Fotos machen, kommt ein weiterer Herr dazu und schaut sich die Fotos auf dem Kameradisplay mit uns an. Und weg ist er wieder. Es wird Zeit, sich zu verabschieden. Als wir am Parkausgang angelangt sind, blicken wir zurück und sehen Mister Wang um ein Paar offensichtlicher Expats herumscharwenzeln… er scheint es wohl zu mögen, sich die Zeit beim Plausch mit Nicht-Chinesen zu vertreiben, und der Park bietet dafür immer wieder neue Möglichkeiten.

Wir bestellen uns für halb vier ein Taxi, mit dem wir dann zur Maglev-Station jenseits von Pudong fahren wollen, um die letzten Kilometer zum Flughafen im einzigen Transrapid-Schnellzug weltweit zurücklegen zu können. Der Rezeptionist im Hotel schreibt unser Zwischenziel in chinesischen Schriftzeichen auf ein Kärtchen, dass wir dem Fahrer überreichen können. Während der Fahrt stelle ich ihm ein paar Fragen, um ein Gespräch anzufangen und mal zu schauen, ob er vielleicht doch ein wenig Englisch spricht. Als er jedes Mal nur mit „Ok, ok, ok!“ antwortet, gebe ich auf.

Über gewaltige Betonpisten und -brücken und zwischen endlosen Wohnturmsiedlungen und Hochhausgruppen hindurch gelangen wir von der Französischen Konzession für 50 Yuan (umgerechnet 6,30 Euro) zur Station der Magnetschwebebahn (Magnetic Levitation Train). Schnell haben wir uns auch hier orientiert und werden für 40 Yuan (umgerechnet 5 Euro) in Wharp-Geschwindigkeit zum etwa 45 Kilometer außerhalb der Innenstadt gelegenen internationalen Flughafen transportiert. Unser Zug erreicht eine Geschwindigkeit von beeindruckenden 301 km/h – die inzwischen gängige Geschwindigkeit. Die mögliche Höchstgeschwindigkeit von 430 km/h wird wohl nur noch zu bestimmten Tageszeiten erreicht.

Beeindruckt von den gigantischen Dimensionen des internationalen Flughafens Pudong arbeiten wir uns durch die langen Check In-Schlangen bis in den Wartebereich vor. Trotz der Menschenmengen läuft alles reibungslos. Nur das fortwährende Klingeln und Lärmen der Mobiltelefone um uns herum zehrt an unseren mitteleuropäisch sozialisierten Nerven. Die beachtliche Geräuschkulisse um uns herum setzt sich aus Videospielen, sinnlosen sonstigen Videos und Filmsequenzen zusammen und wird durch unverständliche, dafür aber ununterbrochene Durchsagen auf Chinesisch komplettiert. Boarding. Im Flugzeug daddeln alle Passagiere weiter.

Entgegen allen wilden Erzählungen, die im Vorfeld unserer Reise an uns herangetragen wurden, ist es dann ein „ganz normaler“, zweieinhalbstündiger Flug mit „ganz normalen“ (handy-ferngesteuerten) Passagieren und mit mehr Service, als man ihn bei den Airlines auf innereuropäischen Flügen gewohnt ist (warme Mahlzeit inklusive). Während des Fluges lassen wir unsere ersten Reisetage Revue passieren.

Noch immer ist alles neu und wir fragen uns, welche Eindrücke von China nach der kurzen Zeit überhaupt schon entstanden sein können. Noch immer sind wir überwältigt von den Dimensionen der Stadt, dem endlosen Häusermeer, den Menschenmassen. Vielerorts sind wir auf eine Fortschrittlichkeit gestoßen, die das alte Europa erblassen lassen, aber mit all den Kameras, Abrissgebieten und dergleichen auch auf unverkennbare Zeichen für eingeschränkte Freiheiten und ein rigoroses Durchgreifen des Staates, das uns sehr befremdlich erscheint. Gleichzeitig hat uns die Entspanntheit der meisten Leute beeindruckt, die in der Megametropole ihren Alltag bewältigen.

Die nächste Station unserer Reise sind die Stadt Yangshuo und die berühmten Karstberge am Li-Fluss in der Region Guilin. Bald erfahrt Ihr mehr…

Wart Ihr schon einmal in Shanghai? Was waren Eure Highlights? Und hat jemand eine Idee, woraus der schwarze und geschmacksneutrale Wackelpudding, den wir auf unserem Weiterflug probiert haben, bestanden haben könnte? Wir freuen uns auf Eure Nachrichten, Tipps und Kommentare!

 

+++ Hinweis: Sämtliche Namensnennungen und Empfehlungen in unseren Beiträgen basieren auf unserer persönlichen Meinung. Für die Erwähnung von Namen, Marken, Titeln etc. und für das Setzen von Links erhalten wir keine Bezahlung und auch keine anderweitige Gegenleistung. +++

Comments (4):

  1. Inge

    25. August 2019 at 23:26

    Schön, die Bilder und Beschreibungen noch einmal zu sehen und zu lesen. Das erinnert uns an unsere eigene Chinareise 2013 mit teils gleichen Zielen. Wir wünschen Euch noch viele schöne gemeinsame Reise, von denen Ihr berichten könnt. 😙😙😙 Viele Grüße von Euren Eltern

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    • Nadine Stiens

      26. August 2019 at 19:29

      So lange ist das schon wieder her! Ich kann mich noch gut erinnern, als Ihr begeistert von Euren Reiseabenteuern berichtet habt! 🙂

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  2. Pepp

    26. August 2019 at 8:37

    Ich bin beeindruckt. Toller Bericht. Tolle Bilder. Vieles kommt mir bekannt vor. So als wäre ich schon selbst da gewesen.

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    • Nadine Stiens

      26. August 2019 at 19:30

      Danke schön! Wie kommt es bloß, dass Dir so vieles bekannt vorkommt?! 😉

      Antworten

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